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Gamer-Kommentar

Modern Warfare 2: Der filmreife Massenmord

02.11.2009 | 17:00 Uhr
Modern Warfare 2: Der filmreife Massenmord

Kann man das virtuelle Ermorden von Zivilisten noch dulden? "Modern Warfare 2" stellt sowohl Spieler als auch Presse vor diese Frage. Während die Entwickler hinter ihrem Produkt stehen, spaltet sich die Gamer-Gemeinde. Überschreiten die Entwickler hier die Grenzen oder sind sie vielleicht Pioniere?

Als wir das Video das erste Mal sahen, wussten wir alle nicht so recht, wie wir darauf reagieren sollen. Fahrstuhltüren öffnen sich, eine Gruppe, bestehend aus vier Männern, betritt die mit Menschen gefüllte Lobby eines Flughafens. Nur wenige Sekunden später werden Maschinengewehre gezückt und die Passagiere werden erbarmungslos niedergeschossen. Die Schreie der verletzten hallen durch den Raum, das Blut der Verwundeten und Getöteten sickert langsam über den Boden und die vier Terroristen setzten ihren mörderischen Streifzug mit eiskalter Effizienz fort. Ein Horror-Szenario, das sich vor allem die von Terror-Anschlägen gezeichneten Amerikaner nicht weiter ausmalen wollen. Wieso kommen also genau die US-Entwickler von Infinity Ward auf die Idee, den Spieler genau in diese Lage zu versetzen? Doch was noch wichtiger ist: Warum müssen wir es sein, die den Abzug betätigen?

Das Überschreiten von Grenzen

Ist man dieses Mal vielleicht wirklich zu weit gegangen? Es steht außer Frage, dass die gezeigten Szenen alles andere als leichte Kost sind und auch die zahlreichen Diskussionen sind durchaus berechtigt. Fraglich ist jedoch, ob es nicht vielleicht diese Art von Kontroversen sind, die ein Medium vorantreiben. Auch in Film, Musik und Kunst im Allgemeinen gab es Werke, die vor allem durch ihre erbarmungslose Bildgewalt Aufsehen erregten. "Modern Warfare 2" könnte hier keine Ausnahme sein. Fraglich ist jedoch der Zweck, den die Entwickler verfolgen. Will man durch das ungeschminkte Darstellen von Gewalt die schrecklichen Seiten von Krieg und Terrorismus zeigen? Robert Bowling, seines Zeichens Creative Strategist bei Infinity Ward, sagte in einem Interview, das wir kürzlich mit ihm führten, dass das gesamte Team besonders viel Wert darauf gelegt hätte, ein möglichst authentisches und vor allem cineastisches Erlebnis für Erwachsene zu erschaffen. Doch sollte sich Infinity Ward auch darüber im Klaren sein, dass ein derart in der Pop-Kultur verankertes und vor allem heftig umworbenes Produkt wie "Modern Warfare 2" auch in den Laufwerken von Minderjährigen landen wird. Was für eine Wirkung werden die umstrittenen Szenen also auf diese haben?

Selbstverständlich ist es eher unwahrscheinlich, dass sich Jugendliche durch das Spielen einer derartigen Szene dazu verleitet fühlen innerhalb eines Flughafens Amok zu laufen. Dennoch sollte man sich der Frage stellen, was für ein Bild man der jüngeren Generation hiermit vermittelt. Das Erschießen von Unschuldigen, wird hier in keinster Weise geahndet. Zwar wird man selber am Ende der Flughafen-Szene niedergeschossen, doch ist dies mehr ein billiges Stilmittel als ein tatsächlicher Versuch der Spielerschaft eine „Moral von der Geschicht“ zu vermitteln. Vor allem in Deutschland wird "Modern Warfare 2" höchstwahrscheinlich zahlreiche Diskussionen nach sich ziehen. Das langsame Durchstreifen des Flughafens auf der Suche nach weiteren Opfern erinnert frappierend an die Vorgehensweise von bisherigen Schul-Amokläufern.

Pioniere der Neuzeit?

"Modern Warfare 2" spaltet momentan die Gamer-Lager.

Andererseits ist es doch auch die Aufgabe der Kunst, dass sie zum Denken anregt. Und genau dies hat Infinity Ward hiermit geschafft. Neben der üblichen Angst vor einer verstärkten Dämonisierung von Videospielen stellt sich eben auch die Frage, wie weit Videospiele gehen können. Was die Grenzen des Machbaren angeht, wandern die Entwickler nicht nur am Rande des cineastisch Realisierbaren, sondern auch auf dem schmalen Grad von moralisch vertretbar und moralisch verwerflich. In diesem Sinne nehmen sie innerhalb der Industrie vielleicht sogar eine Pionier-Rolle ein. Selbst Lessings aufklärerisches Drama Emilia Galotti sorgte nach seiner Erstaufführung für heftige Debatten. Konnte man den Tochtermord in einem Theaterstück derart thematisieren? Heute sind derartige Diskussionen überfällig und das Stück gehört zur Weltliteratur. Lessing ebnete somit den Weg für zukünftige Generationen. Trifft dies vielleicht auch auf den aktuellen Fall zu? Verlieren Videospiele möglicherweise schon bald ihren Ruf als Kinderspielzeug und werden endlich auch als Erwachsenenmedium akzeptiert?

Einer Stellungnahme seitens des Publishers Activision entnimmt man, dass es der Zweck dieser Szene sei, den Spieler einen Eindruck davon zu vermitteln, wie unheimlich bösartig die Terroristen und im Gegenzug wie wichtig die Missionen der SAS-Einheiten und der Marines sind, an denen man im weiteren Spielverlauf teilnehmen wird. Ein derartiges Mittel der Polarisation ist durchaus nichts Neues und wird im Bereich des Films schon seit Jahren eingesetzt. Doch handelt es sich bei Videospielen um kein Medium, dass lediglich passiv konsumiert wird. Dadurch, dass man es selber ist, der die virtuelle Waffe in die Hand nimmt, ist die Frage angebracht, ob es noch moralisch vertretbar ist, den Spieler durch das sinnlose Morden unterhalten zu wollen. Andererseits sollte man sich die Frage stellen, ob wir, die Gamer, genau diese Art des Entertainments nicht schon seit Jahren ohne groß nachzufragen akzeptieren und konsumieren. Schon in "Kane & Lynch" konnte man Zivilisten töten, ohne das man in irgendeiner Form mit negativen Konsequenzen rechnen musste. Auch in Grand Theft Auto wird das Töten von Unschuldigen seit jeher nicht wirklich geahndet. Ein häufig zitiertes Argument der Spiele-Industrie ist hier jedoch, dass man zwar die Möglichkeit hat, unschuldige Passanten zu ermorden, dies aber nicht unbedingt tun muss. Gleiches gilt jedoch auch für "Modern Warfare 2".

Worin besteht also der Große Unterschied? Dass es dieses Mal ein Ego-Shooter ist? Dass man ein relativ realistisches Terror-Szenario nachbildet? Oder ist es lediglich die Tatsache, dass "Modern Warfare 2" derzeit eine gigantische Marketing-Kampagne hinter sich stehen hat und die Videospieler durch den moralischen Zeigefinger versuchen den Killerspiel-Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen? Das Medium Videospiel sollte inzwischen weit genug sein, dass man auch heiklere Themen ansprechen kann, die von der üblichen Alien-Invasion und dem Krieg im fiktiven Muslimistan abweichen. Sollte dies jedoch nicht der Fall sein, brauchen sich sowohl Spieler als auch Entwickler nicht darüber zu wundern, dass ihr Medium nicht als Kunst akzeptiert wird. Genau dies sollte Kunst nämlich ausmachen: Sie bietet Grundlage zur Diskussion.

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Mircafar Mirzayev

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Kommentare
12.11.2009
12:24
Modern Warfare 2: Der filmreife Massenmord
von Hansi | #11

Da wird ganz klar eine ganze Generation emotional auf Massentötung hin getrimmt.
Nur wird das in Zukunft nicht mehr von Menschen direkt ausgeführt,sondern indirekt über das Steuern von Drohnen.
Nach einem Fernsehbericht längst Praxis der Amerikaner in Afghanistan.
Ein schmutziger Krieg wird zum Computerspiel,und man findet das affengeil.

11.11.2009
18:08
Modern Warfare 2: Der filmreife Massenmord
von eldorado | #10

Im ersten Spiel fand ich ähnliche die Szenen nicht irgendwie schlimm, sondern sehr gut. Endlich ein Spiel der den Krieg nicht verharmlost- also sauber, moralisch einwandfreie Helden usw. Die Helden haben schlafende Feinde umhgebracht, gefoltert (in einer Zwischensequenz = Film) usw.

Also Krieg ist eben was dreckiges und das hat der Vorgänger wneigstens teilweise gezeigt. Also wie man das kritisieren kann bleibt mir schleierhaft.

Das neue Spiel find eich allerdings wegen dem überspitzten Ami-Patriotismus und der Feigheit der amerikansichen Entwickler auch amerikanische Zivilistend arzustellen (russische Zivilisten werden im Flughfaen umgebracht, brasilianische sind auch im Spiel nur keine amerikanische) nicht so gut.

Die Flughafenszene fand ich dagegen überhaupt nicht anstössig. Sie ging zwar emotionsreich los (und Emotionen sind überall gut- in Filmen, Büchern, Spielen mit ihrer oft sehr platten Geschichte) verkam aber schnell zu einem Witz.

5-6 Terroristen gehen ganz langsam, ohne überhaupt hastig zu wirknen durch den Flughfaen, im späteren Verlauf liegen aus dem Nichts Leichen auf dem Boden (obwohl die Terroirsten noch gar nicht da waren), zu Anfang wirken die Figürchen wie Puppen.

Selbst wollte man die Leute mit den Sterbeanimationen schokieren, liest sich auf den ersten Blick wirklich verstörend- es kriechen verletzte auf dem Boden und sterben. Aber nun sind das dutzende, die alle genau die selben Animationen haben.

Jedes FIlm verstört mich da mehr. Ich ahbe glaube ich zu viele Spiele gespielt und kann zwischen wirklichen Personen und gesichtslosen 08/15 kopierten Typen unterscheiden.

Kann mir aber vorstellen, dass die Leute die solche Spiele nie spielen, schokiert sind.

Mich nehmen Filme viel mehr mit, schaut einfach Kinderfilme wie König der Löwen oder Bambi an- da müssen kleine Kinder mitanschauen, wie die Eltern der Figurens terben. Also ich finde es viel krasser, als hunderte gesichtslose Figuren im Spiel.

Zu dem Unterschied zwischen Film/ Spiel- bei dem Call of Duty verkommt man in der deutschen Version in der Flughafen Szene zu einem Zuschauer- also nichts anderes als Film.

Und wenn die Szene wirklich emotionsreich sein würde, dann würde ich es toll finden. Sagen wir mal man ist so ein eingeschleuster gent und muss einen Zivilisten, der davor irgendwie beschrieben wurde (also keine gesichtsloses Objekt) töten um von den Terroristen nicht entdeckt zu werden.

Das sind Emotionen, eigene moralische Entscheidungen (man könnte ja dem Spieler eine Alternative geben) und wären in einem Spiel zu bergüßen. Man wird eben kein super cooler und guter Agent sein, sondern ein Mörder. Und das ist eher näher an der Realität, als die ganze Verharmlosung anderswo.

05.11.2009
13:15
Modern Warfare 2: Der filmreife Massenmord
von ein leidenschaftlicher Spieler | #9

kann mich noch an die diskussion zu modern warfare 1 erinnern, weil in der ersten mission schlafende gegner erschossen werden. dies führte schon damals zu einer kontroversen diskussion und letztlich krähte kein hahn danach.

in spielen ist alles machbar, wie auch im film. aber nicht alles sollte gemacht werden. es ist ein unterschied, ob man nur konsumiert oder auch interagiert. dadurch das der spieler aktiv am geschehen teilnimmt und es beeinflusst, sollten zumindest die grundwerte von ethik und moral eingehalten werden.

für mich persönlich sind solche szenen zwar nur bedenklich, für viele andere können diese aber zu ernsthaften moralisch-ethischen störungen führen.

04.11.2009
18:03
Modern Warfare 2: Der filmreife Massenmord
von Klappe zu Affe Tod | #8

Wundert mich gar nicht dass die Macher solche Szenen reinbringen.Terroristen sollen halt so brutal wie möglich wirken um den Spieler emotional zu bewegen.Amerikanische Soldaten sind dann die Helden und retten alle.
Dieser Propaganda Patriotismus nervt mich in der COD-Reihe extrem,komt bei den Amis aber immer toll an.

04.11.2009
14:39
Modern Warfare 2: Der filmreife Massenmord
von Rogerthat | #7

Auch seltsam das CS nicht erwähnt wurde.

Dort wird man für das Töten der Geiseln bestraft, welches aber auch in keinem Bericht erwähnt wird.

Fälschlicherweise muss man ja imemr lesen das man dort für das Töten der selbigen belohnt wird.

03.11.2009
18:36
Modern Warfare 2: Der filmreife Massenmord
von Darkreaperluke | #6

@immerwieder: Falls Sie aus meinem durchaus gut verständlichen Kommentar geschlossen haben, dass ich mich selber nicht von derartigen Situationen differenzieren kann, so haben Sie entweder meinen Kommentar nicht vollständig gelesen, oder konnten meinen Gedankengang nicht nachvollziehen. Es tut mir leid, dass mein Kommentar für Sie so missverständlich war.

03.11.2009
12:22
Modern Warfare 2: Der filmreife Massenmord
von Dr.Seltsam | #5

Mit fortschreitenden technischen Möglichkeiten, gerade was die Visualisierung betrifft, muss man sich endlich mit den (moralischen) Grenzen des Mediums beschäftigen.

Diese Szene z.B. in einem Kinofilm, in einem Roman ist doch kein Problem.
Den Zuschauer/Leser durch die Augen des Antagonisten schauen zu lassen, ist doch ein beliebtes Stilmittel.
Und auch dort dient es nicht immer nur der moralischen Verurteilung des Bösewichts, sondern bedient auch ganz klar den Voyourismus an Gewaltdarstellungen.

Ein Antikriegsfilm erzeugt in der Regel viel von seiner Botschaft über die drastische Gewaltdarstellung.
In einem Videospiel (in Deutschland) wird sogar das Blut abgeschaltet.

Überhaupt wird Krieg im Videospiel erschreckend steril dargestellt, geradezu verharmlosend sauber.

Ein Film, in dem die Gräuel eines KZs dargestellt werden, ist möglicherweise nicht unter 18 freigegeben, aber kaum jemand wird daran Anstoß nehmen, dass der Schrecken realistisch dargestellt wird.

Ob so etwas jemals in einem Computerspiel möglich sein wird ?

Vielleicht muss man so langsam mal den Begriff Spiel überdenken.

Vielleicht sollte das Genre auch langsam mal erwachsen werden.

Um wieder auf das Thema zurückzukommen.
Warum ist eine Dramaturgie, die in Literatur, Kino und Fernsehen kein Problem darstellen, als Computerprogramm für Erwachsene plötzlich eines ?

03.11.2009
08:00
Blockierter Kommentar.
von udo.michel | #4

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

03.11.2009
06:59
Modern Warfare 2: Der filmreife Massenmord
von immerwieder | #3

#2 ist ja schön, dass du selbst festgestellt hast, dass du nicht differenzieren kannst. meiner ansicht nach weist das auf ein ernsthaftes problem hin...mit 15 sollte man dazu schon in der lage sein.
aber gut, dass dich dein vater dann trotzdem spielen lässt, hoffen wir nur, dass er nicht im schützenverein ist. oO


soweit ich momentan aus dem internet informiert bin, handelt es sich dabei um eine mission in dem spiel. zu über 90% soll es nämlich so sein, dass die mission beendet ist, wenn man auf zivilisten schiesst. aber das kann man ja ruhig aussen vor lassen...dann wärs nicht mehr so schockierend....

02.11.2009
19:47
Modern Warfare 2: Der filmreife Massenmord
von Darkreaperluke | #2

Ganz unter uns. Ich bin 15 und ich darf solche Spiele, manchmal, am Rechner meines Vaters spielen. Mir ist aufgefallen, dass, vorallem junge Menschen wie ich, sich vom Spielablauf öfters nicht differenzieren können. Schon oft habe ich miterlebt, wie im Multiplayer sinnlos die Spieler getötet werden. Bei Garrys Mod z.B. nennt man das RDM (Random DeathMatch).
Vorallem bei GTA IV sehe ich den Multiplayer eher kritisch, da auch dort oft wahllos gemordet und geärgert wird...
Allerdings möchte ich auch erwähnen, dass ich diese Auswirkungen auf die Psyche, wenn ich es mal so nennen darf, auch schon bei Erwachsenen zur Genüge bemerkt habe.

Damit möchte ich ausdrücken: Spiele können moralisch grenzwertig sein, aber es ist nicht nur vorteilhaft, wenn sie dies sind.

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