Amateurfußball : Inter Bochum kassierte bereits 180 Gegentore
Bochum. Der Bezirksligist Inter Bochum musste nach dem Verlust des Sponsors eine ganze Bezirksliga-Mannschaft ersetzen. Es kamen Hobbyspieler, die sich Rekordniederlagen gefallen lassen. In sechs Spielen gab es schon 180 Gegentore: Im Schnitt alle drei Minuten ein Treffer.
Eine einzigartige Mannschaft: Bezirksligist Inter Bochum, Tabellenletzter mit 0:180 Toren. Foto: Olaf Ziegler/Lichtblick
Foto: Olaf Ziegler / LICHTBLICK
Zunächst das Positive: Auch im sechsten Spiel hat sich keiner schlimm verletzt. Die 90 Minuten Bewegung an der frischen Luft haben niemandem geschadet.
Alle drei Minuten ein Treffer
Bezirksliga-Ansprüche sehen trotzdem anders aus. Mit einem Torverhältnis von 0:180 nach sechs Spielen wird es der FC Inter Bochum schwer haben, kein Fall für die Fußball-Geschichtsbücher zu werden. Im Schnitt fällt alle drei Minuten ein Gegentor. "Unsere Almanache gehen zwar nicht bis ganz zum Krieg zurück, aber dieser Fall scheint in Deutschland in dieser Liga einzigartig zu sein", sagt Dirk Henning, Vorsitzender des Clubs für Fußballstatistiken in Kassel.
Wildfremde Zuschauer kommen zum Staunen
In Bochum hat sich inzwischen ein Fußball-Tourismus entwickelt. Wildfremde Zuschauer, die es bei Bezirksligaspielen nicht häufig gibt, kommen zum Platz, um mal zu sehen, wie so etwas überhaupt möglich ist. Drei Euro Eintritt kostet der Spaß. Okay, Spaß ist relativ. Denn den haben in erster Linie die Gegner.
Gewisse Fußballerfahrung
Lothar Adomeit hat also eine Aufgabe übernommen, die so unlösbar scheint, wie der Versuch, einen Fußball durch ein Schlüsselloch zu schießen. Nach zwei Spieltagen und einer Tordifferenz von 0:57 trat er Ende August sein Amt als Trainer an. Er kam mit der Empfehlung "in Essen-Frillendorf eine Mannschaft trainiert zu haben, mit der ich sogar mal gewonnen habe". Eine gewisse Fußball-Erfahrung kann man hier, bei Inter Bochum, niemandem absprechen.
Die Hoffnung nicht aufgeben
Gut, bei dem einen oder anderen Spieler ist es einige Jahre her, dass er zuletzt am Ball war. Die Hoffnung geben sie trotzdem nicht auf. Erklärtes Ziel: "Die Klasse halten", sagt der Trainer. Naheliegenderes Ziel: Einmal ein Tor schießen. Realistisches Ziel: hm. Sieht der Trainer Stärken in seinem Team? "Ja . . . also . . ."
Zwölf Spieler aufgestellt
Adomeit hat umgestellt. Zunächst das System, dann die Spieler. "Ich habe ausgesiebt." Er hat seinen Sohn Tobias überredet, sich ins Tor zu stellen. Bei seinem ersten Einsatz, beim 0:26 gegen EtuS Schwerte, hat er sich die Hand weh getan. Nichts Böses. Die Partie musste etwas später angepfiffen werden, weil dem Schiedsrichter der Spielerbogen komisch vorkam. Er entdeckte dann, dass in der Inter-Spalte zwölf Spieler aufgestellt waren.
Elf Freunde müsst ihr sein - "sind wir auch", versichert Vorstandsmann Ömer Güngör. Gemeinsam mit ein paar Bekannten, von denen einige vorgaben, Fußball spielen zu können, hat er zu Saisonbeginn Inter übernommen. Die ehemalige Mannschaft, die erst in der vergangenen Spielzeit in die Bezirksliga aufgestiegen war, hatte sich nach der Aufstiegsfeier komplett verabschiedet. Ebenso wie Trainer, Vorstand und der Sponsor.
Fairplay und Völkerverständigung
Jetzt ist alles neu. Gekommen ist ein Multikulti-Team, das sich vor allem um Fairplay und Völkerverständigung bemühen will. Es klappt, bislang hat sich von den Gegnern noch keiner beschwert.
Ehrenamtliches Verlieren
"Warum sollte der Verein zumachen? Uns geht es um Freundschaft, wir spielen keine Fouls", sagt auch Cengiz Gedik, ebenfalls Vorstandsmann. "Aber", flüstert er, "wir hätten auch gar nicht das Geld, um mögliche Strafen zu bezahlen." Wer bei Inter antritt, verliert ehrenamtlich. Sie suchen einen Sponsor.
Trainer Lothar Adomeit bittet vor dem Spiel zur Mannschaftsbesprechung - und zu einem Moment der Besinnung in der Kabine. Eine Art Ruhe auch ohne Sturm. Dann geht es auf den Rasen. Der sieht im Heimspielfall eher aus wie ein Ausläufer des Siebengebirges. "Der Unterschied von der tiefsten zur höchsten Stelle des Spielfeldes beträgt 80 Zentimeter", schätzt einer.
Ans Aufhören oder gar Abmelden denkt hier keiner. Vielleicht wird es ja noch was, womöglich glückt Inter eines Tages sogar ein Tor. Gegen Schwerte haben sie schon einen guten Ansatz gezeigt: In der 20. Minute sind sie fast bis zum gegnerischen Strafraum vorgedrungen.
Chronik des Vereins (Vereinshomepage)
0:154 - Gegentore im Drei-Minuten-Takt
Annike Krahn
























Ingo Pickenäcker
Thomas Allofs



















