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Gamer-Kommentar

Der beste Artikel aller Zeiten

03.07.2010 | 10:00 Uhr
Der beste Artikel aller Zeiten

„Der beste Titel aller Zeiten“, „ein optisches Meisterwerk“ oder auch eine „Errungenschaft, an der sich kommende Titel messen müssen“: Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt der zahlreichen Superlative, mit denen heutzutage so manches Videospiel angepriesen wird. Aber stimmt das auch?

Betrachtet man die Rückseite der Verpackung des kürzlich erschienenen Wii-Spiels „Naruto Ultimate Ninja Council 3“, wird manch ein Beat-em-Up-Fan stutzen. In großen Lettern erstrahlt dort folgender Schriftzug: „Das beste Kampfspiel für Wii“. Hat man den ersten Schock und die Frage, ob da nun nicht doch ein Artikel vor die oder das Wii gehört, verarbeitet, kommt es schon zu einer sehr viel größeren Krise: Handelt es sich hierbei wirklich um das „beste Kampfspiel“ für die Konsole, deren Name an dieser Stelle nicht ein drittes Mal genannt werden soll? Die eine oder andere Konkurrenz gibt es ja immerhin, man denke hier nur an das hervorragende „Tatsunoko vs. Capcom“. Doch auch hier könnte man sich auf eine höhere Ebene, also quasi die Meta-Ebene begeben und sich folgende Frage stellen: Wer verteilt eigentlich dieses absolute Prädikat des „besten“?

DSDS für Gamer

Lobpreisungen und Übertreibungen ähnlicher Art werden in der Regel entweder von einer fixen Werbeagentur fingiert oder aber ein nicht minder fixer Journalist lässt sich zu einer der häufig genannten Superlativ-Phrasen verleiten. Seit geraumer Zeit verhält man sich sogar immer weniger uneingeschränkt und so ist ein Titel nicht mehr „gut“, sondern „ein Meisterwerk“, „beeindruckende Cutscenes“ wurden durch die gerne zitierte „Oskarreife Inszenierung“ ersetzt und überhaupt scheint es, als würde jeder Spiele-Journalist einen Almanach der Superlative sein eigen nennen können. Das Durchlesen eines Artikels, der einen Top-Titel (auch gerne als „AAA-Titel“ bezeichnet) behandelt, erinnert da schnell an die Finalrunden einer Castingshow. Vor seinem inneren Auge sieht man einen schräg gekleideten Videospiel-Bohlen, der die neusten Blockbuster aus einer der großen Spieleschmieden mit Ausrufen wie „Hammermäßig!“ lobt und ihnen Honig ums Maul schmiert.

Wo diese Lobpreisungs-Inflation herrührt ist unklar. Doch ein nicht zu vernachlässigender Faktor ist, dass sich Wertungen und dementsprechend auch die Lobpreisungen der zuständigen Redakteure in den letzten Jahren selbstständig hochgeschraubt haben. Betrachtet man die Top-10 der Ratings der letzten Jahre, findet man ganze fünf Titel, die allein in den letzten drei Jahren veröffentlicht wurden. Natürlich werden Videospiele immer besser, keine Frage, aber dementsprechend sollten eigentlich auch die Ansprüche der bewertenden Presse steigen. Könnte man jedenfalls erwarten. Ähnlich dem sich selbst regulierenden Preis in der Marktwirtschaft, der sich aus Angebot und Nachfrage ergibt, müsste dies im übertragenen Sinne auch für Videospiele gelten. Eine große Zahl an guten Titeln, lässt den Schnitt im Allgemeinen ansteigen, wodurch es Videospiele umso schwerer haben, in die höchsten Sphären des Wertungshimmels aufzusteigen. So viel zur Theorie. Die Praxis sieht in der Regel jedoch anders aus.

So gibt es eigentlich kaum einen Titel, der es schafft, weniger als 50%-Punkte einzuheimsen. Auf einer Skala von 0-100 bedeutet dies, dass es sich hier um ein durchschnittliches Produkt der Spiele-Industrie handelt. Wäre dies tatsächlich der Fall, müssten sich Entwickler ernsthaft Gedanken über die Qualität der eigenen Werke machen. Im Gegenzug ist es jedoch eher so, dass die Messlatte nur bis zur berühmt-berüchtigten 50%-Marke reicht. Werte, die stark unter dieser liegen, sind in der Regel Titeln wie „Leisure Suite Larry: Box Office Bust“ vorenthalten - also Spielen, bei denen wirklich alles falsch gemacht wurde. Doch trotzdem schafft es ein Großteil der veröffentlichten Produkte im Wertungs-Mittelfeld zu landen. Wieso? Folgendes Fallbeispiel:

Das Wertungs-Dilemma

Titel A schafft es, einigen Mängeln zum Trotz, durch eine gelungene Optik zu überzeugen. Eine Wertung im mittleren 80er-Bereich wäre angebracht. Da es aber so viele andere Spiele gibt, die man in der Vergangenheit besser oder ähnlich bewertet hat - obwohl diese grafisch eindeutig schlechter waren - entscheidet man sich doch für das bessere Rating. Dieses Verfahren wird daraufhin auch auf alle weiteren Wertungs-Sparten übertragen. Das Ergebnis ist eine Art Staffelung an Zahlen, die keine richtige Aussage über die Qualität eines Titel geben, sondern vielmehr eine Art „ist besser als…“-Statistik darstellen. Mit jedem neuen Spiel, das wiederum besser ist als der anfangs genannte Titel A, wird der Gesamtschnitt somit langsam aber stetig höher. Es stellt sich nun natürlich die Frage ob es einen Weg aus dieser Wertungs-Inflation gibt. Man könnte es der Bundesrepublik gleich tun, die die Mark im Anschluss an die berühmt-berüchtigte Hyperinflation der Jahre 1914 bis 1923 einfach durch eine neue Währung ersetzt hat. Man streicht ein paar Nullen weg und schon ist alles wieder paletti. Im Falle von Videospielen und deren Wertungen ist dies jedoch höchstwahrscheinlich nicht so einfach.

Schon zu sehr haben sich Publisher an die fast schon paradiesischen Zustände der lieb gewonnen Inflation gewöhnt. In manchen Studios ist das Ausschütten spezieller Boni beispielsweise an das Erreichen eines festgelegten Schnitts auf Metacritic, Gamerankings und Konsorten gebunden. Ein zu starkes Umdenken und ein radikal überarbeitetes Wertungssystem oder gar das komplette Wegfallen überschwänglicher Lobeshymnen und nichtssagender Zahlenwerte könnten dieses wacklige System zum Einsturz bringen. Stellt sich nur die Frage, ob man diese Konsequenzen nicht nur in Kauf nehmen könnte, sondern vielleicht sogar müsste oder sollte. Immerhin ist und bleibt es ja das Ziel der Presse kritisch zu berichten. Im Falle der wertenden Spiele-Presse heißt dies also, dass den Käufern durch kritische Beiträge zumindest ein kleiner Teil der Kaufentscheidung abgenommen werden sollte. Die Presse ist somit ihrer Leserschaft bzw. ihren Zuschauern etwas schuldig und nicht gewieften PR-Abteilungen und tobenden Publishern. Ein Aspekt, der in der modernen Form der „Pressefreiheit“ nur zu gern vergessen wird, wenn heimlich Werbegelder in Millionenhöhe fließen.

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Mircafar Mirzayev

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Kommentare
06.07.2010
16:43
Der beste Artikel aller Zeiten
von MrReset | #4

Nimmt die Spielezeitschriften nach Gothic3 denn noch jemand ernst?

05.07.2010
09:54
Der beste Artikel aller Zeiten
von Rod | #3

Die Testmeinungen haben sich in den letzten Jahren überhaupt in eine Richtung entwickelt, die ich nicht mehr teilen kann. Heute sollen Spiele anscheinend so wie Filme sein (genauer gesagt: wie Blockbuster selbstverständlich), also durchgestylte Adrenalinpumpen, strikt inszenierte Emotionsgeneratoren. Dafür stört es niemanden mehr, wenn man nicht frei speichern kann oder echtes Gameplay durch Quick-Time-Events und Minigames ersetzt wird. Diese Eigenschaften, die ich persönlich mit dem Sammelbegriff Konsoligkeit bezeichne - und das soll kein Kompliment sein! - werden heute auch bei PC-Spielen klaglos akzeptiert.
Das ist nicht mehr meine Welt, und deshalb nutze ich Tests nur noch, um allgemeine Informationen zu gewinnen. Die Bewertung der Redakteure hat sich schon in zu vielen Fällen als Unsinn herausgestellt, der mit meiner Spielerfahrung gar nichts mehr zu tun hat.

04.07.2010
13:18
Der beste Artikel aller Zeiten
von Weihnachten2 | #2

Wenn immerhin der Wertungsbereich zwischen 50 und 100 ausgeschöpft würde. Fakt ist doch, dass die Wertung eines hier angeschprochenen AAA-Titels wohl eher im Wertungsbereich zwischen 80 und 95 stattfindet. Wenn ein Spiel qualitativ nicht eklatant aus dem Rahmen fällt, ist ne 8 vor der Wertung doch sicher.

Ist aber eigentlich auch egal ;) Man weiß es ja und man weiß sich auch abseits von nackten Zahlen zu informieren.

04.07.2010
09:13
Der beste Artikel aller Zeiten
von SpielerZwei | #1

Dabei wäre die Lösung doch so einfach: Weg von den aberwitzigen Prozentwertungen! - Entweder eine Reduzierung auf ein 5 bis 10-Sterne-System, wie es Musik-, Buch- und Filmkritiken meist verwenden, oder am besten völliger Verzicht, was natürlich den Nachteil hätte, dass die teils infantile Zielgruppe tatsächlich die Kritik selbst lesen müsste, anstatt nur am Ende des Textes auf den Wertungskasten zu schielen...

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