Seebär mit Schlagseite

Trotz zahlreicher Verschiebungen und monströser Patches hat das Piratenabenteuer "Raven's Cry" noch immer heftige Schlagseite ...

Joho und 'ne Buddel voll Rum: Vor ein paar Jahren beglückten der polnische Entwickler Reality Pump und Publisher Topware mit ihrem Fantasy-Aufgebot "Two Worlds 2" die Rollenspiel-Fans. Doch mit den PC-Piraten aus "Raven's Cry" will ihnen das nicht so recht gelingen. Das paart Rollenspielelemente mit "Fluch der Karibik"-Flair und "Assassin's Creed"-Seeschlachten. Aber mangelnder Feinschliff lässt den Spielspaß hier immer wieder auf Grund laufen.

Christopher Raven ist ein echter karibischer Kotzbrocken: Der Antiheld aus Reality Pumps Piraten-Scharmützel "Raven's Cry" will sich an jenem Chef-Freibeuter rächen, der einst seinen Vater an die Schiffsplanken genagelt hat. Doch bei seinem gnadenlosen Rachetrip sammelt Raven Junior selber nicht viele Sympathiepunkte. Er pöbelt, er flucht, er säuft, er mordet und lässt zu keinem Zeitpunkt Zweifel daran aufkommen, dass er für eine Hand voll Pixelgold vermutlich selbst den angeblich so geliebten Vater verkauft hätte.

Damit machen es die Entwickler dem Spieler nicht gerade leicht, sich mit ihrem Alter Ego zu identifizieren - zumal der bärtige Raven ebenso wie der Rest seiner Crew keine Augenweide ist. Und damit ist nicht die Sorte kruder, aber auch irgendwie sympathischer Hässlichkeit gemeint, die raue Seebären und nautische Totschläger nun mal auszeichnet. Captain Raven und Co. sind deshalb so unansehnlich, weil die meisten Spielfiguren Grobmotoriker und Mimik-Allergiker aus einer eigentlich längst vergangenen Grafik-Epoche sind.

Zugegeben: Bei den Kulissen gibt sich die Freibeuter- und Suffkopp-Mär aus Polen keine Blöße. Von herrlich verrauchten Kaschemmen über in Nebel gehüllte Hafenmolen bis hin zu paradiesischen Stränden und dampfenden Dschungeln feuert "Raven's Cry" hier die volle Stimmungsbreitseite ab. Auch die an "Assassin's Creed 4: Black Flag" angelehnten Seeschlachten sorgen für ordentlich Krawalle und gute Laune. Vorausgesetzt, man gesteht ihnen eine gewisse Eingewöhnungszeit zu. Denn anfangs fühlt sich der Piraten-Pott noch reichlich träge und sperrig an und scheint mehr Ozeandampfer als schnelle Schaluppe zu sein.

Damit manövriert sich das hölzerne Kanonenboot allerdings noch immer flotter als sein Kapitän: Der offenbart bei seinen Landgängen den Wendekreis eines menschlichen Sattelschleppers und die Behändigkeit eines Fleisch gewordenen Rumfasses. Hat er erst einmal Säbel und Pistole gezückt, dann steckt dem sonst so frechen Raufbold auf einmal ein Stock im Polygon-Po.

Obwohl Reality Pump den anfangs von chronischer Bug-Pest geplagten Seemann inzwischen mithilfe eines monströsen Patches auf halbwegs stabilen Kurs gebracht hat, mangelt es "Raven's Cry" noch immer am nötigen Feinschliff. Schicke 3D-Karibik, interessanter Rollenspiel-Anteil, schwunghafter Güter-Handel und nicht zuletzt der Kanonendonner auf hoher See entschädigen zwar für manch groben Schnitzer. Doch an vielen Stellen ist bereits die spielerische Grundsubstanz so verkorkst, dass man für die noch immer ausstehende Veröffentlichung der PlayStation-Versionen schwarz sieht.

Dass die klischeehafte Rache-Story ähnlich unbeholfen ist wie die Sprecherriege, die sie vermitteln sollen, ist dabei das geringste Übel: Würden Steuerung und Spielmechanismen besser ineinander greifen, hätte man beim Abklappern der verschiedenen Missionen trotzdem einen Heidenspaß. Denn der Schauplatz birgt genug Potenzial, um das dürftige Skript und seine platten Charaktere vergessen zu machen. Schade. Vielleicht schafft man bis zur Veröffentlichung der physischen Verkaufs-Fassung ja doch noch einen ordentlichen Stapellauf. Aktuell gibt's Christopher Ravens Abenteuer nur als PC-Download.

Spielname Raven's Cry
Hersteller Reality Pump/Octane Games
Vertrieb Topware Interactive
Genre Action-Adventure
Erhältlich ab 28.01.2015
Preis ca. 60 Euro
EAN Code 4250230220501
Schwierigkeit Für Fortgeschrittene
Alter ab 16 Jahren
Multiplayer nein
Sonstiges
Bewertung Grafik befriedigend
Bewertung Steuerung ausreichend
Bewertung Sound befriedigend
Bewertung Spielspass ausreichend
Bewertung Gesamt ausreichend
System PlayStation3
System Xbox 360
System PC