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Vettel virtuell das Verlieren lehren

19.09.2011 | 11:21 Uhr

Wie kaum ein anderes Entwicklerteam scheint Codemasters ("Dirt") ein gutes Händchen für ebenso rasante wie realistische Rennspiele zu haben. Nach dem geglückten Formel-1-Debüt im letzten Jahr veröffentlichen die Briten nun mit "F1 2011" ein weiteres, in nahezu allen Punkten verfeinertes und weiterentwickeltes Spiel zum globalen Rennzirkus, in dem derzeit der Deutsche Sebastian Vettel die Konkurrenz nach Belieben dominiert. Zeit, ihn virtuell das Verlieren zu lehren ...

"F1 2011" besitzt wie der Vorgänger alles, um Fanherzen auf Touren zu bringen: So finden sich in dem für PC, Xbox 360 und PlayStation3 erhältlichen Titel sämtliche Teams, Fahrer und Strecken der aktuellen Saison wieder - von Ferrari bis Marussia Virgin Racing, von Sebastian Vettel bis Kamui Kobayashi, von Australien bis Brasilien. Mit dem Nürburgring und Neu-Dehli gibt's zwei Neuzugänge, das zu Beginn der Saison wegen politischer Unruhen abgesagte Rennen von Bahrain ist dagegen aus dem Rennkalender geflogen. Nur der jüngste Wechsel von Bruno Senna zum Renault-Team konnte aus Zeitgründen nicht mehr von Codemasters berücksichtigt werden. Deshalb sitzt immer noch Nick Heidfeld im Cockpit. Wer will, kann natürlich auch dem ollen Schumi zum achten Weltmeistertitel verhelfen. Der Weg dorthin ist jedoch mühsam - aber auch mit Spannung, Unterhaltung und Liebe zum Detail asphaltiert.

Neulinge freuen sich angesichts der unglaublichen vielen Knöpfe am Lenkrad über jede Menge Fahrhilfen, die den Einstieg in die Königsklasse des Motorsports erleichtern und "F1 2011" fast zur Arcade-ähnlichen Raserei werden lassen. Dazu zählen sowohl der eigene Renningenieur, der den Wagen im Schnell-Setup den wechselnden Witterungsbedingungen entsprechend einstellt, als auch das Einblenden der Ideallinie, elektronische Bremsassistenten, Traktionskontrolle - und eine Art Rückspulfunktion, die grobe Patzer, Kollisionen und Abflüge ungeschehen machen kann.

Profis können sich dagegen in den Feineinstellungen des Wagens austoben, alle Hilfen ausschalten, manuell schalten und sich Gedanken über verschleißende Pneus und den Einsatz der neuen Zusatzsysteme machen, die seit dieser Saison fester Bestandteil des FIA-Regelments sind. Bei KERS handelt es sich um einen kleinen Elektromotor, der zuvor gespeicherte Bremsenergie beim Beschleunigen wieder freigibt. Und mithilfe des DRS lässt sich der Heckflügel auf langen Geraden abflachen. Die Folgen: mehr Tempo, weniger Anpressdruck. Dann mutiert "F1 2011" zur beinharten Simulation, die kaum einen Fahrfehler verzeiht und den Spieler aufs Äußerste fordert - vor allem, wenn er neben der Konkurrenz auch noch die Hitzeentwicklung im 800-PS-Triebwerk im Auge behalten muss und sich eine Reifenstrategie überlegen soll ...

Etwas milder hat Codemasters die Stewards gestimmt. Die legten im Vorgänger das Regelwerk teils sehr rigide aus. Aber auch in der aktuellen Saison sollte man nicht allzu oft abkürzen oder Gegner rempeln - sonst drohen Zeitstrafen oder im schlimmsten Fall die Qualifikation. Anderseits: Wer unbedingt das Saftey Car bestaunen möchte, sollte vielleicht doch hin und wieder einen kapitalen Crash provozieren ...

Nur wenig hat sich dagegen bei den Modi getan: Wer einfach ein bisschen Abgas-schwangere Luft schnuppern will, startet ein Zeitfahren oder einen Grand-Prix seiner Wahl inklusive Trainings-Sessions und Qualifying. Deutlich länger hält jedoch die Karriere an der Lenkstange. Als Nobody heuert man bei einem kleinen Rennstall wie Lotus oder India Force an - und fährt der Konkurrenz erst einmal hinterher. Doch je mehr der vorgegebenen Ziele ("Werde mindestens Zwölfter im Rennen") man erfüllt, desto leichter fällt der Wechsel zu besseren Teams. Dort gewinnt auch das teaminterne Duell deutlich an Brisanz, weil nur der Bessere Zugriff auf neue Autoteile bekommt!

Apropos Vorsprung durch Technik: "F1 2011" nutzt denselben Grafikmotor, der schon die "Dirt"-Reihe an die Genre-Spitze rasen ließ und in seiner aktuellen Ausbaustufe für optisch beeindruckenden Vortrieb sorgt. Das Geschehen läuft stets flüssig und lässt vor allem bei heftigen Regenschauern dank Gischt und Schlierenbildung die Grenzen zwischen virtueller Realität und TV-Bildern verschwimmen. Abgesehen davon, dass Regen und Wasserpfützen die Fahrt durch die Kurvenkombinationen von Spa-Francorchamps zum echten Husarenritt werden lassen ...

Aber auch der Rest der Präsentation stimmt, angefangen bei den Boxenanimationen über den Funkverkehr bis hin zum Kreischen der Motoren. Wer nach Verbesserungspotenzial für die nächste Saison sucht, wird ebenfalls fündig. Eine ausschweifende Siegerehrung fehlt ebenso wie Publikum auf den halbleeren Tribünen. Und die Interviews, die das virtuelle Alter Ego nach dem Rennen geben darf, sind zwar eine nette Idee, aber nur halbgar umgesetzt, weil der immergleiche Reporter die immergleichen Fragen stellt und die Antworten nur von der virtuellen Presse aufgenommen werden - nicht aber von anderen Teams. Und das Schadensmodell quittiert auch heftigere Kollisionen nur mit einem abgefallenen Frontspoiler. Nichtsdestotrotz ist Authentizität eine der großen Stärken von "F1 2011". Fahr- und Geschwindigkeitsgefühl stimmen. Obendrein gibt's dank glaubwürdiger fahrender Computer-Gegner und einem durchdachten Online-Multiplayer-Modus für bis zu 16 Teilnehmer Dauermotivation und Nervenkitzel satt.

derwesten



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