Rache süß-sauer serviert

Funktionell, aber emotionslos: Ubisoft macht aus seiner erfolgreichen "Assassin's Creed"-Reihe ein horizontal scrollendes Jump&Run mit viel Schleich- und Meuchel-Action. Der experimentell wirkende Titel "Chronicles" wirkt aber wie leidenschaftslos zusammengeschusterte Stangenware.

Mit "Chronicles" geht die "Assassin's Creed"-Reihe spielerisch und inhaltlich neue Wege. Diese führen die Open-World-Marke nicht nur ins Jump&Run-Genre, sondern auch in Gebiete, in denen Meuchelmörder bislang nicht aktiv waren. In der Auftaktepisode geht's für PC-, PS4- und Xbox-One-Besitzer ins China des 16. Jahrhunderts. Indien und Russland sollen als weitere Episoden-Abenteuer folgen - sicherlich auch, um die Wartezeit auf den nächsten, echten "Assassin's Creed"-Ableger "Victory" zu verkürzen, der im Herbst erscheinen soll.

In der löchrigen Hintergrundgeschichte von "Assassin's Creed: Chronicles - China" schickt Ubisoft den greisen Assassinen-Meister Ezio Auditore aus "Assassin's Creed 2", "AC Brotherhood" und "AC Revelations" in den fernen Osten, wo er einen neuen Orden aufbaut. Fast unnötig zu erwähnen, dass auch die Templer den Sprung nach China gewagt haben - und das mit großem Erfolg: Die Bruderschaft der Tiger reibt die Assassinen ordentlich auf, die einzige Überlebende scheint die einem Käfig gefangene Ex-Konkubine Shao Jun zu sein.

Doch weil Templer offenbar schon per Naturgesetz ausgesprochen dämlich sind, lassen sie die kleine Ausbruchskünstlerin kurzerhand unbeaufsichtigt. Kein Wunder, dass die in Rekordzeit wieder auf der Matte steht, ihre gestohlene Ausrüstung zusammensucht, aus den Templer-Grotten flieht und sich für die Auslöschung ihres Ordens rächen will. Vorzugsweise hinterrücks, wie es sich eben für ein gedungenes Meuchel-Mädel gehört.

Tatsächlich unterscheidet sich der erste Teil von Ubisofts "Assassin's Creed Chronicles"-Serie an dieser Stelle maßgeblich von der Hauptreihe: Dort sind die Assassinen wütende Kampfmaschinen, die mit Leichtigkeit dutzende Gegner niedermähen. In "China" dagegen sind Kämpfe - zumindest in der ersten Spielhälfte - immer nur die letzte Option. Gegen eine Wache, deren Sichtkegel jederzeit eingeblendet werden, hat Heldin Shao noch gute Karten, indem sie geschmeidig abwehrt oder Schüssen ausweicht. Doch bereits im Angesicht von nur zwei Feinden sinken die Siegeschancen drastisch. Mit diesem Kniff wollen die Designer den Spieler dazu zwingen, das Manöver-Repertoire des Titels clever auszureizen.

Immerhin sind die "Chronicles" keine Open-World-Spiele mehr, bei denen man frei über die Dächer einer Metropole turnen darf. Vielmehr wurde die Action in eine Jump&Run-typische Horizontale verlegt. Mit anderen Worten: Es geht nur noch vorwärts und rückwärts. Dann und wann darf Shao über einen schmalen Steg oder mit Hilfe eines Schwungseils in den Bild-Hinter- oder Vordergrund wechseln.

Entsprechend wurde das Augenmerk auf wenige, aber dafür umso wichtigere Manöver gerichtet. Denn von denen muss jedes sitzen. Laufen, Schleichen, Klettern, Springen, Verstecke wie Kisten oder Säulen nutzen, aus dem Schatten heraus meucheln und reichlich Gebrauch von Wurfdolchen und anderen Ablenkungen machen: Diese altbekannten Zutaten der Serie wurden ebenso in das seitwärts scrollende "Chronicles" übernommen wie der berüchtigte Hechtsprung in aus großen Höhen in herumliegende Heuballen.

Dass sich all diese handverlesenen und fein aufeinander abgestimmten Versatzstücke trotzdem nicht übermäßig spaßig anfühlen, ist jammerschade. Denn das erste "Chronicles" kann weder durch eine besonders kunstvolle Aufbereitung noch mit der nötigen Dynamik punkten: Der China-Trip spult die Markenzeichen seiner großen Brüder ebenso uninspiriert wie emotionslos herunter, ohne ihnen eine eigene Note zu verpassen oder nennenswerten Charme zu versprühen. Der Spielablauf wird trotz wechselnder Missionsziele schnell eintönig, die Idee nutzt sich ab. Immerhin: Für gerade einmal zehn Euro gibt's rund fünf Stunden knackig-fordernde Assassinen-Action für erfahrene Gamer. Im Herbst sollen die Ausflüge nach Indien und zur Russischen Oktoberrevolution folgen.

Spielname Assassin's Creed: Chronicles - China
Hersteller Ubisoft
Vertrieb Ubisoft
Genre Action
Erhältlich ab 20.04.2015
Preis ca. 10 Euro
EAN Code 1234567890123
Schwierigkeit Für Fortgeschrittene und Profis
Alter ab 16 Jahren
Multiplayer nein
Sonstiges
Bewertung Grafik befriedigend
Bewertung Steuerung gut
Bewertung Sound befriedigend
Bewertung Spielspass befriedigend
Bewertung Gesamt befriedigend
System PC
System PS4
System Xbox One