Fußball : Skibbe scheut in Frankfurt keinen Konflikt

Dortmund. Mitte August 1998. Michael Skibbe sitzt in diesem winzigen Aufenthaltsraum am Trainingsgelände von Borussia Dortmund, damals noch an der Strobelallee, in Einwurfnähe zum Stadion. Sein erstes Bundesligaspiel als Trainer des BVB steht bevor, er ist 33, nicht älter als die erfahrenen Stars in seinem Team.
Nervös, Herr Skibbe? „Nein“, sagt er. „Ich gehe da ganz unbefangen ran. Es entsteht keine andere Belastung als mit den Mannschaften, die ich sonst trainiert habe.“
Der junge Mann tritt auf, als sei er erfahren zur Welt gekommen. Zuvor hat er zwar mit Erfolg im Nachwuchsbereich gearbeitet, die Beförderung wird von den Fans dennoch kritisch beurteilt. Denn der gebürtige Gelsenkirchener hatte früher in Schalke gespielt, bevor seine viel versprechende Karriere schon mit 22 in der Sportinvalidität endete. Als Trainer bugsiert er die Borussia in der ersten Saison noch in die Champions League, in der zweiten aber hakt es zu Beginn der Rückrunde. Nach einer 0:1-Heimniederlage gegen Kaiserslautern fällt das elitäre Ensemble auf Platz sechs zurück, es droht eine Saison ohne Europapokal-Teilnahme. Die BVB-Bosse werden nervös: Am 7. Februar 2000 nehmen sie Michael Skibbe den Job weg.
Auf den Tag genau zehn Jahre später kehrt er an diesem Sonntag als Trainer von Eintracht Frankfurt nach Dortmund zurück. Dem Datum misst er keine besondere Bedeutung bei. „Zufall“, sagt er. „Ich habe so viele schöne Erinnerungen an meine Dortmunder Zeit, da nehme ich den einen weniger ruhmreichen Tag nicht so wichtig.“
Im Übereifer Skibbe das Vertrauen entzogen
Zumal im Nachhinein auch die Verantwortlichen der Schwarz-Gelben bestätigten, dass sie ihm im Übereifer das Vertrauen entzogen hatten. Denn anschließend wurde alles viel schlimmer. Unter der Regie von Bernd Krauss stürzten die Borussen im freien Fall der Zweiten Liga entgegen. In Panik installierte die BVB-Führung kurz vor dem Saisonende das Duo Matthias Sammer/Udo Lattek, das den Fallschirm noch vor dem drohenden Aufschlag öffnen konnte. „Bevor diese Idee aufkam, gab es sogar die Überlegung, dass ich es vielleicht noch einmal versuchen sollte“, erzählt Michael Skibbe. „Viele hatten erkannt, dass es ein Fehler war, mich abzuberufen.“
Es hatte geheißen, er sei eben doch zu jung gewesen, um eine solche Mannschaft führen zu können. Zehn Jahre danach stellt er fest, dass er seinen Führungsstil bis heute nicht geändert habe. Der sei geprägt von „Lockerheit und Entschlossenheit“, in dieser Kombination erkennt er keinen Widerspruch. „Ich suche die Nähe zu den Spielern, setzte mich aber deutlich für die Interessen der Mannschaft und des Vereins ein. Und stelle mich damit gegen Einzelne.“
Skibbe will nicht das Mittelmaß verwalten
Er hat zehn spannende Jahre erlebt, „mit deutlich mehr Höhen als Tiefen“. Er war Rudi Völlers Partner bei der Nationalelf, er trainierte Bayer Leverkusen, er wagte sich ins Ausland zu Galatasaray Istanbul, und nachdem sie dort wie damals in Dortmund die Nerven verloren, hat ihn im Sommer Frankfurt geholt.
Die Eintracht spielt eine ordentliche Saison, steht auf Rang sieben. Michael Skibbe aber will sich damit nicht zufrieden geben, er will nicht das Mittelmaß verwalten. Er will verändern, perspektivisch planen. Seit dem Spätherbst schon fordert er sinnvolle, machbare Investitionen. Doch Eintracht-Chef Heribert Bruchhagen scheut das Risiko.
So entstand der Eindruck, Skibbe bettele um seine Entlassung. „Nein“, betont er, „es gefällt mir in Frankfurt. Die Führung aber ist sehr konservativ. Ich befürworte ja wirtschaftlich vertretbares Handeln, aber neben dem kurzfristigen Erfolg brauchen wir auch eine langfristige Strategie.“
Ein Lob für Dortmund
Auch früher sei er nicht immer einer Meinung mit den jeweiligen Klub-Verantwortlichen gewesen, doch nun sind die Strukturen anders: „In Dortmund habe ich mit Niebaum, Meier und Zorc diskutiert, in Leverkusen mit Holzhäuser, Völler und Reschke. In Frankfurt rede ich mit Bruchhagen, Bruchhagen und Bruchhagen. Kommt ein Nein von ihm, ist es immer ein dreifaches Nein, das macht es schwieriger.“
Die Leute sollen wissen, dass er vieles anders sieht. Dass er nichts unversucht lässt. Deshalb äußert sich Michael Skibbe offen. Und riskiert damit natürlich, dass es zum Bruch mit Bruchhagen kommen kann.
Noch schützt der Tabellenstand den Trainer. Nach dem 1:2 gegen Köln aber wäre eine weitere Niederlage wenig förderlich. Vor dem BVB zeigt Michael Skibbe Respekt: „Jürgen Klopp hat seinen Enthusiasmus aus Mainz mitgebracht, die Mannschaft hat ein enormes Potenzial. Dazu dieses Stadion, diese Fans: Dortmund ist eine Macht!“

Ingo Pickenäcker
























DerWesten-Sport
Thorsten Schmugge



















