Allein mit der Platte

Hagen..  Hung-Chieh Chiang weiß, dass das alles schrecklich schlecht gelaufen ist. Und es tut ihm leid, aufrichtig leid. Sorry, sagt er immer wieder, als er Horst Bartelmeß nach dem Spiel unter die Augen tritt. Allzu viele englische Wörter beherrscht er nicht. Dieses schon.

Sorry.

Sorry.

Vor dem Manager des Tischtennis-Bundesligisten TTC Hagen steht ein Häufchen Elend - und gleichzeitig der junge Mann, der vermutlich die Zugehörigkeit der Hagener zur Premiumliga auf dem Gewissen hat. Wie ­reagiert man da? „Sollte ich ihn verprügeln oder ihn ohne Abendessen ins Bett schicken“, fragt Bartelmeß. Er will keine Antwort auf den Versuch eines Spaßes, er kennt sie ja. Und doch ist es eine merkwürdige Situation.

Trennung für immer

Die beiden Männer reichen sich ein letztes Mal die Hand. Chiang, der Taiwanese, der Spitzenspieler, gekommen, um die Sorgen im ­Tabellenkeller wegzuschmettern, lässt sein Trikot da, Bartelmeß schenkt Schokolade. Dann trennen sich ihre Wege. Wahrscheinlich für immer.

Noch ist die Saison nicht abgeschlossen, aber Hagen steht vier Spieltage vor dem Ende auf dem letzten Tabellenplatz. Und Chiang fliegt nach der 2:3-Niederlage gegen den ärgsten Konkurrenten Frickenhausen schon in dieser Woche zurück in seine Heimat. Das Ende einer bizarren Verbindung.

Mit Schokolade hatte sie auch begonnen. Bartelmeß hat das Datum im Kopf. „Am 16. November kam er an, da war ich erstmal glücklich.“ Einfach war es nicht gewesen, ihn nach Deutschland zu holen. So wie nichts einfach werden würde mit diesem Hung-Chieh Chiang. Aber das wusste zu diesem Zeitpunkt ja noch keiner.

Im Juli schon bemühten sich die Hagener, Kooperationspartner von Erfolgsklub Borussia Düsseldorf, um Chiang. Doch der Taiwanese bekommt zunächst kein Visum. Zweimal reist er nach Taipeh, um im dortigen Büro sein Visum zu beantragen. Zweimal reist er unverrichteter Dinge wieder ab. Es fehlen Unterlagen.

Die Kommunikation zwischen den Parteien erfolgt über Chiangs Trainer. Über Bande ans andere Ende der Welt, zu weit, zu schwierig. „Ein fürchterliches Durcheinander“, erinnert sich Bartelmeß. Dann droht der taiwanesische Verband, Chiang aus dem Kader zu werfen, wenn er nicht zur Nationalmannschaft reist. Die Wochen gehen ins Land. Die ersten sechs Spiele der Saison auch.

Kein Chiang.

Kein Spitzenspieler.

Aber zwei Siege in der Liga.

Bartelmeß hatte für jenen Tag am Düsseldorfer Flughafen extra Schokolade besorgt. So wie es der eine Teil einer Liebesbeziehung für den anderen tun würde, wenn er wüsste, dass der andere gern Süßes isst. Oder eben: Wenn er es in einem Steckbrief des anderen im Internet gelesen hat. Es wurde keine Liebesbeziehung.

Fast hätte der Manager seinen neuen Mann nicht erkannt, so wie er aus dem Flieger stieg: Sportklamotten, Brille. Er sah so anders aus als auf dem Foto, das Bartelmeß hatte. Bei den Meisterschaftsspielen trägt Chiang keine Brille. Daran liegt es nicht, dass er verliert.

Das erste Spiel, das zweite, das dritte, das vierte, das fünfte.

Irgendwann macht man sich Sorgen in Hagen. Man fragt den Fremden, der in Düsseldorf auf dem Gelände des Deutschen Tischtennis-Zentrums trainiert und in einem Hausmeisterhaus wohnt, ob alles in Ordnung ist, ob er sich wohlfühlt, ob ihm was fehlt. Alles ok, sagt Chiang. Und lächelt.

Er trainiert gut, sagen seine Kollegen. Er nimmt sich viel vor, sagt Bartelmeß. Aber er verliert. Das sechste Spiel, das siebte, das achte, das neunte, das zehnte.

Der Beste, den sie je hatten

Als sie Chiang verpflichteten, war er die Nummer 49 der Welt. Es klingt wie ein böser Witz: nominell hatte der TTC nie einen Besseren. Doch längst ist aus ihm ein Nervenbündel geworden, als am vergangenen Sonntag das Spiel gegen den großen Konkurrenten Frickenhausen ansteht. 2:0 führt Hagen, ein weiteres gewonnenes Einzel reicht zum Sieg. Chiang ist dran.

Der traurige Taiwanese wird schon nicht mehr an Position 1 aufgeboten, sondern an Position 3. Er spielt gegen den Trainersohn des Gegners, 19 Jahre alt und eigentlich nur knapp die Tischtennisplatte in der Höhe überragend. Ihn muss Chiang schlagen. Muss. Sogar ohne Probleme. Seine Mannschaftskollegen werden hinterher sagen, dass sie alles auf Sieg gewettet hätten. Sie hätten verloren.

9:11 im fünften und entscheidenden Satz. Elftes Match, elfte Niederlage. Verheerend. Die ganze Begegnung kippt. Die Hoffnungen auf den Klassenerhalt schwinden.

Dieses eine Spiel hätte nochmal alles verändert. Nun ist es vorbei. Für Chiang wird in den letzten Partien gegen hochkarätige Gegner Trainer Andreas Feyher-Konnerth antreten. Er ist am vergangenen Wochenende 51 Jahre alt geworden. Mit ihm holte der TTC seine beiden Saisonsiege. Chiangs vorzeitiger Abschied ist keine Strafe, kein Rauswurf. Nur irgendwann war beim TTC aufgefallen, dass er sich ein Visum besorgt hat, das bereits am 7. Februar abläuft - sechs Wochen vor Ende der Saison. Auch das hatte also nicht funktioniert.

Keine Antwort

„Ich finde keine Antwort, keine Erklärung“, sagt Bartelmeß. Er ahnt, dass sich sein Import aus Fernost im Westen nicht ausreichend wohl fühlte, dass er vielleicht allein war.

Was bleibt ist Chiangs Trikot. Manager Bartelmeß hat die Hemdchen aller bisherigen Hagener Erstligaspieler zu Hause in seinem Schrank. Als Erinnerung. Es ist in diesem Fall die Erinnerung an ein erstaunliches Missverständnis.