Medaillenfavoriten machen den Mund auf
Zwei ehemalige Top-Sportler führen den Olympia-Protest der deutschen Athleten an. Pfannmöller und Kretzschmar verteilen bunte Bänder
Essen. Ein blau-grünes Silikonbändchen, nicht besonders hübsch, aber es trägt einen gewichtigen Slogan: "Sport for human rights": Der Protest der deutschen Olympia-Teilnehmer formiert sich. Sie wollen das Armband tragen - in China, in Deutschland, am besten überall. Anführer der Bewegung sind der ehemalige Kanuslalomfahrer Stefan Pfannmöller und Handball-Star Stefan Kretzschmar.
Das Image der Profi-Sportler ist angekratzt. Zuerst war es das Thema Doping, das ihrem Ruf zusetzte, jetzt haben die Spitzenathleten damit zu kämpfen, dass ihnen Charakterlosigkeit und mangelnde Moral vorgeworfen werden. Weil sie eben nicht deutlich aussprechen, was sie über den Tibet-Konflikt und die Verachtung der Menschenrechte in China denken. "Viele wollen sich äußern, doch von einigen weiß ich, dass ihnen ihre Medienberater davon abraten", erzählt Stefan Pfannmöller.
Er holte bei den Olympischen Spielen in Athen 2004 Bronze und weiß, wie hart ein Boykott wäre. "Das ist ein Traum, für den du sehr lange und sehr hart gearbeitet hast." Pfannmöller hat gute Kontakte zu vielen seiner ehemaligen Sportskollegen. Sie fürchten die Folgen eines - vielleicht unbedachten - aber folgenschweren Satzes. "IOC und NOK haben die absolute Macht. Als Sportler kannst du da nicht viel sagen." Außerdem wüsste man eben nicht genau, was gesagt werden darf. Für eine konkrete Formulierung setzt sich Degenfechterin Claudia Bokel ein. "Jedem Sportler wird es im Rahmen der Regeln der Olympischen Charta möglich sein, seine Meinung vor, während und nach den Spielen frei zu äußern", heißt es in der Erklärung, die die Athletensprecherin der Europäischen NOK auf der Tagung aller Kommitees in Peking eingebracht hat. Am Donnerstag wird dort darüber entschieden, was genau freie Meinungsäußerung und was politische Demonstration sein soll.
Ein buntes Armband mit einem dezenten Slogan könne keineswegs verboten werden, glaubt Stefan Pfannmöller. So sehen es auch seine Unterstützer. Der 27-Jährige hat Netzathleten.de gegründet, ein Internet-Portal, das zu Europas größter Sportlercommunity angewachsen ist, pro Monat 15 Millionen Klicks auf sich zieht. Täglich gehen rund hundert E-Mails bei Pfannmöller ein. Freizeitsportler und Profis wollen sich am Protest beteiligen, der von einer spontanen Idee zu einer riesigen Aktion anwuchs.
Nun hat der Augsburger es leicht. Er wird nicht als Teilnehmer nach Peking reisen, er steht nicht unter dem Joch des IOC. Ebenso wie Kretzschmar, der seinen Mund aufmachen darf, so weit er will. Doch immer mehr Medaillenfavoriten finden den Mut, ebenfalls Stellung zu beziehen. "Ich kann mir gut vorstellen, neben dem Bändchen den Slogan auch auf meinem Hockeyschläger zu tragen", sagt Hockey-Weltmeister Tibor Weissenborn. Die Schwimmer Antje Buschschulte und Thomas Lurz bekennen sich zu den Netzathleten, ebenso wie Judo-Olympiasiegerin Yvonne Bönisch und Leichtathletin Kirsten Bolm.
Am Donnerstag erwarten die Netzathleten die ersten tausend Bändchen. Vorbestellungen gibt es haufenweise.
Ingo Pickenäcker
























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