Am Schießstand des Wahnsinns

Oberhof/Ottlar..  Karolin Horchler atmet tief ein - und aus. Ein - und aus. Flach auf dem Bauch liegt sie am Schießstand der Biathlonarena in Oberhof, sie nimmt die fünf winzigen schwarzen Punkte auf den Zielscheiben ins Visier und drückt ab. Doch kein frenetischer Jubel oder tausendfaches Aufstöhnen begleitet die 25-jährige Athletin des WSV Clausthal-Zellerfeld. Beim Training verirren sich nur vereinzelt Zuschauer auf die Tribünen. Und die, die da sind, schweigen.

An diesem Mittwoch wird das anders sein. Denn mit der Frauenstaffel über 4 x 6 Kilometer (ab 14.15 Uhr / live ZDF) fängt das Herz des Kult-Weltcups im Thüringer Wald an zu schlagen. Insgesamt werden an den kommenden fünf Tagen knapp 100 000 Fans am Grenzadler erwartet, viele der elf Hotels in der Stadt sind seit Wochen ausgebucht.

Bundestrainer hofft auf Sieg

„In Oberhof zu laufen, war immer ein großes Ziel für mich“, sagt Karolin Horchler gestern Nachmittag im Gespräch mit dieser Zeitung. Kurz zuvor durchströmen noch mehr Glücksgefühle den Körper der gebürtigen Ottlarerin, die ihre Karriere einst beim SC Willingen begann. Weil Franziska Hildebrand, die ranglistenhöchste deutsche Skijägerin, auf Grund einer Erkältung für den Sprint am Freitag geschont werden soll, nominiert Bundestrainer Gerald Hönig die Nordhessin sogar für die Staffel des Deutschen Skiverbandes.

„Einige Teilleistungen in den Rennen im Dezember, aber besonders ihre Stärke am Schießstand gaben den Ausschlag für ihren Staffel-Start“, erklärt Hönig. Außerdem habe Horchler zuletzt beim Training an ihrem Stützpunkt in Ruhpolding einen hervorragenden Eindruck hinterlassen.

„Wenn wir am Schießstand gute und faire Bedingungen haben, sollten wir auch in der Lage sein, wieder um vordere Plätze mitlaufen zu können“, erzählt Hönig. „Eine Siegleistung kann man aber nicht immer erwarten.“ Weil Luise Kummer, Vanessa Hinz und Franziska Preuß an den Positionen eins, drei und vier laufen, geht Horchler als zweite Deutsche in die Loipe. „Ich freue mich sehr, in der Staffel zu laufen“, sagt sie, „das wird sicherlich etwas ganz Besonderes.“ Es wird auf jeden Fall die Fortsetzung ihrer ersten Saison im Weltcup.

Einer Saison, die selbst sie so fast nicht mehr erwartet hatte. Jahrelang kämpfte sich Karolin Horchler durch den IBU-Cup, die zweite Liga im Biathlon, doch an der Schwelle zum Weltcup stand meistens ihre große Schwester Nadine vom SC Willingen. Vor der Saison nach den historischen Olympischen Spielen in Sotschi, bei denen es erstmals keine Medaille für die DSV-Damen gab, nutzte Horchler aber ihre Chance und qualifizierte sich im letzten Moment für das Weltcup-Team.

„Ich möchte in Oberhof gute Wettkämpfe zeigen“, sagt sie noch. Gelingt ihr dies, wird sie nach ihren Schüssen keine Stille erleben. Sondern anpeitschenden Jubel oder mitfühlendes Aufstöhnen.