Die Sims: Eine geschlossene Gesellschaft
22.07.2009 | 11:59 Uhr 2009-07-22T11:59:00+0200
Lebenssimulationen wie beispielsweise die "Die Sims"-Serie haben immer etwas Komisches, etwas Falsches. Warum macht es uns Menschen noch mal so viel Spaß, Menschen zu kreieren, zu piesacken und mit ihnen zu spielen?! Ach, ich vergaß ... Es ist menschlich.
"Die Sims 3" ist ein absoluter Verkaufsschlager. Alleine in der ersten Woche nach der Veröffentlichung des Spiels wurden 1,4 Millionen Versionen verkauft. Ich bin mir ziemlich sicher, dass irgendwer in meiner näheren Umgebung ebenfalls zugegriffen hat. Das ist wahrscheinlich auf die massive Bewerbung diverser Litfaßsäulen zurückzuführen. Und/oder auf diesen reißerischen, allzu verlockenden Slogan: „Alles ist möglich“.
Ich erinnere mich noch gut an die Vorgänger dieser Reihe, die mit jeder Version in ihren Möglichkeiten gewachsen sind und stets weiter damit kokettierten, wie nah sie dem echten Leben inzwischen doch gekommen sind. Während man mit jedem Add-on noch mehr Geld für Haustiere, Urlaub und IKEA ausgeben konnte, blieben die Sims die fiesen digitalen Versionen der oft verhassten Pantomimen. Nur eben dann mit neuen Spielsachen und Umgebungen. Sie waren schon immer diese willenlosen, immer glücklichen Püppchen, die manch' einer so gerne verprügelt hätte – wenn es doch nur irgendwie möglich gewesen wäre.
Wieso ist die Sims-Welt noch mal so schön bunt und friedlich? Warum gibt es eigentlich keine „Die Sims Emo-Edition“, in der man die geleckte Welt ein bisschen düsterer und die Sims einfach nur traurig gestalten kann? Sollte so etwas nicht ebenfalls in einer Lebenssimulation vorhanden sein? Oder habe ich etwas verpasst und hätte in meiner eigenen Lebenssimulation als Lebensziel lieber „Rockstar“ statt eines riesengroßen Fragezeichens angeben sollen?
Ich kann mir nicht helfen, aber Heile-Welt-Simulationen à la Sims machen mich mindestens so krank, wie es der aktuelle „Vodafon“-TV-Spot hinbekommen hat. Oder die kurzen Ausschnitte, die ich von den in Amerika so beliebten „High School Musicals“ sehen musste. Alles ist möglich. Sei ein Held. Wenn man singt, geht die Akne weg. Man muss nur ein bisschen Geld bezahlen und bloß keine Fehler in dem persönlichen Persönlichkeitssystem machen...
Geschlossene Gesellschaft
Aber was ärgere ich mich eigentlich? Im übertragenen Sinne sitze schließlich ich gerade in einem Raum, eingesperrt mit einem gaggelnden Sims-Charakter und einem Fernseher, der mir die glanzvolle Welt der vielbeschworenen heilen Welt aufzeigt. Ich könnte zu jeder Zeit diesen Raum verlassen, nur traue ich mich nicht.
Meine selbst erdachte Lebenssimulation zu verändern, die Sims einfach nur die Sims sein zu lassen und neu anzufangen, würde schließlich einen kompletten Wandel mit sich führen. „Da draußen“ kenne ich mich einfach nicht aus. Außerdem ist es absolut notwendig, dass ich „den beiden“ ohne Kompromisse meine Meinung trällere. Vielleicht ändern sie sich ja irgendwann mal. Schließlich haben sie, gemessen an meinem Weltbild, ein komplett falsches. Und wenn ich lange genug nerve, gehen sie vielleicht von selbst aus dem Raum. Oder aber ich sehe das ganze Thema als das, was es ist: banal.
Die Hölle, das sind die anderen
Ich frage mich wirklich, warum wir Menschen uns immer und immer wieder in sinnlosen Diskussionen über unsere eigenen Meinungen, Werte und Vorstellungen streiten, ohne dabei kompromissbereit zu sein. Prallen erst mal verschiedene Charaktermerkmale aufeinander, kombiniert mit eigenen Erfahrungen und festgefahrenen Einstellungen, wird häufig so lange palavert, bis irgendwer „den Raum“ verlässt. Oder - im Falle der Sims – jemand "Gnouwet toshniet" sagt und alle anfangen zu lachen.
Vielleicht sollte ich "Die Sims" als das betrachten, was es ist: Eine Simulation, in der Charaktermerkmale und Persönlichkeitssysteme nichts anderes sind als verspielte, humorvolle Anekdoten, auf das von mir viel zu ernst genommene eigene Weltbild. Außerdem ist es wahrscheinlich wesentlich leichter, Satres Theaterstück „Geschlossene Gesellschaft“ innerhalb der Sims nachzuspielen, als eine Kolumne darüber zu schreiben...
21:04
kann man, jennipenni, kann man. Das Problem ist eher ... man kann nicht resetten.
23:59
ich spiele trotzdem gerne die sims... auch wenn ich mich jedesmal nach ungefähr einer stunde frage, warum ich nicht einfach rausgehe und meine eigene welt so gestalte, wie ich sie gerne hätte... aber im echten leben kann ich halt nicht cheaten, verdammt!^^
18:58
vielleicht weil werte, vorstellungen und blabla die eigene existenz, den eigenen lebensentwurf infrage stellen und ein akzeptieren wohl ein kleines eingeständnis bezüglich des eigenen entwurfs darstellt, den man jedoch notgedrungen für den besten halten muss - einen anderen hat man nämlich nicht - und irgendwie sind die meisten kompromisse doch bloß einigungen auf gegenseitige mach-doch-was-du-willst-is-mir-egal verhaltensmuster...?
14:07
Glückwunsch. Ich könnte es jede Woche schreiben. Eure Kolumnen sind einfach super.
Ich war Anfangs eher skeptisch, da ich Giga nur Giga-schlecht fand. Aber Giga war auch von allem etwas, alles gut zerstückelt und dann irgend-wie und -wann wieder zusammen-ge-patext. Schön zu sehen das sich Dinge zu etwas richtig Tollem entwickeln können.
12:55
Ich frage mich wirklich, warum wir Menschen uns immer und immer wieder in sinnlosen Diskussionen über unsere eigenen Meinungen, Werte und Vorstellungen streiten, ohne dabei kompromissbereit zu sein
Scön gesagt, Budi :-) Das gleiche habe ich mich immer gefragt...