Aus dem Nichts zur WM?

Winterberg..  An diesen Tag erinnert sich René Spies, als wäre er gestern gewesen. Wie er da so saß auf der Tribüne beim Leichtathletik-Meeting in Wesel und ihm diese Speerwerferin ins Auge fiel. Diese Speerwerferin, die plötzlich den Hürdensprint mit zehn Metern Vorsprung vor der Konkurrenz gewann - und gar keine Speerwerferin war. „Da habe ich mich etwas vertan“, sagt Spies und lacht. Doch mit all dem, was anschließend auf seine Initiative folgte, lag er mehr als richtig.

Annika Drazek, diesen Namen notierte sich der Bob-Bundestrainer damals auf seinen Zettel. In Großbuchstaben. Er wird auch am Freitag auf einem Blatt Papier stehen, welches Spies leicht aufgeregt in seinen Händen halten wird: Die Startaufstellung des Weltcups am Königssee. Annika Drazek, seine Entdeckung, wird dort als Anschieberin den Bob von Anja Schneiderheinze in die Spur katapultieren.

„Ihre Schnelligkeit, ihr Körperbau - sie war vom ersten Moment an meine Wunschkandidatin“, sagt Rene Spies. Er begibt sich im Sommer stets auf die Suche nach neuen Talenten, aber selten ist er so von einem vorhandenen riesengroßen Potenzial überzeugt, wie er es an jenem Tag in Wesel war.

Dass es Drazek nach ihrem Seitenwechsel von der Sommer- zur Wintersportlerin innerhalb eines halben Jahres in den Weltcup schaffte, ist bereits phänomenal. Die meisten Experten trauen der 19-Jährigen, die beim internen Anschubtest vor wenigen Tagen in Oberhof die versammelte nationale Konkurrenz deutlich hinter sich ließ und zudem den Startrekord verbesserte, aber eine noch viel größere Sensation zu: Die Teilnahme an der Heim-WM in Winterberg (23. Februar bis 8. März).

Von der Laufbahn in den Eiskanal, vom TV Gladbeck zum BSC Winterberg, aus dem Nichts zur WM. „Das wäre - der Wahnsinn“, sagt Rene Spies, um nach einer kurzen, dramaturgischen Gedankenpause zu ergänzen: „Aber Annika kann das schaffen. Keine andere, aber sie kann es.“

Der Weltcup am Königssee, der Europacup Ende des Monats in Winterberg und ein weiterer Weltcup in Innsbruck-Igls - wiederholt oder steigert die Gladbeckerin während dieser drei Stationen ihre Leistung und startet dann bei der WM, zählt sie mit Schneiderheinze sogar zu den Medaillenkandidatinnen. „Ich glaube sogar, dass Annika im Endanschub besser ist als zum Beispiel eine Lolo Jones“, sagt Spies. Die einstige Top-Sprinterin aus den USA brachte unter anderem den Bob der aktuell Gesamtweltcup-Führenden Elana Meyers (USA) in Schwung.

Eine will von solchen Vergleichen am liebsten gar nichts hören. Und sie will sie erst recht nicht kommentieren. „Ich lasse lieber Taten sprechen“, sagt Annika Drazek selbst. Hoffnungen auf einen Start bei dem WM? „Natürlich mache ich mir Hoffnungen“, erklärt sie, „aber erstmal muss ich Erfahrungen im Weltcup sammeln.“

Besonders freut sich Drazek darüber, dass sie ihre Premiere im Bob von Anja Schneiderheinze erleben wird. Denn die ehemalige Winterbergerin war es, welche die Lenkseile in den Händen hielt, als Drazek zum ersten Mal überhaupt in Oberhof einen Eiskanal hinab raste. „Ein bisschen verrückt muss man schon sein, wenn man so umschult“, sagt die 19-Jährige lachend, „aber ich habe gesagt, wenn mir beim Bob fahren nicht schlecht wird, mache ich das.“

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