Das aktuelle Wetter NRW 11°C
Hintergrund

"Monster Hunter" - was ist daran so toll?

08.07.2009 | 12:49 Uhr

Von "Monster Hunter" und seinem großen Erfolg in Japan hat jeder schon mal gehört. Aber was bitte schön soll an dem Rollenspiel so toll sein, wo es anfangs doch eher träge daherkommt? Ein Erklärungsversuch.

Lagerfeuerromantik: Rohes Fleisch muss vor dem Verzehr gegrillt werden (Monster Hunter, PS2)

Die "Monster Hunter"-Reihe startete 2004 auf der PlayStation 2. Auch ich wusste damals nur, dass es eine Art Action-Rollenspiel sein soll, in dem man online zu viert Monster zu Klump hauen kann. Und aus den Materialien, die man den Monstern nach erfolgreicher Jagd abschneidet, kann man sich neue Rüstungen und Waffen bauen lassen.

Klingt recht gewöhnlich. Beim ersten Probespiel konnte ich den anfangs eher kleinen Hype noch weniger verstehen. Mein Jäger bewegte sich so träge wie ein LKW, die Steuerung wirkte total überladen und die Reise durch die Jagdgebiete wurden von unsäglich hässlichen Lade-Bildschirmen unterbrochen. "Boah, ist das vorsintflutlich", dachte ich. Und als ich dann in einer der ersten Quests zum Pilzesammeln geschickt wurde, hab ich die Konsole ausgemacht.

Nur eins ist mir positiv im Gedächtnis geblieben: Man konnte Fleisch grillen. Am Spieß. Mitten in der virtuellen Natur. Das fand ich geil.

Anfangs abschreckend

Das Problem von "Monster Hunter" war und ist noch immer der schwere Einstieg. Anfänger werden in eine riesige Welt geworfen, ohne eine Anleitung, was sie wann und warum in welcher Reihenfolge tun sollen. Es gibt zwar im Spiel ein sogenanntes "Info-Magazin" mit vielen wertvollen Tipps. Doch wer will sich erst einmal seitenweise Text durchlesen, ohne zu wissen, ob ihm das Spiel zumindest im Ansatz gefällt? Und so stolpert ihr mit einem großen, permanent wachsenden Fragezeichen über dem Kopf durch diverse Quests, bis ihr schließlich genervt aufgebt.

Persönlicher Neustart

Mein Interesse wurde erst wieder geweckt, als die Serie in Form von "Monster Hunter Freedom" auf der PSP fortgesetzt wurde. Zwar bewegte sich mein Jäger immernoch wie ein LKW, und auch die überladene Steuerung und die hässlichen Lade-Bildschirme waren wieder da, doch irgendwie konnten mich das gemütliche Heimatdorf und die stimmungsvollen Landschaften zum Weiterspielen überreden.

Ehrgeizig habe ich mich durch die ersten Langweiler-Quests gekämpft. Ich habe Pilze gesammelt, mit der Spitzhacke Erzklumpen aus Felsspalten gehauen und harmlose Pflanzenfresser-Dinos wegen ihres Fleisches erlegt. Dann endlich die erste Jagd-Quest: "Jage den Velocidrome". Wird auch langsam Zeit für ein bisschen Action!

Mein erster Monsterkampf

Velocipreys sind kleine Dinos, die in Rudeln angreifen. Der Rudelführer wird Velocidrome genannt. (Monster Hunter, PS2)

Ausgestattet mit einem Knochen-Großschwert Marke "Stahlträger", das fast genauso groß wie mein Jäger ist, ziehe ich los in die Wildnis, um den Velocidrome zu erlegen. Ich schaue hier, schaue dort, gehe in diese Höhle und auf diesen Hügel... und plötzlich kreischt mich ein blauer, fleischfressender Raptor an! Im Angesicht des Todes hole ich mit meinem Großschwert aus, um einen vernichtenden Schlag zu landen, doch da springt mir der Velocidrome schon direkt ins Gesicht. "Du verdammter...!" Ich rappele mich wieder auf, hole aus und... der Velocidrome springt mir noch mal ins Gesicht.

Planänderung: Ich schaue erstmal, wie das Biest sich bewegt. Und wenn ich weiß, wann er endlich still hält, zieh ich ihm eins über. Nach etwa zehn Minuten, 15 Heiltränken, 20 Ausweichrollen und 30 Schlägen hab ich den Velocidrome endlich erlegt. Ich zücke mein Messer, um ihn auszunehmen, und kehre wieder ins Dorf zurück. Ich fühle mich ein wenig stolz, dass ich es diesem Biest, das mich anfangs so verarscht hat, am Ende doch noch gezeigt habe.

Und nach diesem kleinen Auszug aus den ersten Seiten meines "Monster Hunter"-Tagebuchs wechsle zu einer sachlicheren Schreibweise und verliere mich in unzähligen, unnötigen Details.

Nix für Buttonmasher

Es ist nicht leicht, alle Dinge, die "Monster Hunter" seinen Reiz verleihen, in der richtigen Reihenfolge aufzuzählen. Fangen wir doch einfach mal mit den Kämpfen an. Ihr könnt nicht einfach auf ein Monster zulaufen, zigmal den selben Knopf drücken und hoffen, dass der Gegner nach genügend Treffern den Löffel abgibt. Genau das macht nämlich der gemeine Videospieler erst mal. Klappt ja schließlich auch in allen anderen Spielen.

Die Kämpfe in "Monster Hunter" erfordern aber Geschick, Taktik und schnelle Reaktionen. Ein guter Jäger muss wissen, wann er ein Monster treffen kann, ohne sich gleich danach eine Prankenhieb oder einen Feuerball einzufangen. Er muss seine Waffe nach einem Angriff rechtzeitig wegstecken, um schneller rennen zu können. Er muss auf seine Ausdauerleiste achten, die beim Rennen oder Ausweichen schwindet und sich nur langsam wieder auflädt. Er darf erst dann einen Heiltrank schlucken oder die Klinge wetzen, wenn das Monster gerade beschäftigt ist. Und er muss wissen, wie er Hilfsmittel wie Fallgruben oder Blitzbomben effektiv einsetzt.

Die Tatsache, dass die Bewegungen und Aktionen des Charakters etwas träge sind oder lange dauern, mag angesichts der flinken Monster unfair erscheinen. Doch dieser Eindruck schwindet schnell, wenn ihr euch vom simplen Knöpfchendrücken verabschiedet. Wer beherrscht vorgeht und die Widrigkeiten akzeptiert, merkt schnell, das "Monster Hunter" nicht nur ein Spiel, sondern fast eine Art Jagdsimulation ist.

Jäger sind Sammler

Als nächstes stellt sich die Frage: Warum verkloppt man eigentlich reihenweise Monster? Die Antwort liegt im Sammeltrieb begründet, der sowohl bei Männern (Autos, Filme, Schallplatten), aber auch bei Frauen (Schuhe, Kochrezepte, Lippenstifte) anzutreffen ist. Ziel des Spiels ist es, eine möglichst große Kollektion an Waffen und Rüstungen anzuhäufen. Ja, das klingt banal, aber auch im Massenphänomen "World of Warcraft" geht es letztendlich um nichts anderes. Und 11 Millionen WoW-Spieler können nicht irren.

Wenn das Monster brüllt, hält sich der Jäger die Ohren zu und ist gegen Angriffe wehrlos (Monster Hunter Freedom, PSP)

Mit den Materialien, die ihr den verschiedenen Monstern abschneidet, lasst ihr euch vom Dorfschmied neues Equipment basteln. Helme, Brustpanzer, Beinschienen, Schwerter, Hämmer, Lanzen, Bögen - ich würde am liebsten auf die ganzen Eigenheiten der Rüstungen und Waffen eingehen, aber dann klicken sicher auch die letzten drei Leser diesen Text weg. Ach, mir egal, ich mach's einfach.

Anders als in den meisten anderen Rollenspielen sammelt euer Charakter keine Erfahrungspunkte. Er steigt keine Level auf, und er lernt auch keine neuen Zaubersprüche. All seine Attribute und Fähigkeiten werden fast ausschließlich durch seine Ausrüstung gesteigert. Zu Beginn rennt ihr in einem sogenannten Mafumofu-Outfit rum (ich mag das Wort), dass euch immerhin einen kleinen Abwehrbonus und Kälteresistenz beschert. Und eure Anfänger-Waffe, egal welcher Gattung, hat nur wenig Angriffskraft, ist nicht sonderlich scharf und besitzt kein Element. Im weiteren Verlauf erlegt ihr aber immer stärkere Monster, die wiederum wertigere Materialien für bessere Waffen und Rüstungen abwerfen. Die Rüstungen verleihen euch besondere Fähigkeiten, die im Kampf unerlässlich sind, wie etwa einen Hörschutz. Dieser bewirkt, dass ihr euch bei einem Monsterschrei nicht mehr die Ohren zuhalten müsst, was euch für kurze Zeit wehrlos macht. Die Fähigkeit "Ausweichen" hingegen vergrößert die Distanz eurer Ausweichrolle. Und der Skill "Übersinnliche Kraft" verhindert, dass euer Schwert nicht länger von harten Monsterhäuten abprallt, sondern durch sie hindurch flutscht wie ein heißes Messer durch die Butter. Dass man durch die Kombination von verschiedenen Rüstungsteilen und durch das Einsetzen von Juwelen bestimmte Skills gezielt aktivieren kann, was den Tüftel- und Sammelspaß nochmals in die Höhe treibt, unterschlage ich jetzt einfach mal ganz frech.

Vielseitigkeit ist Pflicht

Zwei Jäger in voller Montur. Das Sammeln von Rüstungen und Waffen ist die Essenz von Monster Hunter (Monster Hunter Freedom, PSP)

Bei den Waffen setzt sich der Sammelwahn fort. Schon allein die Gattung der Groß- und Langschwerter umfasst im aktuellsten Teil "Monster Hunter Freedom Unite" (PSP) mindestens... ich weiß es nicht, es sind bestimmt über 100 verschiedene Exemplare. Sie unterschieden sich durch Aussehen, Angriffskraft, Element, Schärfegrad und Juwelen-Slots. Neben Schwertern gibt es dann noch Hämmer in ähnlich vielen Variationen, mit denen ihr zwar im Kampf keine Drachenschweife abschneiden, dafür aber den Widersacher benommen kloppen könnt. Jagdhörner sind Hämmern nicht unähnlich, doch zusätzlich könnt ihr auf ihnen Melodien pusten, die euch diverse Status-Boni verschaffen. Lanzen können weder was abschneiden noch was benommen hauen, dafür haben sie aber eine große Reichweite erlauben dank ihres Schildes sogar Angriffe während dem Blocken. Und Bögen sowie Gewehre und Kanonen eignen sich für Attacken aus sicherer Distanz.

Besonders die Tatsache, das es weder die beste Rüstung noch die beste Waffe im Spiel gibt, sondern die Ausrüstung immer auf die verschiedenen Monster abgestimmt werden muss, hält über unzählige Stunden die Sammel-Motivation hoch. Ihr seid nie perfekt ausgestattet, es gibt immer einen neuen Grund, weiterzujagen.

Kann mir mal jemand helfen?

Dann wäre da noch ein Punkt, den ich trotz seiner Wichtigkeit bis jetzt völlig ingnoriert habe: Multiplayer. Die "Monster Hunter"-Reihe ist von Beginn an auf kooperatives Jagen mit bis zu vier Spielern ausgelegt. Zwar ist es mit viel Schweiß und Geduld möglich, nahezu jede Quest auch im Alleingang zu absolvieren, doch gerade die letzten Missionen zwingen die meisten Solisten in die Knie. Auf PlayStation2 und PC konntet ihr online miteinander spielen, die PSP-Ableger hingegen besitzen nur einen Ad-Hoc-Modus, bei dem die Spieler sich in unmittelbarer Nähe zueinander befinden müssen. Was hier aufgrund der verhältnismäßig geringen Verbreitung der PSP und des Spiels irgendwie unrealistisch erscheint, ist in Japan gang und gäbe. Wenn ihr hier in der U-Bahn oder an anderen öffentlichen Plätzen euer "Monster Hunter Freedom Unite" startet, werdet ihr recht fix zahlreiche Kameraden finden.

Bis zu vier Spieler können gemeinsam jagen und sich im Kampf gegenseitig unterstützen (Monster Hunter Freedom Unite, PSP)

Der Mehrspieler-Modus macht aus diesem sehr guten Spiel ein noch besseres. Schwache Spieler können von stärkeren unterstützt werden, um ihnen zu einer besseren Ausrüstung zu verhelfen. Gleichzeitig können schwache Spieler aber auch eine Bereicherung für die Gruppe sein, da die Aufmerksamkeit des Monsters nun auf vier anstatt nur auf einem Ziel liegt. Während ein Jäger gerade das Monster beschäftigt, heilt der andere seine Wunden oder bereitet eine Fallgrube vor. Und ein Bogenschütze kann mit Spezialpfeilen das Monster aus sicherer Entfernung lähmen, damit die Nahkämpfer mit ihren starken Hämmern und Schwerten gefahrlos angreifen können. Abgesehen von den spielerischen Vorteilen ist es aber einfach geil, mit einer Gruppe durch die Polygon-Wildnis zu stiefeln, deren Mitglieder beim Auftauchen eines riesigen Biests synchron die Waffen ziehen, während im Hintergrund das Orchester mit seiner dramatischen Spannungsmusik anstimmt. Volle Heldenpower voraus!

Ich mache hier jetzt mal einen Punkt. Es gäbe zwar noch viel über die herrlichen Landschaften zu erzählen oder über die teilweise haushohen Monster oder über den sympathischen, typisch japanischen Humor, der hin und wieder dezent aufflackert, ohne lächerlich zu wirken. Aber das solltet ihr vielleicht einfach mal selbst erleben.

Mehr zum Thema:

"Monster Hunter" - was ist daran so...

Carsten Grauel



Kommentare
17.07.2009
09:39
Monster Hunter - was ist daran so toll?
von Dashu | #2

Ne Capcom hat sich gegen die PS3 entschieden weil die Entwicklung in ihren Augen zu teuer sei.

09.07.2009
12:17
Monster Hunter - was ist daran so toll?
von revoluzzer | #1

Wird es MH 3 auch für die PS3 geben? Gibts dann auch an einer Konsole nen geteilter-Bildschirm-Coop-Modus?
Oder schon erschienen?

Aus dem Ressort
Drakensang: Rückkehr nach Aventurien
Video
Am Fluss der Zeit
Entwickler-Video zu Drakensang: Am Fluss der Zeit
Drakensang: Rückkehr nach Aventurien
Am Fluss der Zeit
Wenn alteingesessenen Pen&Paper-Rollenspiel-Veteranen bei einem Videospiel die Tränen in den Augen stehen, kann es sich dabei nur um eines handeln: „Drakensang: Das Schwarze Auge“. Wir waren bei Radon Labs, den Entwicklern, zu Gast und haben den zweiten Teil „Am Fluss der Zeit“ angespielt.
Podcast: Modern Warfare 2
DerWesten meets Game One
Wir haben uns mit dem Game-One-Podcast-Gott Gregor zu unserem ersten Podcast zusammen gesetzt und über den Action-Titel des Monats gesprochen: "Modern Warfare 2".
Tekken 6: Von Bergen und Fäusten
Storytelling
Die Geschichte der Geschichten von Kampfspielen ist eine Geschichte voller Missverständnisse. So in etwa könnte auch eine Zusammenfassung der Historie von "Tekken" lauten. Denn auch wenn diese von den wenigsten beachtet wird, spielt sie dennoch eine unheimlich wichtige Rolle.
Tekken 6: Von Bergen und Fäusten
Bildgalerie
Storytelling
Fotos und Videos
Ein Spiel für den Klimaschutz
Bildgalerie
A New Beginning
Die beste Seifenoper der Welt
Bildgalerie
WWE SmackDown vs Raw 2011
Professor Layton und die ewige Diva
Bildgalerie
Film und Spiel
Krimis auf dem Nintendo DS
Bildgalerie
Angespielt