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"Richtiges Spielen ist eine Erziehungsfrage"

02.06.2008 | 17:36 Uhr
"Richtiges Spielen ist eine Erziehungsfrage"

Dipl.-Soz.Päd. Horst Pohlmann ist vom Institut für Medienforschung und Medienpädagogik in Köln. Wir haben mit Herrn Pohlmann darüber gesprochen, wie Spiele auf Kinder wirken und wie Politik und Eltern damit umgehen.

Guten Tag Herr Pohlmann. Bitte erklären Sie unseren Lesern doch kurz Ihre Funktion und etwas über "Spielraum".

Diplom-Pädagoge Horst Pohlmann beschäftigt sich seit Jahren mit dem Phänomen Computerspiel. Er ist Mitarbeiter im Institut Spielraum an der Fachhochschule Köln.

Horst Pohlmann: Das Institut Spielraum beschäftigt sich mit medienpädagogischen Fragestellungen rund um Computer- und Videospiele. Dazu gehören die Durchführung von Fort- und Weiterbildungsangeboten für Pädagogen, Informationsabenden für Eltern und Veranstaltungen mit Schülerinnen und Schülern. Hauptaugenmerk liegt dabei in der pädagogischen Auseinandersetzung mit den Spielvorlieben von Heranwachsenden. Wir möchten unseren Zielgruppen einen adäquaten Umgang mit dem Medium vermitteln und für den gesetzlichen sowie pädagogischen Jugendmedienschutz sensibilisieren. Gemeinsam mit Netzwerkpartnern aus der ganzen Bundesrepublik konzipieren wir den Inhalt unserer Schulungen und erstellen Unterrichtseinheiten, die es Lehrerinnen und Lehrern ermöglichen sollen, mit Schülerinnen und Schülern am Thema zu arbeiten.

Das Wort "Killerspiel" wird ja immer wieder gerne als Blickfang in den Schlagzeilen verbraten. Was ist eigentlich ein "Killerspiel" und gibt es sowas überhaupt?

Horst Pohlmann: Der Begriff des "Killerspiels" hat sich zunächst etabliert, ohne dass eine fassbare und juristisch haltbare Definition der in Frage kommenden Spiele existierte. Die Spiele, die in erster Linie gemeint sind, sind natürlich Ego-Shooter, in denen es keine (friedliche) Handlungsalternative zum Töten von virtuellen Gegnern bzw. Spielfiguren gibt. Die grafische Darstellung und die Motive für die Tötungshandlungen sind auch Kriterien für die Klassifizierung. Will man ein Spiel darauf prüfen, ob die Kriterien zutreffen, wird man nicht umhin kommen, für jeden einzelnen Spieltitel eine klare Inhaltsbeschreibung zu verfassen und/oder anhand eines festgelegten Kriterienkatalogs jedes einzelne Spiel entsprechend zu überprüfen.

Die Debatte über die neuen Jugendschutzgesetze ist gerade abgeschlossen worden und der Indizierungskatalog wurde wieder ein Stück erweitert. Wie sehen Sie die momentane Situation? Sind diese neuen Gesetze notwendig oder wurden die alten Gesetze einfach nur nicht richtig angewandt?

Horst Pohlmann: In unseren Fortbildungen und Elternabenden müssen wir leider immer wieder feststellen, dass auf Seiten der Eltern zum Einen nur selten die USK-Kennzeichen bekannt sind und zum Anderen häufig kein ausreichendes Problembewusstsein zu gewalthaltigen Spielen existiert, die von Kindern gespielt werden. Somit kann sowohl die gesetzlich bindende Alterskennzeichnung für den Verkauf als auch die Indizierung von Spieltiteln ein adäquates staatliches Kontrollmittel sein, um die elterliche Erziehung zu unterstützen. Dabei kommen Eltern und Pädagogen aber in keinster Weise daran vorbei, sich anzuschauen, was die Kinder tatsächlich spielen, eine klare persönliche (und moralische) Stellung dazu zu beziehen und entsprechende Regeln aufzustellen und diese auch zu kontrollieren. Denn der Alltag zeigt, dass nicht alle Spiele im Laden gekauft, sondern (illegal) getauscht oder aus dem Internet geladen werden, sodass hier Jugendschutzmaßnahmen nicht greifen können.

Ist es wirklich so einfach wie es einige Politiker und nennen wir sie jetzt mal „Hardcore“-Jugendschützer sagen? Das gewalttätige Videospiele die Jugend abstumpft und gewalttätig werden lässt? Welche Faktoren kommen da Ihrer Erkenntnis nach zusammen?

Horst Pohlmann: Solche eindimensionalen Äußerungen treffen mit Sicherheit nicht zu. Auch wenn man damit natürlich eine breite Medienöffentlichkeit erreichen und auch für das Problem der Gewaltinhalte in Bildschirmspielen sensibilisieren kann, halte ich sie sogar für gefährlich, weil andere Problembereiche, wie soziales Umfeld, häusliche oder schulische Gewalt ausgeblendet und von Politik und Gesellschaft nicht bearbeitet werden. Zahlreiche Studien kommen aber zu einem ganz entscheidenden Ergebnis, dass nämlich eine intensive Beschäftigung mit einem Medium automatisch dafür sorgt, dass für andere Dinge keine Zeit mehr da ist. Für Heranwachsende bedeutet dies, dass wichtige reale Lernfelder, wie Empathie und soziales Miteinander zu kurz kommen können. Hier muss also die Pädagogik ihren Beitrag leisten.

In der Kritik stehen auch immer mehr die Eltern. Es wird oft gesagt, dass sie sich nicht genug mit den Medien beschäftigen, die ihre Kinder zu sehen bekommen. Wo sollte angesetzt werden, um diesen Missstand zu ändern?

Horst Pohlmann: Das Problem scheint tatsächlich zu sein, dass Eltern Bildschirmspiele und Internetnutzung zu fremd sind. Sie überlassen es den Kindern, ohne sich dafür zu interessieren oder sich im Gespräch mit Kindern die Spiele oder Faszination von Medien erklären zu lassen. In unseren Veranstaltungen versuchen wir diese Barriere aufzubrechen und Eltern dazu zu ermutigen, eine gemeinsame Kommunikationsebene mit den Kindern zu finden. Auch in anderen pädagogischen Arbeitsfeldern, wie Schule oder Kinder- und Jugendarbeit zeigen wir Möglichkeiten auf, wie man über Bildschirmmedien ins Gespräch und in eine differenzierte Auseinandersetzung kommen kann, ohne sie zu verteufeln oder zu verbieten. Letzeres führt im Zweifelsfall nämlich zu einer größeren Abschottung gegenüber der Erwachsenenwelt, was nicht im Sinne einer pädagogischen Herangehensweise sein kann.

Woher kommt es, dass sich einige Eltern gegen die Videospiele und ihre Kinder oft nicht durchsetzen können? Viele ergeben sich dahin, dass der kleine Spross so lange spielen darf wie er will, weil es sonst Theater gibt. Ist richtiges Spielen auch eine Erziehungsfrage?

Horst Pohlmann: Richtiges Spielen ist mit Sicherheit eine Erziehungsfrage. Ohne feste Regeln zu Spielzeiten und Spielinhalten läuft die Mediennutzung schnell aus der Bahn. Natürlich ist es auch unglaublich anstrengend, diese Regeln einzufordern und zu kontrollieren. Gemeinsame Familienaktivitäten und Alternativangebote zur Mediennutzung sind natürlich ein weiterer wichtiger Teil in der Erziehung. Im Alltagsstress und mit immer weniger Zeit für das Familienleben durch Beruf und andere Verpflichtungen, geht dies aber schnell unter. Außerschulische Angebote oder auch AGs im Ganztagsschulbereich könnten einen Teil des Problems lösen. Allerdings muss man sich vor Augen halten, dass gerade das Familienleben einen immens wichtigen Beitrag in der Erziehung leistet, den man nicht einfach von staatlicher Seite beschränken darf. Hier die richtige Balance zu finden, wird die Politik und die Pädagogik sicher noch ein wenig beschäftigen.

Sie stehen dafür ein, dass Computer- und Videospiele ein Kulturgut sind. Machen wir uns dieses Kulturgut selber kaputt? Wieso tut sich die Öffentlichkeit so schwer damit, ein Videospiel kulturell wertvoll anzusehen?

Horst Pohlmann: Das hat etwas damit zu tun, dass Computer- und Videospiele zu neu sind. In der Vergangenheit haben sich Kulturgüter über Traditionen entwickelt. Die heutige junge Generation ist aber die erste, die mit dem Medium in Berührung gekommen und vertraut ist. Den anderen Generationen zu vermitteln, wo der kulturelle Wert liegt, das ist die Aufgabe, die geleistet werden muss.

Ist die Arbeit zwischen der Politik, den Prüfstellen und Instituten wie „Spielraum“ ausreichend oder sollte man da noch etwas mehr tun? Wünschen Sie sich noch etwas mehr Insider-Wissen von Seiten der Politik?

Horst Pohlmann: Die Politik kann sich mit Sicherheit nicht um alles kümmern. Dafür schafft sie Bundesstellen, wie die Bundesprüfstelle oder die Bundeszentrale für politische Bildung, vergibt Forschungen oder gibt Studien in Auftrag. Auch die Arbeit des Instituts Spielraum wird zumindest von Landesseite unterstützt und beruht sogar auf einer Initiative des Generationen-Ministeriums in Düsseldorf. Eine Unterstützung über die Landesgrenzen hinaus wäre natürlich sehr wünschenswert und würde unsere Arbeit sehr erleichtern. Das trifft auch auf die Arbeit unserer Kooperationspartner zu, die sowohl bundesweit, wie auch regional tätig sind.

Meines Erachtens ist es nicht nur wünschenswert, sondern unbedingt notwendig, dass Politiker über ein Thema Bescheid wissen, wenn es aber darum geht, Gesetze einzuführen und in diesem Zusammenhang über Spiele, Regelungen und Verbote zu diskutieren. Einige Politiker informieren sich vorbildlich und tauschen sich mit Spielern aus, bevor sie eine Position beziehen – ganz gleich welche, andere unterlassen dies leider und geben unqualifizierte Äußerungen ab. Auf Seiten der Spieler sorgt genau das für Politikverdrossenheit. Schaut man sich aktuelle Studien zur Demographie von Spielern an, wird schnell deutlich, dass nicht nur Kids Spiele spielen, wie es manche Politiker denken, sondern inzwischen auch viele Erwachsene, die mit dem Medium groß geworden sind. Diese sind als Wählerstimmen nicht zu verachten. Manche Parteien haben das inzwischen erkannt.

Ende Teil 1

Nicole Lange

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Kommentare
11.06.2008
23:33
Richtiges Spielen ist eine Erziehungsfrage
von nicht Kai | #2

Kai: Die erste Generation? Es gab schon 1985 für den C64 Spiele, die einen Suchtcharakter hevorrufen konnten.

achja, und welche bitteschön?? ich habe damals mit dem c64 angefangen und allein die eingeschränkte auswahl an spielen hat dafür gesorgt, dass es nicht zu viel wurde.

und bei der grafik damals konnte man zwar (je nach dem) auf gegner schiessen, aber die darstellung der handlung war alles andere als eindeutig (ist dieses rote klötzchen dort blut??)

05.06.2008
01:22
Richtiges Spielen ist eine Erziehungsfrage
von Kai | #1

Zitat:Die heutige junge Generation ist aber die erste, die mit dem Medium in Berührung gekommen und vertraut ist. Den anderen Generationen zu vermitteln, wo der kulturelle Wert liegt, das ist die Aufgabe, die geleistet werden muss.

Die erste Generation? Es gab schon 1985 für den C64 Spiele, die einen Suchtcharakter hevorrufen konnten. Das ist bereits über 20 Jahre her. Seitdem haben sich Grafik und Spielideen zwar erheblich weiterentwickelt, aber die damaligen Jugendlichen, die heute Eltern sind, werden doch wohl in der Lage sein, sich in die Gefühlswelt ihrer Kinder zu versetzen. Alles andere wäre schwach.

In Einem hat Herr Pohlmann allerdings Recht. Die heutige Politkergeneration ist altersmässig meist sehr weit von den Jugendlichen entfernt. Das führt dann zu den genannten Fehleinschätzungen bis hin zur Forderung von Verboten.

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