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Serie: Eine Saison mit RWO (Teil 3) : Die neue alte Taktik bei Rot-Weiß Oberhausen

Sport, 29.06.2009, 11 Freunde

Oberhausen. Ein Blick hinter die Kulissen der 2. Bundesliga. Ein Jahr lang begleitete das Magazin "11 Freunde" den Zweitligisten Rot-Weiß Oberhausen auf Schritt und Tritt. erlebten Krisensitzungen, Vertragspoker und Kneipentouren. Im dritten Teil: Die Wende in einem Heimspiel!

Zwischenbilanz: 6 Spiele, 5 Niederlagen - Brandrede und Spielersitzung

Es gibt Momente in einer Saison, da kann alles kippen. Nach dem fünften Spieltag ist es an der Landwehr soweit. In Luginger brodelt es, die Einzelgespräche haben nichts gebracht. Trainer und Manager knöpfen sich nacheinander die Mannschaft vor, erklären mit deutlich erhöhtem Lautstärkepegel, jetzt müsse wieder ma-locht werden. In München spräche man von einer Brandrede. In Oberhausen geht es jedoch nicht um Schlagzeilen – allein schon mangels Boulevard – sondern um die mentale Neuformierung der Mannschaft.

RWO auf dem Titel der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "11 Freunde". Foto: privat

Manager Hans-Günter Bruns entscheidet in dieser Phase, mehr Einfluss auf den Trainer zu nehmen. Bisher hat er davon abgesehen, weil es ihn in seiner Zeit als Coach selbst gestört hätte. Doch warum, sagt sich Bruns, sollte man einen Neuling in dem Job nicht ein wenig unterstützen? "Mentoring" nennt man das in großen Unternehmen, anderswo "Lernen von den Alten". Der Manager coacht also jetzt den Trainer, der Trainer die erfolglose Mannschaft. Die Spieler müssen sich noch einmal haarklein die 90 Minuten der letzten Niederlage beim FSV Frankfurt anschauen. Mit Erfolg: Einigen Spielern geht erst da auf, wie weit sie von den Gegenspielern entfernt standen. Es ist die Phase, in der man auch zum ersten Mal einen Spieler "Trainer" sagen hört – und nicht mehr Vorgänger Bruns, sondern Luginger ist gemeint. Im Training ändert er die Marschroute. Er rückt ab vom selbst eingeführten 4-4-2-System. Externe Kritiker könnten ihm unterstellen, Bruns habe jetzt doch wieder das Sagen. Das reaktivierte 3-5-2 war dessen Standardsystem. Letztendlich macht der "Chef der Maloche", wie Luginger im Marketingdeutsch der Klubkreativen heißt, aber alles richtig.

Selbst in der zweithöchsten deutschen Spielklasse gibt es nur wenige Mannschaften, die hinten mit einer Dreierkette spielen. Wenn aber jemand mit dieser Formation aufläuft, fehlen den meisten Teams die spielerischen Mittel, um erfolgreich zu reagieren. Zur gleichen Zeit beweisen die Säulen der Mannschaft, dass sie ebenfalls verantwortlich handeln können, zumindest außerhalb des Platzes. Benny Reichert, Terranova und Markus Kaya trommeln die Mannschaft in der Kabine zusammen. Die Spieler sagen sich die Meinung offen ins Gesicht, es fallen ehrliche, bisweilen harte Worte. Die jüngeren Kollegen haben Kaya schnell als obersten Motzki ausgemacht. Was nun passiert, ist bemerkenswert: Der Führungsspieler akzeptiert die interne Kritik und gelobt vor der Vollversammlung Besserung. Was Bruns anstrebte, als er in seiner Trainerzeit die Spieler an der langen Leine hielt, scheint zu funktionieren. Selbstregulierung durch selbst initiierte Manöverkritik – ein übertragbares Exempel? In Oberhausen funktioniert es auch, weil die meisten Spieler aus NRW stammen oder der deutschen Sprache mächtig sind. So hat es Bruns vorgegeben, als er den Klub 2006 seiner Erziehung unterwarf.

Heimspiel mit Hackfleisch

Die Wende: 2:1 gegen den Spitzenreiter aus Kaiserslautern - der Kapitän kehrt zurück

Wie eng die Bande untereinander sind, zeigt sich auch daran, dass die Mannschaft zusammen ins Theater geht: in "Kalte Colts und heiße Herzen", das neue Theaterstück des Präsidenten. Fünf Spieler treffen sich zudem regelmäßig, um gemeinsam zu kochen. Freitagabend sitzen Dimi Pappas, Musa Celik und Benjamin Schüßler bei den Reichert-Brüdern am Küchentisch und kneten Hackfleisch, auch vor dem Spiel gegen Kaiserslautern. Ein Glücksritual aus der letzten Saison. Damals wurde nach gemeinsamer Hamburger-Zubereitung fast immer gewonnen.

Im Spiel gegen Kaiserslautern wieder dabei: Benny Reichert. (Foto: Gerd Wallhorn) Foto: WAZ

Pappas ist besonders abergläubisch: Er trägt schon mal Unterhosen, die er auch beim letzten Sieg anhatte. Manager Bruns lässt sich von ersten internen Misstönen nicht irritieren. Er hat solche Situationen im Fußball schon zigmal erlebt. Ihn regen die Fans maßlos auf, die im Internetforum des Klubs bereits nach wenigen Wochen gegen den Trainer und das Gesamtkonzept schießen. Er sagt: "Jemanden, der ,Trainer raus!' ruft, würde ich aus dem Stadion schmeißen!"

Am Sonntag vor dem Spiel gegen Kaiserslautern läuft alles wie immer: Erst um 12.45 Uhr treffen sich die Spieler im Stadion, 75 Minuten vor Anpfiff. Kein Gedanke daran, vor einem Heimspiel in ein Hotel abzutauchen oder zusammen Mittag zu essen. 40 Minuten vor dem Spiel beginnt das Warmlaufen, zehn Minuten vorher spricht der Trainer. Manchmal muss ein Kollege Pappas auch noch sagen, wie sein heutiger Gegenspieler heißt. In der Kabine wird gerne geflachst, dass der Deutsch-Grieche kaum einen Spieler in der zweiten Liga kenne. So kommt er gar nicht erst auf die Idee, zu respektvoll bei der Grätsche vorzugehen. Kaiserslautern macht es ihnen an diesem Nachmittag leicht. Semmler ist überrascht: Der Spitzenreiter lässt die Heimmannschaft gewähren, spielt selbst nur lange Bälle. Mit der Grandezza des jungen Beckenbauers treibt Benny Reichert den Ball vor sich her, sorgt bei seinem Comeback dafür, dass endlich wieder ein Spielaufbau stattfindet. Zuvor war die Lederkugel hinten bevorzugt rausgedroschen worden. Dass der Kapitän die Deckung stabilisiert, macht allen Mut. Es ist noch immer nicht so, dass man angekommen wäre im Profifußball, aber es fühlt sich irgendwie besser an. "Die Möglichkeit, die wir jetzt haben", sagt Markus Kaya, "hat uns der liebe Gott geschenkt.Die dürfen wir nicht einfach so hergeben."

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Sport, 26.06.2009, 11 Freunde

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