Die netten „grauen Herren“ der Spiele-Industrie
25.05.2010 | 11:33 Uhr 2010-05-25T11:33:00+0200
Auf der Gamescom 2009 bot sich den Besuchern ein etwas befremdlicher Anblick: Zwischen Gamern mit aufblasbaren Schwertern, Goodie-Tüten und Gamer-Shirts gab es jene Personen, die aus der Menge herausstachen wie Marilyn Manson auf einem Charlie Chaplin- Ähnlichkeits-Wettbewerb: Banker unter Gamern.
Mit einem teuren Anzug, Lackschuhen und einem fast schon mit ihrem Körper verschmolzenen Handy schlenderten sie von einem Termin zum anderen. Im Gegensatz zu den normalen Besuchern nämlich, waren diese Damen und Herren - die zwangsläufig an Michael Endes „graue Herren“ aus dem Klassiker „Momo“ erinnerten - nicht gekommen, um an dem wilden Treiben von Bits und Bytes teil zu haben. Im Business-Center - Business, darum ging es ihnen - zogen sie von Entwicklerstand zu Entwicklerstand, um sich ein wenig mit den jeweiligen Verantwortlichen zu unterhalten. Im Gegensatz zu den Gestalten aus Endes Roman jedoch, wollten sie nicht über die Zeit reden und wie man diese am besten spart. Gesprochen wurde über Vieles, doch nur in den seltensten Fällen über das Sparen. Hier ging es um das Ausgeben: Das Ausgeben von Geld. Denn irgendwie müssen ja auch Videospiele finanziert werden und die freundlichen „grauen Herren“ der Spiele-Industrie wissen Bescheid wie.
Deutschland: Ein hartes Pflaster
Als etabliertes Entwickler-Team jemanden zu finden, der Geld in die Entwicklung des neusten Projektes fließen lässt, ist nicht allzu schwer. Bekanntere Namen wie Bungie, Bioware oder das deutsch-türkische Erfolgsstudio Crytek müssen sich keine allzu großen Gedanken über das nötige Kleingeld machen. Abgesehen vom letztgenannten Beispiel jedoch ist Deutschland – was die Publisher angeht – nicht gerade fruchtbarer Boden. Am nötigen Talent mangelt es hier zwar sicherlich nicht (Daedalic - „The Whispered World“, Piranha Bytes -„Drakensang: Am Fluss der Zeit“ und Sunflowers Interactive - „Anno“- Reihe sind nur einige erfolgreiche Beispiele in Sachen „Videogames: Made in Germany“.) Doch gelegentliche politische Hetze gegen Videospiele, immer noch vorherrschende Vorurteile und Berührungsängste gegenüber dem Hobby - welches vor allem bei den männlichen Jugendlichen ganz hoch im Kurs steht - machen Deutschland zu einem für Spielentwickler eher unfreundlichen Terrain. Es gibt allerdings Unternehmen und Initiativen, die genau daran etwas ändern möchten und zunehmend versuchen, den hiesigen Spielentwicklern das Leben zu erleichtern. An dem Öffentlichkeitsbild des Gamers wird sich auch in den kommenden Jahren höchstwahrscheinlich nicht allzu viel ändern. Was jedoch die Finanzierung und die Förderung der in Deutschland immer noch in den Kinderschuhen steckenden Spiele-Industrie angeht, so bieten sich hierzulande zahlreiche Möglichkeiten.
Spiele-Stadt Hamburg
Das lokal operierende Projekt „Gamecity Hamburg“ beispielsweise ist eine Option für kleine Studios, denen es entweder am nötigen Branchen-Know-How oder aber am notwendigen Kleingeld fehlt, um die Entwicklung eines Produkts voran zu treiben oder aber das fertig gestellte Spiel auf den Markt zu bringen. Neben der Vernetzung mit anderen Entwicklern im Raum Hamburg, sorgen vor allem Angebote wie die Vermittlung junger Designer und Programmierer und das Vermieten spezieller, für die Arbeit in der Games-Branche geeigneter Immobilien für ein gewisses Maß an Unterstützung. Auf den regelmäßig stattfindenden Gamecity Treffs kommt es zudem zu einem Meet-and-Greet mit weiteren Studios aus der Umgebung und möglicherweise zum Schließen neuer geschäftlicher Kontakte. Neben dem Einsatz in Sachen Organisation und Networking liefert die Initiative zudem die häufig notwendige finanzielle Unterstützung. Die zinsfreien Leihbeträge von bis zu 100.000 Euro werden jedoch nicht willkürlich ausgeschüttet, sondern durch eine Fach-Jury abgesegnet. Die Geldbeträge selbst werden hierbei nicht durch staatliche Subventionen, sondern durch die Zusammenarbeit mehrerer norddeutscher Vereinigungen aufgebracht.
Banker meets Bomberman
Selbstverständlich sind auch die Banken auf das hohe monetäre Potenzial der Industrie aufmerksam geworden, das sich trotz Finanzkrise auf rapidem Wachstumskurs befindet. So bietet die „Deutsche Bank“ ein spezielles Game-Funding an, welches jedoch lediglich auf die Unterstützung durch Pump vertraut und keinerlei fachliche Unterstützung bietet. Die hier erzielbaren Kredite sind zwar potenziell höher als in anderen Fällen, doch vor allem kleine Entwickler werden große Probleme bekommen, überhaupt einen Kredit zu erhalten. So verlässt sich die deutsche Bank bei der Ausschüttung der Gelder nicht auf fachliche Kompetenz, sondern auf das bei Banken etablierte Rating-System, welches maßgeblich zum großen Finanzcrash des letzten Jahres beigetragen hat. Hierbei wird anhand der Firmenvorgeschichte ein spezielles Rating (engl. Bewertung) erstellt, welches über die Bonität von Krediten und Firmen bestimmt. Möchte man jedoch als kleines Unternehmen durchstarten und hat somit noch keine nennenswerten Firmenerfolge vorzuweisen, so wird in den meisten Fällen kein Kredit vergeben. Bei diesem Finanzierungskonzept steht vor allem das Unternehmen und weniger das Projekt selbst im Vordergrund. Dadurch wird der Neueinstieg für die Kleineren erschwert und weniger durchdachte Konzepte der Größeren kurzerhand durch gewunken, ohne dass man sich fachlich mit den Erfolgschancen des Projekts auseinander gesetzt hat.
Auch andere Unternehmen interessieren sich zunehmend für den Games-Sektor. Merchandising-Spezialisten sehen in Master Chief und Co. die Darth Vader von morgen und auch Produktionen, die sich bisher vornehmlich auf den Filmsektor konzentriert hatten, sehen in den Pixel statt in den Zelluloid neue Möglichkeiten. Sicher ist, dass derzeit aus wirtschaftlicher Sicht kaum ein Industriezweig so viel Potenzial hat - und das auch in Deutschland. Nun liegt es an den freundlichen „grauen Herren“, eben dieses Potenzial zu fördern und an den hiesigen Entwicklern, von ihrer Zeit, ihrem Talent und vor allem ihrer Chance Gebrauch zu machen.
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