Athleten in Baku zwischen Politik und Sport

Für die deutschen Athleten ist das heikelste Thema dieser Europaspiele in Baku ein Balanceakt.

Baku.. Volle Konzentration auf den Sport oder Blick über den Wettkampf hinaus auf die Debatte um Menschenrechte und Pressefreiheit in Aserbaidschan - vor den ersten Entscheidungen am Wochenende gibt es im Team beide Strategien.

"Politik spielt für mich keine große Rolle, der Sport steht für mich im absoluten Vordergrund", berichtete Tischtennis-Star Dimitrij Ovtcharov beim Training am Tag der Eröffnungsfeier. Der 26-Jährige fungiert als Botschafter für die Premiere der kontinentalen Spiele und steht "voll" hinter dieser Entscheidung. "Ich kann die Situation nicht verändern, dann hätten einfach alle Länder die Spiele boykottieren können, weil die Menschenrechtslage in Aserbaidschan nicht gut ist."

Bei den Spielen vor der Hochglanz-Kulisse Bakus dürfen sich die deutschen Sportler nach Aussage von DOSB-Vorstandschef Michael Vesper "selbstverständlich zu politischen Verhältnissen äußern". Im Wettbewerb verbietet jedoch Regel 50 der Olympischen Charta, auf die sich die Europäischen Olympischen Komitees in Baku verpflichten, "jegliche Form von Demonstration oder politischer Propaganda".

Angesichts des europaweiten Protests gegen Verstöße der autoritär geführten Regierung von Staatspräsident Ilham Aliyev hofft Degenfechterin Imke Duplitzer auf ein Umdenken bei unpolitischen Sportlern. "Vielleicht passiert jetzt mal was in den Köpfen unserer Athleten", sagte die stets kritische Duplitzer, die in Baku nicht dabei ist, der "Welt am Sonntag". "Dass sie erkennen, dass es Länder ohne Facebook, Twitter, Meinungsfreiheit gibt."

Allerdings seien politische Themen "schwierig" für Sportler, weil sie entweder nicht interessiert seien oder weitere Nachfragen der Medien befürchten, berichtete Duplitzer.

Und mehrere Athleten sehen ihren Einsatz in Baku auch als Chance. Vor dem ersten Aufschlag schätzte Volleyball-Nationalspieler Jochen Schöps die Menschenrechts-Thematik als "sehr wichtig" ein. "Egal, wo wir Wettkämpfe bestreiten, haben wir als Sportler Vorbildcharakter. Politik bewegen kann man nicht mit dem Sport, aber wir können versuchen, Brücken zwischen den Ländern zu bauen."

Vor der Eröffnungsfeier am Freitagabend hatte Fahnenträger Fabian Hambüchen erklärt, dass ihm die Situation keinesfalls "egal" sei und dass sich die Sportler "zusammensetzen und überlegen, was wir machen werden". Athletensprecher Christian Schreiber forderte zuvor mit klaren Worten die Freilassung politischer Gefangener in Aserbaidschan.

Bereits vor den Winterspielen 2014 in Sotschi und vor allem den Sommerspielen vor sieben Jahren in Peking hatte die politische und gesellschaftliche Situation in den Ausrichterländern für öffentliche Kritik gesorgt. Auch Tischtennis-Star Timo Boll, der in China verehrt wird, erinnerte an den Olympia-Gastgeber von 2008. "In China hat sich seit Olympia ein bisschen was getan, da hat sich die Lage nach und nach verbessert für die Menschen", sagte der 34-Jährige. "Vielleicht ist es immer noch nicht ganz das, wovon wir ausgehen." Deshalb wolle er mit einer Bewertung der Lage in Aserbaidschan abwarten. "Ich glaube, dass ist eine Chance für das Land und für die Menschen hier."