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"Remember Me" - Erinnerungen an Neo-Paris

09.06.2013 | 08:45 Uhr
Die Kämpfe erinnern ein wenig an die aktuellen "Batman"-Spiele "Arkham City" und "Arkham Asylum". Kleiner, aber feiner Unterschied: Die Schlagfolgen darf man sich bei "Remember Me" selbst zusammenbasteln.Foto: Capcom

Mit "Remember Me" veröffentlicht Capcom ein optisch anspruchsvolles, spielerisch aber nur bedingt erinnerungswürdiges Sci-Fi-Abenteuer, das unter dem eigenen Anspruch zusammenbricht. Dennoch bleibt es ein interessantes Experiment.

Ausflug nach Neo Paris: Capcoms "Remember Me" will PC-, Xbox-360- und PS3-Besitzer mit einer anspruchsvollen Science-Fiction-Geschichte um manipulierte Erinnerungen und skrupellose Großkonzerne in den Bann ziehen, bietet aber in erster Linie visuelle Schmankerl für Design-Fetischisten.

In Literatur und Film sind futuristische Schauplätze häufig eine kritische Reflexion unserer eigenen Gesellschaft - mal schön und verzaubernd, dann wieder grausig und verstörend. Spielen gelingt dieser narrative Kniff dagegen selten - hier sind stählerne Skylines, Sci-Fi-Chique und verchromte Roboter meist nur grafisches Dekor und Schießbuden-Figuren.

"Remember Me" ist im Jahr 2085 in Neo Paris angesiedelt.Foto: Capcom

Capcom und der französische Entwicklungs-Debütant Dontnod bemühen sich mit ihrem filmisch präsentierten Action-Adventure "Remember Me" um einen anspruchsvolleren Ansatz: Heldin Nilin muss sich in nicht allzu ferner Zukunft in der Welt von Neo Paris zurechtfinden, in der menschliche Erinnerungen zur Tauschwährung geworden sind und keiner mehr so recht weiß, wer zu den Bildern in seinem Kopf eigentlich das passende Erlebnis hatte. Die Hollywood-Thriller "Strange Days" (1995) und "Total Recall" lassen grüßen. Ungewünschtes dagegen wird einfach gelöscht - wie im Strafvollzug: Wer Mist baut, wird in der legendären Bastille eingebuchtet und so lange seiner schadhaften Gedanken beraubt, bis er wieder auf freien Fuß gesetzt wird.

Gedächtnis-Junkies auf der Suche nach dem nächsten "Schuss"

Kein Wunder, dass das Spiel mit der Erinnerung auch Probleme und Kriminalität mit sich bringt: Gedächtnis-Junkies sind so süchtig nach den Gedanken anderer, dass sie alles unternehmen würden, um einen neuen "Schuss" zu kriegen. Oder aber sie werden zu "Leapern" - bemitleidenswerten, ausgemergelten Schattenexistenzen ohne eigene Persönlichkeit, bei denen der anhaltende Missbrauch zum Gehirnkurzschluss geführt hat.

Heldin Nilin und ihre Genossen vom Widerstand sagen diesem Teufelskreis und der Kommerzialisierung der menschlichen Persönlichkeit durch den Konzern Memorize den Kampf an: Nach ihrer Flucht aus der Bastille will die einstige Gedächtnis-Jägerin nicht nur ihre eigene, gelöschte Vergangenheit wiederfinden, sondern obendrein die vermeintlich Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen.

Remember Me

  Unter Anleitung des mit ihr vernetzten Rebellen-Chefs Edge durchquert sie einen städtischen Kosmos, der die klassische Architektur des alten Paris mit Moderne und Futurismus kombiniert: Ob High-Society-Shopping-Meile, schicke Cafés oder ein schlammiger, verregneter Schwarzmarkt in den Slums - totale Vernetzung und vor den Passanten schwebende Augmented-Reality-Anzeigen bestimmen das Bild dieser Scheinwelt, die Nilin mit blanken Fäusten, viel Hacker-Know-How und akrobatischem Geschick durchquert.

Gradliniges Level-Design

Die schöne Heldin in der hautengen Jeans- und Leder-Kluft klettert wie Lara Croft durch schwindelerregende Höhen, hangelt sich von Sims zu Sims, gleitet mit halsbrecherischer Geschwindigkeit an Rohren und Leitern in die Tiefe und hechtet mit spielender Leichtigkeit über weite Kluften - vorausgesetzt, die Designer wollen es so. Anders als die berühmte Archäologin bewegt sich Nilin nämlich durch keine offene, frei bereisbare Welt, sondern durch enge und geradlinige Level-Versatzstücke, die einen prachtvollen, aber auch nur kleinen Ausblick auf Neo Paris erlauben. Navi-Pfeile zeigen zudem stets den Weg. Wer sich hier verfranst, findet nicht mal die eigene Hand vor Augen. Spieledesigner bezeichnen diese Sorte Geradlinigkeit als "stark geskripted" - soll heißen: Jeder Schritt der Figur folgt wie in einem Film dem von den Autoren vorgelegten Drehbuch - Abweichungen sind unerwünscht und so gut wie unmöglich.

Zuweilen darf man die Erinnerungen anderer Personen manipulieren.Foto: Capcom

Umso mehr mutet die wenige Interaktion, die "Remember Me" dem Spieler bietet, wie Füllwerk an: Ist Nilin gerade nicht damit beschäftigt, an einer Mauer zu kleben oder ein anspruchsloses Schalterrätsel zu knacken, dann keilt sie sich mit schwer gepanzerten System-Handlangern, den mutierten Leapern oder Robotern. Die von Angriffskombinationen dominierten Endlos-Kloppereien, die ein wenig an die aktuellen "Batman"-Spiele "Arkham City " und "Arkham Asylum " erinnern, kommen mit einem eigenen Manöver-Baukasten daher: Hier darf der Spieler durch das Aneinanderreihen von Effekt-Multiplikatoren, Zeitverzögerungen und gesundheitsregenerierenden Attacken eigene Kombos basteln, um die strapaziösen Gefechte halbwegs unbeschadet zu überstehen.

Leider fühlen sich bei so viel sperriger Buchhaltung wohl nur Prügelspiel-Profis halbwegs wohl - der Rest regelt am besten den Schwierigkeitsgrad runter, um die nervigen, aber spektakulären Raufereien mit all ihren Spezialmanövern, Sonderregeln, erschreckend sterberesistenten Widersachern und noch hartnäckigeren Bossgegnern so schnell wie möglich hinter sich zu bringen.

Erinnerungs-Remix

Spielebewertung
Remember Me

Hersteller: Dontnod Entertainment
Vertrieb: Capcom
Genre: Action-Adventure
Preis: ca. 60 Euro
Schwierigkeit: Fortgeschrittene bis Profis
Alter: ab 16

Bewertung

Grafik: sehr gut
Steuerung: gut
Sound: sehr gut
Spielspass: befriedigend
Gesamt: gut

Das einzige echte Gameplay-Novum ist dagegen chronisch unterrepräsentiert: Viel zu selten darf Nilin in die Gedächtniswelt eines Opfers eingreifen. Die lässt sich dann wie ein interaktiver 3D-Film vor- und zurückspulen, damit die Gedächtnismanipulatorin Schlüsselmomente so verändern kann, dass sie dem Gefoppten glaubwürdig vorkommen. Dann sabottiert sie beispielsweise eine Operation, um bei der Frau des daraufhin verschiedenen Patienten Hassgefühle gegen den Konzern Memorize zu erzeugen.

Wer mit der Geradlinigkeit des Abenteuers leben kann und außerdem eine hohe Frust-Toleranz in den Keilereien an den Tag legt, der wird mit dem interaktionsarmen "Remember Me" schon aufgrund des interessanten Szenarios, des hohen Schauwerts und des sensationellen Orchesto-Elektro-Klangteppichs glücklich. Wem eine ausgiebig bespielbare Welt und eine sich anspruchsvoll verzweigende Handlung dagegen wichtiger sind als pure Ästhetik, der wird vermutlich enttäuscht: Capcoms zehnstündiger Gedächtnistrip ist zwar ambitioniert, wird dem hohen Anspruch aber weder als Spiel noch als gesellschaftskritische Erzählung gerecht. Was bleibt, ist ein zumindest künstlerisch interessantes Experiment, das die Sinne befriedigt, bei dem Intellekt und Spieltrieb aber chronische Unterversorgung beklagen. (_teleschau - der mediendienst)

 

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