Im Kampf mit dem Glibber

Auf die alten Traditionen des Echtzeitstrategie-Genres zu setzen, während alle Welt "League of Legends" spielt, ist mutig. Oder Kalkül. Schließlich befindet sich die Zielgruppe, die mit "Command & Conquer" groß wurde, heute in den Dreißigern und lässt es ruhiger angehen ...

Massenschlachten statt Mikromanagement, Spektakel statt Kontrolle: Mit "Grey Goo" liefert Petroglyph ein Echtzeitstrategie-Spiel der alten Schule ab. Kein Wunder: Das Team formiert sich aus ehemaligen Mitgliedern von Westwood - jenem Entwickler also, der mit "Dune 2" (1992) und "Command & Conquer" (1995) einst das Genre gegründet hat. Ein Glücksfall für Nostalgiker?

Raffinierie bauen, Ernter losschicken, die Basis hochziehen, Truppen ausheben, losschlagen - "Grey Goo" lebt die alten Traditionen im Genre. Doch der klassische Ansatz ist Kalkül: Im Gegensatz zum hektischen Treiben in derzeit angesagten MOBAs wie "League of Legends" oder "Dota 2" ist das Ganze geradezu gelassen inszeniert ...

Menschen und Beta-Aliens zanken sich in "Grey Goo" um den Planeten Ecosystem Nine, ehe sie merken, dass sie es mit einem weitaus gefährlicherem Feind zu tun haben: dem Goo - grauen Hightech-Glibber, der ganze Planeten leersaugt. 15 Missionen umfasst die Kampagne des Spiels - fünf pro Fraktion. Genügend Zeit, um die Vor- und Nachteile der einzelnen Rassen kennenzulernen. Während sich die Menschen so lange in ihrer schwer geschützten und dicht gedrängten Basis verschanzen, bis sie ihren schwebenden Mega-Robotor Alpha gebaut haben, sind die Betas deutlich agiler. Sie können überall auf der Karte Verteilerstationen und damit Mini-Basen errichten, die sich allerdings umständlicher verteidigen lassen. Ihre Superwaffe ist eine fliegende Fabrik mit vielen Geschütztürmen.

Gänzlich anders spielt sich die "graue Schmiere" - ein Begriff, den der visionäre und nicht unumstrittene US-Autor Kim Eric Drexeler geprägt hat. Bereits vor 30 Jahren ersann er Nano-Roboter, die sich so lange reproduzieren, bis alle Materie aufgebraucht ist ...

Das Goo wabert in großen Klumpen über die Schlachtfelder, saugt sich mit Energie voll und betreibt dann so etwas wie Zellteilung: So entstehen kleine Amöben, aus denen ad hoc Kampftruppen aller Art geformt werden können - oder weitere große Mutter-Goos. Basisbau? Fehlanzeige. Dafür spuckt der Nano-Maschinen-Blob nach einer bestimmten Anlaufzeit unentwegt Einheiten aus, gekrönt vom Proto-Reiniger - einem riesigen Schleimgebilde, das mit seinen Tentakeln feindliche Stützpunkte im Nu einreißt.

Das Schöne an "Grey Goo": Es überlasst dem Spieler das Kommando. Er kann taktisch vorgehen, wie er es für richtig hält - ohne Einschränkungen und Vorgaben, aber auch ohne überraschende Wendungen und Höhepunkte. Dramatische Momente sehen die offen gestalteten Missionen kaum vor. Allzu ausgefuchste Taktiken auch nicht. Dafür fehlt es den Truppentypen von Menschen und Betas an Varianz, Vielseitigkeit und Ausbaumöglichkeiten.

Immerhin bemüht sich Petroglyph um abwechslungsreiche Missionsziele: Mal müssen Zivilisten beschützt, mal eine Stellung gehalten, mal Rohstoffkisten binnen einer Frist gesichert werden. Am Ende läuft es jedoch fast immer auf spektakuläre Massenschlachten hinaus, in denen die gegnerischen Stellungen plattgewalzt werden und als Belohnung schicke Videosequenzen auf den Spieler warten.

"Grey Goo" mag nicht allzu komplex sein, leicht ist das Taktieren auf dem grafisch hübsch in Szene gesetzten Planeten Nine allerdings auch nicht. Die clever Künstliche Intelligenz sucht gezielt nach Schwachstellen in der Verteidigung des Spielers und nutzt diese gnadenlos aus, sodass die ersten Angriffe des Computers nur mit Mühe und Not zurückgeschlagen werden können. So sehr sich Menschen und Betas ähneln und man sich vielleicht ein größeres Einheiten-Repertoire gewünscht hätte: Mit dem frauen Maschinen-Schleim bietet das einsteigerfreundliche Spiel eine äußerst eigenwillige Fraktion, die es so im Genre noch nicht gegeben hat ...

Spielname Grey Goo
Hersteller Petroglyph Games/Grey Box
Vertrieb EuroVideo
Genre Strategie
Erhältlich ab 23.01.2015
Preis ca. 30 Euro
EAN Code 4009750503423
Schwierigkeit Für Fortgeschrittene
Alter ab 12 Jahren
Multiplayer 2-4 (WWW)
Sonstiges
Bewertung Grafik gut
Bewertung Steuerung gut
Bewertung Sound gut
Bewertung Spielspass gut
Bewertung Gesamt gut
System PC