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Budimon-Kolumne

Die Romantik ist tot – und alle trampeln auf ihrem Grab herum

06.05.2009 | 17:30 Uhr
Die Romantik ist tot – und alle trampeln auf ihrem Grab herum

Wir leben in einer Informationsgesellschaft. Das bedeutet: Uns leisten Informationen Gesellschaft. Und zwar immer und überall. Man kann ihnen nicht entrinnen. Informationen sind die Droge des 21. Jahrhunderts. Wir sind süchtig danach. Wann ist das passiert?

Ich komme aus einer Zeit, in der es normal war, dass sich fünf Personen in einem Haushalt einen analogen Telefonanschluss teilen. Ich kenne heute noch die Telefonnummer meines besten Freundes aus Kindheitstagen. Den Freund nicht mehr. Morgens lag eine Zeitung auf dem Küchentisch. Die Hauptinformationsquelle. Ich habe immer hinten angefangen zu lesen. So kam der Sportteil zuerst. Gleich nach den Todesanzeigen. Bis zur Mitte bin ich meist nicht gekommen. Dann kam noch um 20:00 Uhr jeden Tag die Tagesschau. Und zwar um Punkt 20:00 Uhr. Die Atomzeit wurde der Tagesschau angepasst. Sie allein ist der Grund, weshalb auf allen Kanälen die besten Sendungen um 20:15 Uhr laufen. Ein Rückblick auf die Ereignisse der letzten 24 Stunden war das. Eine Tagesschau gleich 24 Stunden. Eine Gleichung wie ein Gesetz. Und es war genug. Doch dann kam das Internet - und alles wurde anders. Zu Beginn war es für die meisten eigentlich nur eins: Chatten. Heute geht keiner mehr online, nur um sich per Tastatur zu unterhalten. Heute chattet man nebenher. ICQ, MSN, Skype und die ganze Bagage. Es gibt Leute, die sind immer online in meiner ICQ-Liste. Immer! Und wenn sie mal nicht online sind, dann informiert mich eine Statusmeldung wieso.

Surfen als Tätigkeit

Aber wir chatten ja nur nebenher. Unsere eigentliche Tätigkeit heißt Surfen. Was bedeutet: Das Abrufen der immer gleichen Webseiten in einer Endlosschleife. Im Browser sind sie sogar sortiert. Man fängt links an. Da stehen die wichtigsten Adressen. Bei mir ist das Kicker.de. Dann arbeitet man sich bis an den rechten Rand durch. Das ist die Basis. Die Grundversorgung. Wenn die Wellen besonders prächtig sind, kommt man so richtig ins Surfen. Die Wellen sind in diesem Fall Links. Und sie tragen einen durchs Internet. Die besten Wellen findet man in Social Networks. Bis vor kurzem war StudiVZ alias MeinVZ alias SchülerVZ die angesagteste Location. Aber die Welt hinter unseren Monitoren ist kurzlebig, und mittlerweile ist Facebook viel angesagter. Spätestens hier spürt man den Wellendruck unterm Surfboard und die Reise wird rasant. Diese Seite ist wie ein schwarzes Brett, auf das jeder schreibt, was ihn gerade beschäftigt und wo man es gegebenenfalls findet. Und alle lesen mit. Der gläserne Mensch hat sich selbst verglast. Die Teilnehmer sprechen dabei von sich in der dritten Person. Als verfolgte sie eine kleine widerliche Elfe mit Nickelbrille und Notizblock, die alles zu Protokoll gibt, was der Proband gerade tut. Und sei es noch so nichtig. „Margarete puhlt sich gerade Hautklumpen vom Fuß.“ könnte ein typischer Statusbericht lauten. Gerne mit Direktlink zum Livestream. Wie eine Ansammlung in Echtzeit geschriebener Autobiographien. Der Sud aus Tausenden von Hirnen. Es sollen sogar schon aus Sorge alarmierte Einsatzkräfte bei Menschen die Türen eingetreten haben, weil diese seit mehreren Minuten auf der Pinwand kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben haben. Daher ist es Sitte geworden, sich abzumelden: „Geh jetzt kacken. Könnte länger dauern.“ Wer diesen Verhaltenskodex nicht befolgt, über den liest man bald: „Bekam gerade die Haustür eingetreten. Internet war down.“

Informationen wohin man schaut. Und wir saugen sie auf. Keine Webseite, die mit Infos dealt, kann es sich leisten, mehrere Stunden ohne neue Eindrücke online zu sein. Der Zeitraum, der zwischen dem ersten und dem letzten Link in unserer Endlosschleife vergeht, die es abzusurfen gilt, ist genau der Zeitraum, den eine Webseite unverändert bleiben darf, ohne in ewige Vergessenheit zu geraten. Wer nichts Neues bietet, wird gnadenlos aussortiert. Evolution im Internetzeitalter. Dabei fällt es der Printausgabe der BILD schon schwer, sich jeden Tag mit einer spannenden Schlagzeile zu schmücken. Deshalb arbeitet in der Online-Redaktion nur die eine Hälfte der Belegschaft an der Bildwerdung von Informationen. Die andere muss nämlich pausenlos neue kreieren. Jürgen Klinsmann und DSDS-Annemarie lassen grüßen.

Dabei habe ich eigentlich gar nichts gegen Infos. Sie können ja unterhaltsam sein. Das Problem ist das Tempo, in dem sie kommen. Wenn irgendwo auf der Erde was passiert, muss nur jemand mit iPhone zugegen sein - und schwupps bin ich am anderen Ende der Welt live dabei. Wie mit Margaretes Fußklumpen. In Lichtgeschwindigkeit fegen die Daten durch die Glasfaserleitungen. Wenn wir nur noch ein kleines bisschen besser werden, ein kleines bisschen schneller als Licht, dann sehen wir die Dinge sogar noch bevor sie passieren. Einstein und so. Erst Fernsehen über das Zurückliegende, dann Facebook über das Gegenwärtige und schließlich Filmchen über das Zukünftige. Und in den Videotheken wird „Minority Report“ von Science Fiction ins Regal mit Dokumentationen umsortiert. Wenn es noch Videotheken gäbe.

Dann nehmen Informationen vorweg, was noch passieren wird. Das machen sie manchmal sogar jetzt schon. Wir nennen es Spoiler. Die Handlung von Games oder Filmen erzählt zu bekommen ist der klassische Spoiler. Ich bin umgeben von Leuten, die das tun, und ich hasse es. Es ist ja überhaupt nichts dagegen einzuwenden, seine aktuellen Eindrücke aus kürzlich Konsumiertem an Freunde weiterzugeben. Die Begeisterung über etwas mitzuteilen. Aber der Zeitpunkt ist entscheidend! Jedes Vorwegnehmen zu einem Spiel oder Film besudelt das eigene Erlebnis und gehört deshalb strengstens bestraft. Außerdem ist man in Gesprächen mit erhöhter Spoiler-Gefahr permanent unter Stress und kann daher die Konversation gar nicht genießen. Denn die Messlatte, die harmlose von unerwünschten Informationen trennt, legt immer der Erzähler an. Und sie liegt für meinen Geschmack leider meistens viel zu hoch. Deshalb habe ich die Eigenart entwickelt, Menschen panisch anzublöken, wenn ich erahne, dass gleich mehr gesagt wird, als ich hören mag. Aber der Mensch ist ja anpassungsfähig, und deshalb war es nur eine Frage der Zeit, bis jemand den Ein-Satz-Spoiler entwickelte: „Hast du die neue South Park-Folge gesehen, in der Cartman einen Kobold trifft, der ihn in ein Märchenland bringt, in der alle imaginären Wesen leben und dann von allen bösen imaginären Wesen, die nebenan wohnen, überfallen und abgeschlachtet werden?“ Recht herzlichen Dank.

Passiv-Spoiler

Eine große Gefahr stellt auch der Passiv-Spoiler dar. Der Passiv-Spoiler wähnt sich moralisch nicht im Unrecht, denn er gibt seine Informationen scheinbar ungewollt weiter. Das tut er, indem er sich mit jemandem lautstark – weil emotional entflammt - über ein Erlebnis unterhält und dabei ignoriert, dass es Menschen in Hörweite gibt, die dadurch vielleicht in Spoiler-Gefahr gebracht werden könnten. Schließlich ist das Mithören von Gesprächen zutiefst verpönt, und daher kann man ja auch nicht damit rechnen, dass es jemand macht. Auch nicht in einem Großraumbüro oder einem überfüllten Fahrstuhl. Deshalb habe ich auch noch die Eigenart entwickelt, Menschen panisch anzublöken, die miteinander in meiner Nähe über heikle Themen sprechen. Vermutlich bin ich sehr beliebt.

Informationen lauern also überall, und ich will mein Analogtelefon zurück. Im stellvertretenden Sinne. Denn die schönsten Erinnerungen, die ich an Computerspiele habe, stammen von Titeln, die ich vorm Ausprobieren nicht kannte. Von denen mir niemand etwas erzählt hatte. Commander Keen etwa, "Little Big Adventures" oder "Prince of Persia". Einfach eine Tür aufmachen und eine Welt betreten, von der man nicht weiß, was einen erwartet. Das ist natürlich schwierig, wenn man sich ausgesucht hat, mit Spielen sein Geld zu verdienen. Denn wenn man von seinen Kollegen nicht mit Pampelmusen beworfen und vom Hof gejagt werden will, muss man die Entwicklung eines Titels quasi vom Tag des jüngsten Gerüchts an begleiten. Inklusive aller Screenshots, First Facts und Trailer. Eigentlich weiß man schon alles, bevor man zum ersten Mal Hand ans Joypad legt. Das ist, als wenn man auf YouPorn.com nach Videos seiner neuen Freundin sucht. Die Romantik ist tot - und alle trampeln auf ihrem Grab. Der letzte Satz ist womöglich brillant. Den nehme ich so als Überschrift. Jetzt schnell noch bei Facebook posten, dass die Kolumne fertig ist.

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Nils Bomhoff

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Kommentare
29.05.2009
21:31
Die Romantik ist tot – und alle trampeln auf ihrem Grab herum
von SebBL | #11

Passiv spoilern beim Verlassen des Kinosaals in Höhe der Kassen. Unheimlich fies(selbst erlebt), aber lustig anzusehen (selbst versucht, aber nicht das wahre Ende verraten).

14.05.2009
22:20
Die Romantik ist tot – und alle trampeln auf ihrem Grab herum
von meinunghaber | #10

Ganz große Schreibe Nils! Bravo!!!

12.05.2009
11:13
Die Romantik ist tot – und alle trampeln auf ihrem Grab herum
von derdermmerschreibt | #9

tja, der Endloshai hat nunmal auch seine Schattenseiten :)

10.05.2009
01:47
Die Romantik ist tot – und alle trampeln auf ihrem Grab herum
von Mari | #8

Das kenn ich. Ein Freund hat mir letztens Metal Gear Solid 4 ausgeliehen und mir gleichzeitig gesagt wie es ausgeht (HA! kein Spoiler hier ). Ich hab mir nur so gedacht: ... ... ... ALTER!!! Naja, mal sehen ob doch noch irgendwie überrascht werde.

07.05.2009
15:56
Die Romantik ist tot – und alle trampeln auf ihrem Grab herum
von Anny K. W. | #7

Viel schlimmer find ich Spoiler bei Büchern... Ein Film ist schnell gesehen, aber mich Tagelang durch Buch wälzen, von dem ich das Ende bereits von irgendeinem Verbrecher aufgedrängt bekommen habe, find ich mehr als doof...

Jedenfalls toller Stil, liest sich super!

AKW

07.05.2009
10:08
Die Romantik ist tot – und alle trampeln auf ihrem Grab herum
von Bazillus^^ | #6

sehr schön geschrieben

aber spoilern macht auch wieder spaß. wenn man es geschickt anwendet

07.05.2009
07:06
Die Romantik ist tot – und alle trampeln auf ihrem Grab herum
von MarkusS. | #5

Zeitsignal von der Tagesschau? Nee, auch die Tagesschau richtet sich schon lange nach dem amtlichen Zeitsignal der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig. Stichwort DCF 77 bei Wikipedia...

06.05.2009
21:58
Die Romantik ist tot – und alle trampeln auf ihrem Grab herum
von Kai | #4

Wiedermal unterhaltsam zu lesen... ;)

Mehr (Frequenz erhöhen)!

06.05.2009
20:49
Die Romantik ist tot – und alle trampeln auf ihrem Grab herum
von CremeFlash | #3

es gibt meiner meinung nach keinen besser geschützten raum für gelebte sehnsüchte als den virtuellen. die facebook-statusmeldungen-fanatiker sollten sich jedoch davor hüten, bald ihr real life nur noch im social network auszuleben. denn wenn man mal zuhause vor lauter zombiegenozidismus vergisst, den topf mit öl vom herd zu nehmen, und die gardinen in der küche bereits feuer fangen, kommt die facebook-statusmeldung darüber wohl noch brandaktuell an, dein gesichtsloser freund hingegen sicher zu spät- zumal 98 % der 300 freunde in der liste noch nichtmal deine adresse kennen.
btw, die perfektion der besten art und weise, nils.

06.05.2009
18:13
Die Romantik ist tot – und alle trampeln auf ihrem Grab herum
von Pantherrochen | #2

Endlich mal wieder Informationen aus den weiten des Internets, die einen köstlich amüsieren.
Auf jeden Fall einer der besten schriftlichen Beiträge hier in der Kolumne.
Und um zu bestätigen, dass die Überschrift wirklich gut ist muss ich sagen: Ja, sie ist genial!

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