Das Komplexitätsmonstrum

Einer ist das furchteinflößende Monster, vier andere sind Glücksritter - und wer Jäger oder Gejagter ist, entscheidet sich erst noch: "Evolve" bezieht aus seiner im Grunde schlichten Idee ein ungeheures Suchtpotenzial.

Vier gewinnt? Nicht immer. Mit "Evolve" veröffentlicht 2K Games nach zahlreichen Terminverschiebungen ein ungewöhnliches Online-Action-Spektakel für PC, PS4 und Xbox One, das bereits im Vorfeld mit Preisen überhäuft wurde. Darin macht ein Spieler-Quartett Jagd auf ein gewaltiges Monster, das von einem fünften Gamer gesteuert wird. Das virtuelle Katz-und-Mausspiel zeichnet sich in erster Linie durch sein hohes Tempo und das dringend erforderliche Teamwork aus. Die im Grunde schlichte Idee des Spiels geht aber nur auf, wenn absolute Vollprofis an den Controllern sitzen.

Die Alien-Welt Shear ist alles andere als das perfekte Urlaubsparadies: zerklüftete Landschaften, brutale Unwetter, aggressive Fauna. Besonders ungemütlich ist Goliath: Der muskulöse Bursche sieht aus wie eine Mischung aus Godzilla und King Kong, hat einen Feueratem und eine Mordswut im Bauch. Die lässt er vorzugsweise an den menschlichen Siedlern aus, die daraufhin in Scharen aus den Kolonien flüchten - vorausgesetzt, sie werden nicht vorher gefressen. Nur gut, dass ein hartgesottener Haufen aus Weltraum-Söldnern zur Stelle ist, um den Rückzug der braven Leutchen zu sichern und der Kreatur Fell respektive Schuppenhaut über die Lausch-Löcher zu ziehen.

Diese Ausgangssituation nutzt Multiplayer-Experte Turtle Rock ("Left 4 Dead 2") für eine der innovativsten, aber auch kompliziertesten Koop-Titel dieser Tage: Während vier Spieler in die Rolle von Jägern schlüpfen, übernimmt ein fünfter die Rolle des Monsters Goliath oder einen seiner beiden Kollegen "Krake" und "Geist", die Publisher 2K mitliefert.

Wer mit etwas anderem auf den Putz hauen will als mit dem Feuerspucker, dem fliegenden Riesen-Oktopus oder dem hinterfotzigen Teleport-Ungetüm, muss sich allerdings noch etwas gedulden: Bereits im Vorfeld der Veröffentlichung von "Evolve" hat 2K bei vielen Gamern für Unmut gesorgt, weil weitere Kreaturen als kostenpflichte Zusatzinhalte nachgereicht werden - und zwar für satte 15 Euro pro Bestie. Das gleiche Spiel auf der Heldenseite: Aktuell finden sich in jeder der vier Charakterklassen zwei Figuren - die übrigen Kollegen wollen erst im Laufe des Spiels freigeschaltet oder später hinzugekauft werden. Darüber hinaus finden sich bereits zahlreiche andere Gimmicks in einem Ingame-Shop, wie man ihn sonst nur aus Free-2-Play-Titeln kennt.

Doch abseits der Debatte um die Preisgestaltung ist "Evolve" eines der ehrgeizigsten und ungewöhnlichsten Multiplayer-Projekte der letzten Jahre - ein Anspruch, der Chancen, aber auch Risiken birgt: Indem die Fähigkeiten der Monsterjäger nahezu perfekt aufeinander abgestimmt wurden, ist "Evolve" vor allem beim Kampf gegen einen cleveren Monster-Spieler ein Mehrspieler-Erlebnis, wie man es nur selten serviert bekommt. Fordernd. Spannend. Brutal.

Allerdings hat die Festlegung der Jäger-Mannschaft auf je einen Fallensteller, Unterstützer, Schütze und Sanitäter auch ihren Preis: Vor dem Multiplayer-Match darf der Spieler zwar seine Wunschrolle festlegen - doch bekommt er diese höchstens in der Hälfte der Fälle auch zugewiesen Das Ergebnis ist ein Team aus hochspezialisierten Experten, in dem viele dieser "Experten" am Ende gar nicht so recht wissen, wie sie ihre Figur überhaupt spielen und ihre Spezialfertigkeiten einsetzen müssen. Und die zu lange planlos nach einer Bestie suchen, während die sich in aller Ruhe einen dickeren Panzer anfrisst und rasant all ihre Evolutionsstufen durchläuft - bis sie am Ende schier unbesiegbar ist.

Abhilfe schafft allerdings exzessives Training im Solo-Kampagnen-Modus: Hier darf der Spieler noch während des Matches nahtlos zwischen den unterschiedlichen Figuren hin und herspringen, um all ihre Besonderheiten kennenzulernen. Außerdem wartet die fünf Missionen umspannende Mini-Kampagne mit ein paar neckischen Extras auf. So wirkt sich die Performance in der einen Mission unmittelbar auf die Entwicklung der nachfolgenden aus: Haben es die Jäger etwa nicht geschafft, in einem Staudamm alle Monstereier zu vernichten, dann waten sie im Einsatz danach durch ein Terrain, das vom explodierten Damm geflutet wurde und in dem sich die Aal-ähnliche Brut der Kreatur ausgebreitet hat wie eine Seuche.

Am Ende ist "Evolve" aber ein Mehrspieler-Spektakel, das sich mit seinen fünf Varianten und zwölf Karten vor allem an Genre-Profis richtet und mit dieser Intention im E-Sport Fuß fassen will: Neulinge bleiben draußen - oder lassen sich zumindest von einem toleranten Experten-Team an die Hand nehmen. Andernfalls werden sie von der schieren Detail- und Feature-Flut des Titels überrollt. Die größten Stärken des Games sind zugleich seine Achilles-Fersen - denn die Mixtur aus Koop- und Spieler-gegen-Spieler-Schlacht kann ihre monströse Potenz nur dann ganz ausspielen, wenn auf beiden Seiten der Monsterjagd echte Könner sitzen.

Spielname Evolve
Hersteller Turtle Rock Studios
Vertrieb Take2
Genre Action
Erhältlich ab 10.02.2015
Preis ca. 60 Euro
EAN Code 5026555417310
Schwierigkeit Für Fortgeschrittene
Alter ab 16 Jahren
Multiplayer 2-5 (WWW)
Sonstiges
Bewertung Grafik befriedigend
Bewertung Steuerung gut
Bewertung Sound gut
Bewertung Spielspass gut
Bewertung Gesamt gut
System PC
System PS4
System Xbox One