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Zwölf neue und innovative Independent-Spiele

07.12.2010 | 11:00 Uhr
Zwölf neue und innovative Independent-Spiele

Weil die marktbeherrschenden Hersteller kaum wirtschaftliche Risiken eingehen und lieber Fortsetzungen am Fließband produzieren, boomt die Nische bei Ministudios und Hobbyprogrammierern. Ein Überblick über innovative Neuheiten für PC, iPad und Co.

Weil die marktbeherrschenden Hersteller kaum wirtschaftliche Risiken eingehen und lieber Fortsetzungen am Fließband produzieren, boomt die Nische bei Ministudios und Hobbyprogrammierern. Ein Überblick über innovative Neuheiten für PC, iPad und Co.

Ein großes Budget führt nicht zwangsläufig zu großartigen Spielen. Epische Rahmenhandlungen, Effektfeuerwerke und Pixelexplosionen mögen schönes Beiwerk sein. Doch was zählt, ist die Idee. Der Spielwitz. Der Wille, neue Konzepte auszuprobieren und alte Gewohnheiten aufzubrechen. Weil die marktbeherrschenden Hersteller aber kaum noch das wirtschaftliche Risiko eingehen und - anstatt spielerisches Neuland zu betreten - lieber Fortsetzungen am Fließband produzieren, boomt die Nische. Kleine, oft von Miniaturstudios und Hobbyprogrammierern entwickelte Spielereien buhlen auf etablierten und neuen mobilen Plattformen um die Gunst der Gamer. Die freuen sich doppelt - sowohl über die originellen Ansätze als auch über die geringen Preise. Ein Überblick.

"Continuity": Ein Strichmännchen, das 32 Level lang nur eins will: durch die rote Tür schreiten. Doch das ist in "Continuity" gar nicht so einfach. Meist sind Strichmännchen, Tür und der benötigte Schlüssel auf unterschiedliche Bildschirme verteilt, die sich wie Puzzle-Teile verschieben lassen und stringente Verläufe ergeben müssen, damit die Spielfigur überhaupt von einem Teil des Bildschirms in den anderen laufen oder hüpfen kann.

Die Flash-basierte, kostenlose und preisgekrönte Uni-Arbeit von ein paar Spieldesign-Studenten der TU Göteborg fordert vom ersten Level an und wächst zum Rätselmonster heran, das Stunden vor dem PC und Mac verschlingt. Immerhin: Beim Besuch der Seite wird ein Cookie angelegt, das sich den Fortschritt merkt.

"Chaos Invaders": Runter kommen sie alle - aber hoch? Wie beim Spielhallenklassiker "Space Invaders" sollen im kostenlosen Flash-Game "Chaos Invaders" anrückende Alienraumschiffe vom Himmel geholt werden. Allerdings dürfen deren Wracks nicht auf dem Boden einschlagen. Vielmehr müssen sie aufgefangen und wieder ins All zurückgeschleudert werden, was das Spielgeschehen nicht nur aufgrund des Digi-Gedudels im Hintergrund wesentlich hektischer und - nomen est omen - chaotischer als die Vorlage macht.

"Cut the Rope": Ein buchstäblich süßes iPad- und iPhone-Spiel (ca. 2 Euro, iTunes) um ein bonbonvernarrtes Monster in der Box, das sich keinen Zentimeter bewegt und furchtbar traurig dreinblickt, wenn es am Ende kein Leckerli bekommt. Also schneidet der Spieler in "Cut the Rope" mit Fingerspitzengefühl und gutem Timing Schnüre durch, an denen Süßigkeiten baumeln.

Er tippt auf Blasebalken, lässt Seifenblasen zerplatzen und hütet sich vor Stacheln, Spinnen und anderem Ungemach. Die ersten Level dienen als Fingerübung, später wird's knifflig bis unmöglich, alle Sterne in einem Rätsel abzugreifen und den grünen Nimmersatt zielgenau zu füttern.

"Osmos": Man könnte bei "Osmos" (ca. 4 Euro) eigentlich von virtueller Kunst sprechen, ginge es bei dieser abstrakten Spielerei für PC, Mac, iPad und iPhone nicht ausschließlich ums Fressen und gefressen werden. Um eine blau leuchte Sphäre, die getreu des Namens Zelle, Planet und Universum zugleich sein könnte.

Und um andere leuchtende Formen, die sich erst dann schlucken lassen, wenn man selbst mehr Masse als sie besitzt. Fatal nur, dass die eigene Spielfigur beim Manövrieren durch die Dunkelheit, bei der Jagd auf schwächere oder der Flucht vor größeren und aggressiveren Organismen unablässig an Gewicht verliert.

Hektisches Hantieren und viele Richtungskorrekturen verschlimmern die Lage, was vor allem dann deutlich wird, wenn man um eine Art Zentralgestirn kreist und kleinste Änderungen drastische Auswirkungen auf die Umlaufbahn haben. Wie bei den artverwandten Titeln "Rez" und "Flow" ist auch bei "Osmos" die beruhigende Dub-Musik elementarer Bestandteil einer außerordentlichen Spielerfahrung.

"Sinuous": Das Spiel ist die simple Fingerübung eines Programmierers, der die Vorteile und Möglichkeiten des neuen Webstandards HTML5 aufzeigen wollte - und dabei eine wahre Arbeitszeitvernichtungsmaschinerie schuf. Denn so simpel das eigentliche Spielgeschehen auch in "Sinuous" sein mag, so anstachelnd ist die Jagd nach dem Highscore: Es gilt, mit einem einsamen blauen Punkt einer Flut von roten Punkten auszuweichen, ohne diese zu berühren.

Gelegentlich vorbeischwirrende türkise Punkte versprechen kurzzeitig Schutz vor dem roten Fleckenschauer - und viele Punkte fürs Konto. "Sinuous" ist kostenlos und funktioniert auf allen HTML5-fähigen Browsern - also auch auf Android-Handys und iPhones.

"Spirits": "Vom Winde verweht" mal anders: Der vom Berliner Duo Spaces of Play entwickelte iPad-Titel "Spirits" (ca. 4 Euro, iTunes) wurde bereits vor seiner Veröffentlichung beim diesjährigen "IndieCade"-Festival in Los Angeles in der Kategorie "Aesthetics" ausgezeichnet. Wie beim Puzzleklassiker "Lemmings" müssen weiß leuchtende Geisterwesen zu einem Lichtstrudel dirigiert werden - vorbei an Hindernissen und Gefahrenquellen.

Auf einen Fingerzeig hin graben sie Gänge, verwandeln sich in Ranken oder in Wolken, die ihre Artgenossen mit glitzerndem Staub in die Höhe pusten. Doch nicht die optische Umsetzung mit ihren warmen Farben und Lichtgestalten ist etwas Besonderes. Die meisten Level lassen sich auf die unterschiedlichsten Arten lösen. Hauptsache, am Ende finden genügend sphärische Pilzköpfe ihren Weg ins Licht.

Ebenfalls mehr als einen Blick wert: "Mr. Bounce" - ein früheres Projekt der "Spirits"-Macher, das nun ebenfalls fürs iPhone veröffentlicht wurde, aber auch gratis als Browser-Game im Netz verfügbar ist. Bei "Mr. Bounce" wird wie beim Klassiker "Breakout" mit einem stilisierten Schläger ein Ball gegen allerlei Hindernisse geschleudert. Die Flugbahn ändert sich durch den Auftrittswinkel - die Höhe muss der Spieler jedoch zusätzlich manuell regulieren, was frischen Schwung in die oft kopierte Idee bringt.

"Super Meat Boy": Frischfleisch für ausgehungerte Jump&Run-Fans: Ein verliebter Schnitzeljunge macht sich in "Super Meat Boy" auf die Suche nach seiner von Dr. Fetus entführten Freundin Bandage Girl - und hüpft und rennt aus diesem Grund mit irrem Tempo durch rund 300 Level. Dabei versucht er, alles zu meiden, was einem saftigen Burschen wie ihn gefährlich werden könnte: Salz, Sägen, Stacheln, Reißzähne ...

Das knapp zwölf Euro teure "Super Meat Boy", online erhältlich für PC, Mac, Xbox 360, PS3 und Wii, ist nicht nur eine Hommage vor Nintendos "Super Mario Bros", mit dem es auch die Initialen teilt. Es malträtiert auch die Nerven des Spielers aufs Äußerste. Denn der wird verdammt oft scheitern, ehe er den richtigen Weg durch die Level findet - und dennoch immer wieder von vorne beginnen, weil das Game nicht unfair, sondern einfach nur schwer und hektisch ist.

Hat man's dann doch irgendwann ans Ende eines Levels geschafft, wird Bandage Girl zwar sofort ins nächste Level katapultiert. Allerdings gibt's auch ein aberwitziges Replay-Video, das nicht nur den erfolgreichen, sondern einfach alle Versuche des Spielers zeigt - und zwar gleichzeitig! Dazu gibt's jede Menge abgedrehten Humor, Nerd-Witze, Seitenhiebe und Gastauftritte von anderen Indie-Game-Stars wie etwa Commando Video aus der ähnlich hektischen "Bit.Trip"-Reihe oder der Held aus "Braid".

"The Ball": Eine ruhige Kugel schieben - das ist bei "The Ball" nur selten möglich. Vielmehr erweist sich der Trip in die Katakomben eines Azteken-Tempels als temporeiche Mischung aus Action-Einlagen und Puzzles, in denen sich alles um eine große mysteriöse Metallkugel dreht. Die lässt sich mit einer nicht minder mysteriösen Waffe anziehen und abstoßen, was die Programmierer für eine Vielzahl immer komplexer werdender Rätsel nutzten. Aber auch Mumien und Zombies lassen sich damit prima aus dem Weg räumen. "The Ball" zählte zu den Gewinnern des letztjährigen, mit einer Million Dollar dotierten "Make Something Unreal"-Wettbewerbs des Entwicklers Epic - und hat nun den Sprung ins Kommerzielle geschafft. Die Kugelei ist für PC als Box- oder Downloadversion erhältlich.

"The Company of Myself": Das kostenlose Browserspiel "The Company of Myself" greift das Prinzip des Xbox-360-Live-Arcade-Games "The Misadventures of PB Winterbottom" und des ähnlich gestrickten PlayStation-Network-Hits "Echoshift" auf. Bedeutet: Eine kleine Figur überwindet Hindernisse und Abgründe, indem sie auf Knopfdruck Abziehbilder ihrer selbst schafft. Diese Schattenwesen stellen eine Art Aufzeichnung der eigenen Aktionen zuvor dar, die dann wiederum simultan mit dem aktuellen Geschehen ablaufen.

Auf diese Weise bastelt man sich eine menschliche Pyramide oder lässt Schalter umlegen, die eine Türe am anderen Ende des Level auftun. Die Aufmachung ist minimalistisch, die permanente Selbstreflexion des einsamen Mannes mit Hut fast schon philosophisch.

"The Polynomial": "The Polynomial" (ca. zehn Euro) gleicht einem Flug durch leuchtende und abstrakte Partikelwelten, die auf Basis der eigenen Musiksammlung oder den Eingaben eines angeschlossenen Mikrofons erschaffen werden. Der Weg wäre hier schon allein das Ziel - doch tummeln sich in den unendlichen Musiversen finstere Pac-Man-Widergänger und wertvolle Power-Ups, die es abzuschießen und einzusammeln gilt, ehe ein Wurmlöcher den Spieler verschluckt und staunend in einer neuen Welt der Farben, Formen und Beats ausspuckt.

"The Undergarden": Eskapismus in seiner entspannendsten Form: Während man "The Undergarden" (ca. zehn Euro) als nautisches Elfenwesen den Meeresboden zum Blühen bringt, kann man, verzaubert von leuchtenden Farbtönen, die Seele baumeln lassen. Das alles erinnert an den PlayStation3-Überraschungserfolg "Flower", besitzt im Gegensatz dazu aber auch noch soetwas wie ein Spielziel: Es gilt, das Portal am anderen Ende der 14 Unterwasserwelten zu erreichen.

Dazu müssen zwischenzeitlich nicht nur neue Pollen geernet werden, sondern auch kleinere Physikrätsel gelöst werden, bei den aufgelesene Früchte eine entscheidene Rolle spielen. Manche sinken zu Boden, andere steigen auf und räumen dabei Felsbrocken aus dem Weg. Andere explodieren gar! Die liebliche Musik glättet jedoch sofort wieder die Wogen, die diese Art von Aufregung ausgelöst haben.



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