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Interview: GameParents.de e.V

"Mehr Aufklärungsarbeit und weniger Politiker-Polemik"

29.09.2008 | 11:53 Uhr

Eltern fehlt der Praxisbezug zum Thema "Computerspiele". Fehlendes Interesse und eine Überforderung machen den Umgang mit den neuen Medien schwer. Wir haben mit Rainer Schmidt, dem Vorstandsvorsitzenden von GameParents.de e.V. über die Problematik und das Projekt "ElternLAN" gesprochen.

Herr Schmidt, Sie haben GameParents.de e.V. ins Leben gerufen und wollen so ein besseres Verständnis der Eltern und Erziehenden im Umgang mit den neuen Medien in den Bereichen Computerspiele und Internet erreichen. Erzählen Sie unseren Lesern doch etwas zu ihrer Person.

Rainer Schmidt: Ich bin 41 Jahre alt, verheiratet und habe zwei Kinder im Alter von 10 und 13 Jahren. Ich arbeite als Softwareentwickler bei einem deutschen Versicherungskonzern.

Beschäftigen Sie sich auch privat mit Videospielen?

Schmidt: Ja, ich spiele seit über 20 Jahren am PC. Mittlerweile habe ich zwar nicht mehr ganz so viel Zeit, doch es ist für mich immer noch die beste Art, um abzuschalten.

Sind Eltern überfordert oder einfach nur desinteressiert beim Thema „neue Medien“ heutzutage?

Schmidt: Ich behaupte sowohl das eine als auch das andere. Es gibt Eltern, die ihre Kinder schon im Kleinkindalter vor dem Fernseher parken und sich freuen, wenn die Kleinen dadurch ruhig sind. Das zieht sich durch bis zum Fernseher, Computer und/oder  der Spielekonsole im Kinderzimmer. Es gibt genauso Eltern, die einfach zu viel Respekt vor den neuen Medien haben, sich ihren Kindern unterlegen fühlen und sich aus dem Grund nicht einmischen. Aber es gibt mittlerweile auch viele Eltern, die mit den neuen Medien sehr gut klarkommen und in der Lage sind, ihre Kinder im Umgang damit zu unterweisen und sie so gut wie möglich vor Gefahren zu schützen.

Ist das ein Generationsproblem?

Rainer Schmidt - Gründer und Kopf hinter Gameparents.de.

 Schmidt: Sicherlich, zum Teil. Es wird aber auch zu wenig dafür getan, dass Eltern sicherer mit den neuen Medien umgehen. Zwar gibt es verschiedene Vorträge und Veranstaltungen, was man tun sollte, worauf man achten sollte, aber häufig fehlt der Praxisbezug. Außerdem werden Hilfsmittel für Eltern viel zu wenig beworben. Wer von den Eltern, deren Kinder „World of Warcraft“ spielen, weiß wohl, dass es hierfür spezielle Kindersicherungen gibt, wo Eltern Spielzeiten regeln können? Vermutlich nur sehr wenige.

Wenn man den Vergleich mit Alkohol beispielsweise anführt, so sind viele Eltern durchaus mit diesem Thema vertraut, aber kommen dennoch nicht dagegen an. Nimmt man die Überforderung und das Desinteresse einfach so hin, weil sich die Betroffenen sagen „Ach, dagegen kann man ohnehin nicht ankommen“?

Schmidt: Ich weiß nicht, ob hier der Alkohol ein gutes Beispiel ist. Zum einen fehlt mir hier selber die Erfahrung, weil mein Ältester erst 13 ist und wir das Thema noch vor uns haben. Zum anderen scheint die höhere Akzeptanz von Alkohol in der Gesellschaft hier eher eine Rolle zu spielen. Als Beispiel sei hier die Äußerung von Herrn Beckstein genannt, der zwei Maß Bier für akzeptabel hält, um danach noch Auto zu fahren. Der gleiche Herr wetterte aber für ein Verbot der so genannten „Killerspiele“. Alkohol wird zu häufig als zu harmlos angesehen. Bei den Spielen sehe ich da andere Gründe wie etwa fehlende Akzeptanz und fehlendes Wissen über die Wirkungsweise von Spielen.

- Für Sie stehen in diesem Fall aber ganz klar die Eltern in der Verantwortung?

Schmidt: Ja. Denn auch wenn ich mich für etwas selber nicht interessiere, so habe ich doch die Pflicht, mich darüber zu informieren, wenn dadurch Gefahren für meine Kinder gegeben sind. Ich muss es selber nicht können, aber ich muss so weit darüber informiert sein, dass ich einschätzen kann, ob zum Beispiel dieses Computerspiel etwas für meine Kinder ist oder nicht. Ein Beispiel: Mit der Einstufung von Filmen kann heute fast jeder etwas anfangen. Aber die Einstufungen von Computerspielen sind vielen noch fremd. Eltern wissen zum Teil zu wenig mit dem Medium Computerspiel anzufangen. Und so gelingt es immer wieder, dass Kinder ihnen Spiele „unterjubeln“ können, die für ihre Altersklasse nicht freigegeben sind.

Sie arbeiten mit dem AK Games NRW oder dem Institut Spielraum der FH-Köln zusammen, und am 8. November 2008 findet in Ennepetal die Veranstaltung "ElternLAN" statt. Wie wichtig sind diese Organisationen? Und wie sind ihre Erwartungen bezüglich der Aktion "ElternLAN"?

Schmidt: Der Arbeitskreis Games NRW hat verschiedene Aufgaben. Eine ist die Förderung der Spieleindustrie, die ein bedeutender Wirtschaftsfaktor ist. Aber auch der Jugendmedienschutz wird hier sehr ernst genommen. Und so findet ein direkter Dialog von den verschiedensten Interessensgruppen statt. Das Institut Spielraum hat das Netzwerk Spielraum ins Leben gerufen. Hier vereinigen sich viele kleine Organisationen und Vereine mit unterschiedlichen Schwerpunkten der Medienerziehung. Ziel hierbei ist es, dass sich diese gegenseitig unterstützen. Auch GameParents.de e.V. profitiert bei der „ElternLAN“ von dem Netzwerk. Nur dadurch sind wir in der Lage, Ansprechpartner zu unterschiedlichen Schwerpunktthemen anzubieten. Auch Kontakte, die wir über den AK Games geschlossen haben, führten zu Partnerschaften, ohne die wir nicht in der Lage wären, eine solche Veranstaltung zu stemmen.

Eine schöne Aktion, allerdings erreichen diese Veranstaltungen ja eigentlich nur die Leute, die sich auch mit dem Thema befassen wollen. Wie erreicht man die Menschen, die eigentlich nicht den Ehrgeiz haben, sich zu solchen Veranstaltungen zu schleppen?

Schmidt: Um es salopp auszudrücken: überhaupt nicht. Aber das ist ein grundsätzliches Problem, mit dem sich nicht nur die neuen Medien auseinanderzusetzen haben. Jugend(medien)schutz setzt nun mal voraus, dass jemand bereit ist, seine Kinder zu schützen. Wir versuchen es den Eltern, die unsere Veranstaltung besuchen möchten, so leicht wie möglich zu machen. Wir organisieren eine Kinderbetreuung, bieten ein, wie wir hoffen, interessantes Programm und selbst für das leibliche Wohl wird gesorgt. Hinzu kommt, dass die gesamte Veranstaltung für Eltern kostenlos ist. Lediglich für Speisen und Getränke wird ein geringes Entgelt verlangt.

Sind es eher die Kinder, die ihre Eltern zu solchen Informationstagen mitnehmen? Oder zeigen die Eltern in diesem Fall die Initiative?

Schmidt: Diese Frage kann ich Ihnen noch nicht beantworten. Es ist unsere erste Veranstaltung. Wir hoffen aber, danach Antworten auf verschiedene Fragen zu bekommen. Wichtig ist erst mal, dass die Eltern den Weg zur Veranstaltung finden. Unser Verein ist natürlich für die Kinder ein, ich nenne es mal, zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite erreichen wir, dass Eltern Interesse für die Computertätigkeiten und die Medienerziehung ihrer Kinder zeigen. Auf der anderen Seite schränken wir - über das neue Wissen - die Freiheiten der Kinder ein und machen es ihnen dadurch schwerer, an die für sie reizvollen, wenn auch ungeeigneten Inhalte dranzukommen.

Kürzlich kamen durch den Wahlkampf in Bayern auch wieder die Killerspieldebatten auf. Wie sehen Sie unsere Jugendschutzgesetze? Müssen diese noch verschärft werden?

Schmidt: Die Jugendschutzgesetze in Deutschland, gerade in Bezug auf Computerspiele, gelten unter Experten als die besten der Welt. Aber was nutzen die besten Gesetze, wenn sie nicht vernünftig angewendet werden. Die Spiele, deren Verbot immer wieder gefordert wird, können und werden durch die bestehenden Gesetze bereits in Deutschland verboten, wie das Beispiel „Manhunt“ sehr gut zeigt. Für die übrigen Spiele gibt es die Altersklassifizierung. Die Akzeptanz von Computerspielen steigt. Das zeigt schon die Aktion vom deutschen Kulturrat, der Computerspiele in den Stand eines Kulturgutes erhoben hat. Hinzu kommt, dass ein Verbot überhaupt nichts bringt. Was ich mir im Laden nicht kaufen kann, bestelle ich mir entweder über das Internet im Ausland oder beschaffe es mir illegal. Wer will so etwas kontrollieren?

Aufklärungsarbeit ist wichtiger als diese Wahlkampfpropaganda vom bayerischen Innenminister. Es sollte gemeinsam an einem funktionierenden Jugendmedienschutz gearbeitet werden, nicht an einem schärferen. Bei Filmen funktioniert es ja schließlich schon einigermaßen.

Das Internet wird in vielen Fällen als das weitaus „gefährlichere Medium“ dargestellt, weil die Kontrolle nicht gegeben ist. Hier können sich Kinder unbeobachtet nicht altersgerechte Spiele herunterladen oder andere Medien ansehen, die man als Kind nicht unbedingt sehen sollte. Pastor Bernd Siggelkow behandelt ja bereits seit einiger Zeit diese Thematik und sagt: „Heute schauen schon Fünfjährige Pornos, wodurch ihre sexuelle Entwicklung massiv gestört wird.“ 

Eine Entwicklung, die auch durch das Internet vorangetragen wird. Kann man dem überhaupt entgegenwirken? Wie hält man das Internet heutzutage im Zaum?

Schmidt: Man kann nichts im Zaum halten, was nicht aufzuzäumen ist. Aber es gibt Möglichkeiten, die Eltern dabei helfen, gewisse Inhalte auszusperren. Doch leider arbeiten solche Filter nicht immer zuverlässig, sind teuer oder aber lassen sich von den Kindern recht einfach aushebeln. Aus dem Grund sollten Eltern einfach ihre Kinder nicht alleine  vor dem Computer lassen. Das ist anstrengend, das kostet Zeit, aber es ist der einfachste und effektivste Weg. Selbst bei vermeintlich harmlosen Seiten kann es Situationen geben, mit denen Kinder nicht klarkommen. Ein Beispiel hierfür ist eine Nahaufnahme von verstümmelten Schafen nach dem ICE-Unglück bei Fulda auf Tagesschau.de. Zwar war das Bild nach ein paar Stunden wieder von der Seite genommen worden, trotzdem hätten es Kinder sehen können. Wenn Kinder solche Bilder sehen, müssen Erwachsene schnell reagieren. Das geht aber nur, wenn sie ihre Kinder nicht alleine ins Internet lassen.

Was würden Sie sich von der Politik in diesen Fällen wünschen?

Schmidt: Weniger Polemik, mehr Unterstützung. Die Politik muss erkennen, dass hier Handeln gefordert ist - und zum Teil hat sie das auch schon. Es müssen Aufklärungsprojekte gefördert werden.  Ich bin auch ein Befürworter der Testkäufe von Jugendlichen, egal ob es um Medien, Alkohol oder sonstiges geht. Die Informationen müssen zu den Eltern gebracht werden. Man kann sich nicht darauf verlassen, dass sich jeder in einem so komplexen Gewirr zurecht findet, wie es die neuen Medien mit Computerspielen, Internet und Handy darstellen. Wenn man aber die entsprechenden Informationen anbietet, zeigt und ausprobieren lässt, dann denke ich, dürfte es allen leichter fallen, dieses Wissen zum Schutz unserer Kinder einzusetzen.

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Nicole Lange

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