Computerklicks mit Stadionatmosphäre
28.10.2007 | 16:40 Uhr 2007-10-28T16:40:00+0100
Dortmund. Applaus, Pfiffe, Emotionen. In ganz Deutschland absolviert die Bundesliga des elektronischen Sports ihre Spieltage in großen Hallen - live vor Publikum. Es sind die Stadien des eSports. DerWesten hat sich in Dortmund umgehört
Seit einer Stunde das gleiche Bild. „Eigentlich sollte es längst losgehen…“, raunzt Peter Schmitz (18) aus Bochum. Andere rütteln bereits an den Türen. Das Warten auf den Einlass wird erst mal zum Geduldsspiel.
Spielen, das Stichwort schlechthin: Heute Abend wird sich alles um Games und die Electronic Sports League (ESL) drehen. Live und in Farbe. Auf der Bühne und davor. Das Intel Friday Night Game lockt erstmals in die Westfalenhalle nach Dortmund. Ausgerechnet bei der Premiere verzögert sich die Abnahme des Bühnenbereichs durch den Hallenbetreiber. „Ärgerlich“, sagt ESL-Pressesprecher Ibrahim Mazari. Doch abgeschreckt hat die Verzögerung die Game-Fans nicht. Kein Wunder: In der Westfalenhalle werden die Top-Spiele der Pro Series, das ist die höchste Spielklasse der Computerspielligen, live vor Publikum ausgetragen. Eine willkommene Abwechslung zum Ligaalltag, der sich sonst im Internet abspielt. Jetzt gibt es den Applaus nicht nur aus den Computerboxen. Gezockt werden die drei populärsten Games: Fifa 07, Warcraft 3 und Counter-Strike.
Also hereinspaziert. Jeder der 1.200 Fans hat seine eigenen Gründe, warum er den Top-Gamern der eSport-Szene zuschaut. „Ich bin zum ersten Mal bei solch einer Veranstaltung. Wir spielen sonst regelmäßig Fifa 07 mit Freunden. Das ist aber reiner Spaß, für die Pro Series reicht es sicher nicht.“ Kevin Kaufhold (19) schaut sich gerade vor der Bühne um. Auf dieser blinken die Monitore, eine große Leinwand überträgt jede Bewegung des jeweiligen Matches. Und vorher, da geht’s für die Teams zum Interview vor das Publikum. So auch bei den Clans mTw und SK Gaming, die mit aufgesetztem Poker-Face die Fragen des Moderators beantworten: „Mit welcher Taktik wollt ihr spielen?“ Guter Versuch! Letztlich ist es wie in der Bundesliga. Vor dem entscheidenden Spiel lässt sich keiner gerne in die Karten gucken.
eSport-Stammtisch statt digitaler Clique
Die Betriebstemperatur steigt. Vor dem Anpfiff wuseln die meisten Zuschauer in der Lobby, greifen selber zur Tastatur, testen im Rennsimulator den neusten Straßen-Feger an – oder fläzen sich zum Daddeln in weiche Kissenlandschaften. „Das ganze Drumherum macht so eine Veranstaltung aus. Du schaust dir nicht nur die Liga-Games an, sondern triffst Freunde und Bekannte, die du sonst nur aus dem Netz kennst“, meint Holger Pilach aus Iserlohn. Der 23-Jährige ist gleich mit einer ganzen Truppe angereist. Beim Intel Friday Night Games wird aus seiner digitalen Clique ein realer eSport-Stammtisch. „Du kannst hier natürlich gut mit den Leuten fachsimpeln. Auch die Gamer aus dem Ladder-Bereich können mit erfahrenen Spielern sprechen.“ Ladder, damit ist die Einsteigerklasse der Electronic Sports League gemeint. Sozusagen die Hobbyliga der eSportler. Pilach: „Hier ist es möglich, unter Wettbewerbsbedingungen just-for-fun dabei zu sein - ohne mehrmals in der Woche trainieren zu müssen.“ Diejenigen, die eSport als Profi ausüben und beinahe täglich an Verbesserungen tüfteln, erkennt man in Dortmund sofort. Obwohl sie sich durch ihr Alter nicht vom Großteils des Publikums unterscheiden. Klar, dass jeder Clan seine eigenen Trikots besitzt. Die Beflockung der Sport-Shirts ist eigentlich überflüssig. Die Top-Gamer sind in der Szene bekannt – Autogrammanfragen gibt es regelmäßig. Auch der Dortmunder Fifa-Spieler Stefan Bromund, den alle unter seinem Nickname „BroDo“ kennen, bereitet sich hinter den Kulissen auf sein Match vor. In den Katakomben der Westfalenhalle sind für die nächtlichen Spiele meterlange Kabelstrippen verlegt worden. Irgendwo in unscheinbaren kleinen Verwaltungsräumen hinter der Bühne bereiten sich die Spieler auf ihre Matches vor - zwischen Pizzaschachteln und Colaflaschen. Wie sind die Aussichten für BroDo? Der Lokalmatador zeigt sich zuversichtlich: „Wir hoffen natürlich auf einen Sieg!“ Zunächst ist aber Konzentration angesagt.
Admins sorgen für fairen Wettbewerb
Die volle Aufmerksamkeit benötigt normalerweise auch Manuel Laufenberg. Der 19-Jährige ist nicht als Spieler gekommen. Manuel ist ein Admin der Liga. Seine Dienste sind bei jedem Spiel unverzichtbar. „Als Match-Admin sitzt man in den Spielräumen und achtet darauf, dass die Spieler die Regeln einhalten.“ Die Schiedsrichter des eSports behalten stets die Monitore im Auge. Keiner der Clans soll sich gegenüber dem anderen einen Vorteil verschaffen können. Für den Hüter des fairen Wettbewerbs steht momentan aber keine Klick-Observation an. Laufenberg: „Das ist jetzt eine gute Gelegenheit sich mit anderen Admins auszutauschen.“ Trotzdem kann er problemlos die Spiele verfolgen. Dass keine Aktion verborgen bleibt, dafür sorgen nämlich lautstarke Moderatoren - und Kamerateams. Schließlich müssen bis zu 80.000 Zuschauer versorgt werden, die per IPTV oder Newsticker dabei sind. Stoff für Gespräche gibt es nicht nur dort, wo die Action angesagt ist. An der Ecke tobt eine Diskussion über Cheater, also Spieler, die bei den Games mogeln. Auf den Treppen erzählt man sich die neusten Kniffe aus helo 3. Eben: Treffen, Austauschen – Spielen. Holger Stockner (21) aus Dortmund bringt es auf den Punkt, was ein Friday Night Game ausmacht: „Ligaspiele funktionieren nur mit echten Fans. So etwas zeichnet doch den Sport aus: Erst im Stadion macht es richtig Spaß.“
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