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Gaming für Dekadente: Wenn Spieler sammeln

19.10.2009 | 15:00 Uhr
Gaming für Dekadente: Wenn Spieler sammeln

400 Euro für ein Videospiel, das man dann nicht einmal auspackt? Für manch einen der pure Wahnsinn, für andere das höchste aller Gefühle. Doch was treibt Gamer dazu ganze Räume mit einer Menge Spielzeug zu füllen, das sie dann niemals anfassen?

Bei einem Blick in den Keller des einen oder anderen Sammlers würde den meisten wahrscheinlich der Atem stocken. In zahllosen Glasvitrinen versammelt findet man dort fast schon eine Anthologie der Spielegeschichte. Die komplette PlayStation-Ära, in fabrikneuem Zustand, hinter Schloss und Riegel festgehalten. Direkt nebenan findet man sämtliche Spiele, die jemals auf dem SNES erschienen sind. Worauf es den Besitzern jedoch vor allem ankommt ist, dass jeder einzelne Titel in einem perfekten Zustand sein muss. "The Legend of Zelda – Ocarina of Time" in seiner Sammlung zu haben ist ja das eine, aber wer kann schon von sich behaupten diesen Klassiker in perfektem Zustand zu besitzen? ungeöffnet und unberührt.

Die ewige Jungfrau Zelda

Gewisse Vergleiche mit einem jungfräulichen-Status, wie er in muslimischen Ländern selbst heute noch von äußerster Wichtigkeit ist, sind durchaus nicht abwegig. Viele Sammler ordnen ihrem Besitz einen fast schon sakralen Status zu. Symbolisiert wird dies nicht selten durch die hermetisch abgeriegelten Vitrinen oder Behälter, in denen sich die Schmuckstücke befinden. Einerseits will man gleichgesinnten natürlich präsentieren können, was man im Laufe der Zeit angesammelt hat. Andererseits setzt man alles daran seine Kostbarkeiten vor äußeren Eindrücken zu schützen. Seien es nun Staub, die schädliche UV-Strahlung der Sonne oder im schlimmsten Fall die fettigen Finger von unwissenden Besuchern. So hat nicht nur der Zustand der Verpackung einen hohen Stellenwert, sondern auch die Begebenheit der schützenden Plastikfolie selbst. Sitzt diese zu lose, wird das Spiel wahrscheinlich schon bald verkauft um durch eine „bessere“ Version ersetzt zu werden und entdeckt man gar einen Riss im Plastik, ist ein Sammler-Super-GAU die Folge.

Die Sammlungen sind immer unterschiedlich, aber immer mit der gleichen Ausrichtung.

Selbstverständlich handelt es sich nicht bei jedem, der eine kleine Ansammlung an original versiegelten Spielen sein Eigen nennt, um eine Art verkappten Spießer. Wie bei vielen anderen Hobbys will man seine Leidenschaft natürlich auch mit anderen teilen. Man will anderen zeigen, dass man ein sealed "Final Fantasy VII" in seinem Keller verstaut hat, dass man sich kürzlich die Sammler Edition von "Ninja Gaiden Sigma 2" gekauft hat, um diese dann sofort in Luftpolsterfolie zu hüllen und in einer Box zu verstauen. Die Absurdität der Situation wird auf den ersten Blick offensichtlich: Wieso sollte man sich Spiele kaufen, wenn man sie letzten Endes gar nicht spielen will? Die gleiche Frage könnte man natürlich auch Briefmarken-Sammlern stellen, die sicherlich niemals auf die Idee kommen würden einen Brief an Tante Bibi mit einer deutschen Feldpost-Marke aus dem Jahre 1945 zu frankieren. Es geht nicht um den Nutzen der Ware, sondern um ihren Ideellen Wert, den sie für den Eigentümer darstellt.

Unser Lied, dein Spiel

Die meisten beachtlichen Sammlungen nahmen damit ihren Anfang, dass man ein besonderes Unikat besaß, welches man nicht weg geben wollte. Bei Videospielen sind es zumeist die Titel, mit denen man in der Kindheit am meisten Zeit verbracht hat. Nicht umsonst, gehören Meisterwerke wie "Chrono Trigger", "Final Fantasy VII" oder die alten "Zelda"-Titel zu den begehrtesten Unikaten. Man möchte dieses Stück Nostalgie, dieses Stück „gute alte Kindheit“, in einem Zustand besitzen, der den Erinnerungen, die man damit verbindet, gerecht wird. Das Maximum aller Dinge stellt hierbei ein makellos erhaltenes Siegel dar. Im Laufe der Zeit erweitert man seine Wunschliste jedoch und schon wird man von dem Sammelfieber gepackt, das manche von uns vielleicht noch aus der Zeit kennen, in der man der King des Pausenhofs war, wenn man alle 150 Pokemon besaß. Ähnlich verhält es sich auch hier. Steigt man erst einmal in die Szene ein, wird man schon bald viel Zeit damit verbringen sich mit anderen Sammlern zu vergleichen und abzugleichen welches Spiel man denn noch besorgen könnte um die eigenen Vitrinen umso imposanter zu gestalten. Interessant ist hierbei, dass nicht nur Sammlungen die aus hunderten Spielen bestehen Beachtung geschenkt bekommen. Auch Neuanfänger werden von Gleichgesinnten mit offenen Armen aufgenommen und selbst wenn man nur vier mickrige Wii-Spiele vorzeigen kann, sind einem die motivierenden Worte der Kameraden sicher. Ein Aspekt in dem sich die „Jäger der verlorenen Schätze“ von vielen anderen Sammler-Gemeinschaften unterscheiden.

Dennoch sollte man nicht übersehen, dass neben dem ideellen Wert nicht selten auch ein hoher finanzieller Wert einhergeht. Man erinnere sich nur an das versiegelte SNES "Chrono Trigger", welches auf eBay einen Preis von mehr als 1200 Dollar erzielen konnte. Ähnlich dem Goldrausch der 60er Jahre, horten viele Sammler neu erscheinende Spiele gleich in dutzendfacher Ausführung, in der Hoffnung, ihr Wert könnte schon in wenigen Jahren stark ansteigen. Auch ein Vergleich mit Spekulationen an der Börse lässt sich hier nicht von der Hand weisen und so schätzt man in einschlägigen Foren schon jetzt ab, um wie viel Prozent der Preis von "Final Fantasy XIII" innerhalb der nächsten Jahren ansteigen könnte.

Wie einen kostbaren Talisman, der seit Generationen in der Familie vermacht wird, hortet eine illustre Gruppe an Spielern also die verschiedensten Videospiele. So seltsam dieses Hobby den meisten auf den ersten Blick erscheinen mag, so normal ist es eigentlich, wenn man es mit anderen Sammler-Leidenschaften vergleicht. Natürlich dient dies schon seit langem nicht mehr dem eigentlichen Zweck, der den Höhlenmenschen zu Gute kam: Wer vorausahnend viel Nahrung in seiner Höhle verstaute, konnte den in Krisenzeiten überdauern. Ein versiegeltes Videospiel kann man zwar nicht essen und es ist äußerst unwahrscheinlich, dass man seine Hypotheken in der nächsten Finanzkrise mit einem Bündel "Metal Gear Solids" abbezahlen kann. Aber das ist mit Ü-Ei-Figuren definitiv nicht anders.

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Mircafar Mirzayev

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Kommentare
19.10.2009
21:46
Gaming für Dekadente: Wenn Spieler sammeln
von ma29 | #2

und ich hab viele der schönen, großen und alten Verpackungen mal irgendwann weggeschmissen. Als ich letztes bei ebay sah wieviel so ein originales Monkey Island 2 im guten Zustand wert ist, sind mir die Augen ausgefallen.

19.10.2009
19:36
Gaming für Dekadente: Wenn Spieler sammeln
von phihochzwei | #1

Also ich hol mir auch immer nach Möglichkeit die Collector´s bzw. LimitedEditions. Aber ich spiel damit dann auch :D

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