"Adlerauge" hat alles im Blick
05.03.2009 | 23:05 Uhr 2009-03-05T23:05:22+0100VOLLEYBALL. Wie der Apotheker Günter Krivec den Moerser SC zu einem Spitzenklub formte. Widerstände spornen ihn an.
Moers. Sein Blick ist durchdringend. Scharf beobachtet er durch die runden Gläser seiner Brille das Geschehen auf dem Spielfeld. Sein Gesicht lässt kaum eine Regung erahnen, es wirkt fast teilnahmslos. Dennoch scheint es, als zögen seine Gedanken weite Kreise. Als bewegten sie sich nicht nur zwischen Ball und Netz sondern überspannten weit größere Räume. Günter Krivec verfolgt jede Bewegung seiner Spieler, kalkuliert schon beim Einschlagen, wie sie ihre Aufgabe meistern werden und analysiert die Gründe für ihre Schwächen.
Auf der Tribüne kühler Beobachter Der Präsident des Moerser Sportclubs hält zwar Kontakt zu den Spielern seines Bundesliga-Kaders, doch auf der Tribüne bleibt er Beobachter. Doch er ist nur scheinbar unbeteiligt. Wenn es um seinen MSC geht, ergreift Günter Krivec beherzt Partei. Niederlagen machen ihn wütend, denn er nimmt sie persönlich: "Ich habe diesen Verein gegründet und wer an ihm rüttelt, hat mich gegen sich."
Symbol dieser engen emotionalen Verbundenheit ist der Adler, der über allem schwebt. Das Wappentier von Krivecs Apotheke hat der ersten Volleyball-Mannschaft den Namen gegeben und genießt seine uneingeschränkte Bewunderung. "Es ist ein leichtes Tier, das große Räume überspannt, sich über die Dinge erhebt und beobachtet. Es ist ein Symbol, mit dem ich mich gerne identifiziere, obwohl es nicht ganz zu mir passt. Ich selbst arbeite lieber im Verborgenen, doch ich bewundere die Schwerelosigkeit, die ich als Mensch nie erreichen kann", sagt der 66-Jährige nachdenklich.
Persönlicher Erfolg Der Adler ist jedoch auch Zeichen seines persönlichen Erfolges. Denn als Günter Krivec die Moerser Adler-Apotheke nach seinem Studium übernahm, hatte das goldene Wappentier über dem Eingang einiges von seinem Glanz eingebüßt. "Damals habe ich mir vorgenommen, sie zu einer der erfolgreichsten Apotheken zu machen."
Halb spöttisch, halb bewundernd und auch ein bisschen neidisch nennen einige Bürger Günter Krivec daher den König von Moers. Einen Titel, den er selbst weit von sich weist. "Das stört mich. Die Leute können mich doch gar nicht beurteilen. Öffentliche Anerkennung bedeutet mir nichts, denn sie ist mir zu wechselhaft", betont er selbstbewusst.
Er ist stolz auf das, was er erreicht hat. "Ich habe gezeigt, dass man auch in der Provinz Leistung hervorbringen kann. Nicht um des Volleyballsports oder des Teams willen. Ich wollte nach oben, in anderen Enthusiasmus entfachen und sie mitreißen. In meinem Sport war ich immer einsam", erzählt Günter Krivec. Er sieht sich selbst als Einzelkämpfer. "Ich wollte immer besser sein als der, der vor mir war. Das war schon so, als ich noch beim SV Scherpenberg Fußball gespielt habe. Als Rechtsaußen wollte ich den Ball nicht abgeben, weil ich dachte, dass ich besser bin als alle anderen."
Als ihm seine Eltern den Sport als zu gefährlich verbieten, sucht er sich eine neue Herausforderung in der Leichtathletik. Als Dreispringer sammelt er Erfolge, fliegt jedoch 1963 aus dem Olympiakader, weil er sich den Anweisungen des Trainers widersetzt. Doch statt aufzugeben bereitet er sich im Alleingang und im elterlichen Garten auf die Spiele vor und schafft die Qualifikation.
Kühler Kalkulator Konsequent verfolgt er seither seinen Weg - auch gegen Widerstände. Das scheinbar Unmögliche möglich zu machen betrachtet er als Herausforderung, um sich von anderen abzuheben. "Meine Devise ist, wenn es brennt nicht zum Notausgang zu laufen, wo die Masse mich erdrückt, sondern nach anderen Auswegen zu suchen."
Das gilt für ihn auch bei der Führung des Vereins. Als Mäzen investiert er nicht in hochfliegende Pläne und einen kostspieligen Kader. Der Etat ist gedeckelt, und Krivec ein kühler Kalkulator. "Finanziell habe ich das zurückbekommen, was ich investiert habe und das Konto nie überzogen."
Über konkrete Zahlen schweigt er sich aus. "Mein Ehrgeiz ist, mit den geringsten Möglichkeiten den größtmöglichen Erfolg zu erzielen. Ich wäre nicht glücklich, wenn mir jemand drei Millionen Euro geben würde und ich mir die beste Mannschaft kaufen könnte."
Seine Sponsoren sucht sich der MSC-Präsident genau aus. Jemand, der nur in seine Adler investiert, ohne sich auch nur einmal auf der Tribüne blicken zu lassen, kommt für ihn nicht in Frage. "Wer nur sein Geld gibt ohne mit dem Herzen dabei zu sein, mit dem kann ich nicht reden", betont Günter Krivec.
Seine Tochter Judith hat die Aufmerksamkeit des einstigen Leichtathleten auf den Volleyball gelenkt. "Sie ist keine Einzelsportlerin und hat gleichzeitig die körperliche Auseinandersetzung auf dem Feld gescheut. So ist Volleyball ins Spiel gekommen", berichtet er.
Im Schatten von König Fußball Mit scharfem Blick wacht Krivec darüber, dass sein Werk die entsprechende Anerkennung erfährt. Ihn stört der Schlagschatten, den König Fußball auf seinen Kader wirft. "Es ist schon bedenklich, wenn ein Oberliga-Team mehr Anhänger hat als eine Bundesliga-Mannschaft. Doch hier fehlt auch die Infrastruktur. Mit einer nackten Sporthalle und ein paar Frikadellen sind keine Massen zu begeistern."
Seinen Adlern mit einer neuen Spielstätte zum Aufschwung zu verhelfen, das ist das nächste Ziel für das Günter Krivec sich einsetzen will. Nicht an vorderster Front und nicht mithilfe größerer Summen, sondern im Hintergrund mit leiser Stimme und seiner scheinbar unaufdringlichen und doch bestimmten Art sich durchzusetzen.
Seine ehrgeizigen Pläne tragen ihn allerdings noch weit darüber hinaus. Ihn beflügelt die Idee, aus eigenem Nachwuchs eine Damenmannschaft zu formen und in die Bundesliga führen. Dann wird er wieder auf der Tribüne sitzen und das Spiel seiner Damen mit durchdringendem Blick und scheinbar unbeteiligter Miene verfolgen. (NRZ)

0mitdiskutieren