Als der WAZ-Sportchef gegen Schalke spielte - Hans-Josef Justen wird 70

Ein legendäres Rennen auf der Terrasse:  Hans-Josef Justen verfolgt den früheren Fußball-Bundestrainer Sepp Herberger, dessen Frau Eva schaut verwundert zu.
Ein legendäres Rennen auf der Terrasse: Hans-Josef Justen verfolgt den früheren Fußball-Bundestrainer Sepp Herberger, dessen Frau Eva schaut verwundert zu.
Foto: Simon
Was wir bereits wissen
Hans-Josef Justen übernahm 1970 mit 26 Jahren die Leitung der Sportredaktion der WAZ. Damals war vieles anders: Beim Abschlusstraining vor dem Europapokalspiel der Schalker gegen die Iren von Shamrock Rovers ließ ihn Trainer Rudi Gutendorf in einer Presse-Elf gegen die Profis antreten. Das Spiel endete 1:1. An diesem Samstag feiert Hans-Josef Justen seinen 70. Geburtstag.

Gladbeck.. Morgens ist er mit dem Hund unterwegs, nachmittags mit dem Fahrrad. Ist besser für seine kaputte Achillessehne. „25 000 Kilometer in den vergangenen Jahren auf dem Rad, mehr als mit dem Auto“, sagt Hans-Josef Justen. Überhaupt das Auto. Die Winterreifen müssen drauf. Aber über Mittag hat er Zeit, Treffpunkt Wasserschloss Wittringen in seiner Heimat Gladbeck. Er liebt die Terrasse mit dem Blick über den Teich. Mit 26 Jahren ist er 1970 Sportchef der WAZ geworden. Jetzt ist er längst im Ruhestand und wird an diesem Samstag 70 Jahre alt.

Ein Blick zurück? „Ach, muss das sein? Von früher erzählen? Dann höre ich mich ja an wie unser Oma.“

Dann redet er doch. Er kann gar nicht anders. Er liebt den Sport und dessen Geschichten. Es sind auch seine Geschichten.

Das verrückteste Interview:

Er hatte sich mit Niki Lauda verabredet. Der frühere Formel-1-Weltmeister tauchte auch pünktlich in der Redaktion in Essen auf, aber er musste weg. Er hatte gerade seine Fluglinie eröffnet, und auf dem Düsseldorfer Flughafen wartete sein eigener Flieger auf ihn.

[kein Linktext vorhanden] Ab, die Treppe runter, unten stand Justens Auto. „Ein Toyota“, sagt er. Justen setzte sich mit Block und Stift auf den Beifahrersitz, der Fotograf kam auf den Rücksitz, Lauda übernahm das Steuer. „Der ist nicht einmal zu schnell gefahren“, erinnert sich Justen. Vor dem Flughafen hatte Lauda nur eine Bedingung: „Wenn auf den Fotos zu sehen ist, dass ich Toyota fahre, gibt es Ärger.“ Der Österreicher stand noch bei Ferrari unter Vertrag.

Die Nähe zu den Sportlern:

Die Zeiten im Profisport und im Journalismus waren andere, als Justen begann. 1969 flog er mit dem FC Schalke 04 zum Europapokalspiel gegen die Shamrock Rovers. Das Abschlusstraining der Schalker sah so aus: Trainer Rudi Gutendorf ließ die Schalker Mannschaft 90 Minuten lang gegen die mitgereisten Journalisten spielen. Zur Verstärkung schickte Gutendorf Torwart Norbert Nigbur, Stürmer Stan Libuda und Verteidiger Rolf Rüssmann in die Presse-Elf. Der Test endete 1:1. Justen sagt: „Gutendorf ist an der Linie bekloppt geworden.“ Wo er gespielt hat? „Defensive. Aber wir waren alle in der Defensive.“

Hat diese Nähe geschadet?

„Nie“, sagt Justen. „Sie hat vielmehr geholfen, respektvoll miteinander umzugehen.“

Damals war er jeden Morgen im Ruhrgebiet unterwegs, im Kofferraum die Sportklamotten. Bei der SG Wattenscheid trainierte er an dem Tag mit, als der argentinische Star-Einkauf Carlos Babington erstmals auf dem Rasen stand. Kalli Feldkamp, der Trainer, nahm Justen zur Seite und drohte ihm: „Fußball ist ja nicht so Ihr Ding. Hauen Sie dem bloß nicht auf die Socken, dafür war der zu teuer!“

Hat ihn mal einer weggegrätscht nach einem heftigen Kommentar? „Nee, nie was passiert. Die waren zwar manchmal pampig, aber das hat sich auch wieder gelegt.“

Das bekannteste Foto:

Justen rennt Sepp Herberger hinterher. Aufgenommen kurz vor dem 75. Geburtstag des Bundestrainers, der die deutsche Nationalelf beim Fußball-Wunder von Bern 1954 zum Titel führte.

„Herberger wollte uns gar nicht mehr weglassen“, sagt Justen. Seiner Frau Eva sagte er: Jetzt koch’ mal was zu Mittag für uns. Ich glaube, wir hätten auch bei ihm übernachten können.“ Und dann gab es das Rennen auf der Terrasse, bei dem das Foto entstand.

Die Unterschiede zu heute?

Justen war bei Herberger zu Hause, bei dessen Nachfolgern Helmut Schön und Jupp Derwall ebenfalls. „Irgendwann wurde der Sport dann immer größer. Jeder 16-Jährige hat heute drei Berater. So ab Mitte der 90er-Jahre verschwand die Nähe, es ging um immer mehr Geld.“ Ein Interview heute beim Fußball-Bundestrainer im Wohnzimmer? Unmöglich. „Ich wüsste doch nicht mal, wo Joachim Löw überhaupt wohnt.“

Geht er noch ins Stadion?

Nein. Die Schalker haben ihm Dauerkarten für die Pressetribüne angeboten, er hat abgelehnt. „Früher haben wir immer gesagt: Guck’ dir mal die alten Knacker an, diese Rentner, nehmen uns bei der Arbeit die Plätze weg.“ Das will er nicht über sich hören. „Ich könnte mir die Karten auch kaufen“, sagt er. Macht er aber nicht. „Ich bin am Samstag lieber mit dem Rad unterwegs.“ Danach ein Blick in die Sportschau, später das ZDF-Sportstudio. „Bis zum Torwandschießen, absolutes Pflichtprogamm.“

Wie bewertet er Sport heute?

Zuviel Kohle im Spiel. „Die ARD überträgt das DFB-Pokalspiel zwischen Darmstadt und Schalke, und im Kommentar höre ich, was das für ein tolles Spiel ist.“ Er schüttelt den Kopf. „War in Wahrheit ein furchtbares Spiel, aber das Fernsehen zahlt viel Geld für die Rechte, also muss es wohl toll sein.“

Aber er will nicht meckern. War nicht alles besser früher, denn dann wäre er doch wieder bloß „unser Oma“. Will er nicht, daher: „Heute ist es eben alles anders.“

Und: Glückwunsch, Hennes!