Das Märchen vom schlechten Verlierer
11.03.2009 | 14:00 Uhr 2009-03-11T14:00:00+0100
Die Geschichte des Wettstreits ist voller Irrtümer. Schon Stanley Kubrick verfilmte es in seinem Meisterwerk "2001". Die Affen (er-)fanden die Keule und schlugen damit die Affen ohne Keule kaputt. Daran hat sich bis heute nichts geändert - nun sind es Gamepads. Und wir sind weniger behaart.
Da dies meine erste Kolumne für DerWesten ist, darf ich mich kurz vorstellen: Mein Name ist Etienne Gardé, und nein, ich bin weder Franzose, noch spreche ich Französisch. Bei dem Namen handelt es sich nicht um einen weiblichen Vornamen (auch wenn die Deutsche Post nach wie vor sehr hartnäckig das Gegenteil auf meinen Briefen und Paketen verkündet und mich damit zum Gespött der Nachbarschaft macht, aber das ist ein anderes Thema...) und ich habe auch keine französischen Vorfahren. Offensichtlich waren meine Eltern so "totally crazy" und haben mir einen Vornamen gegeben, der zu meinem Nachnamen passt.
Es ist immer schwierig, sich selbst zu beschreiben, daher versuche ich mal das wiederzugeben, was meine engsten Freunde und Verwandten wohl über mich sagen würden. Ich glaube, sie würden sagen, ich bin ein sehr ausgeglichener, ruhiger Typ. Attraktiv, bodenständig, bescheiden und der wohl beste Videospieler der Welt. Naturtalent, Marke Winnertyp. Einer von der Sorte, die es wahrscheinlich ohne weiteres auch im Profisport ziemlich weit gebracht hätte. Eben einer von ganz oben aus dem Regal.
Aber genug von mir. Reden wir lieber über die Dinge, die mich interessieren. Und darüber, wie ich sie sehe. Mit großem Interesse habe ich verfolgt, was hier bereits zum Thema der kompetitiven Freizeitgestaltung zum Besten gegeben wurde.
Computerspiele und Competition, das macht ja nicht nur vom Wortstamm her schon Sinn. Dabei unterscheide ich eigentlich nicht großartig zwischen Single- oder Multiplayer, zwischen künstlicher Intelligenz oder real existierender Überforderung. Mit einer Ausnahme, auf die ich später noch näher eingehe. Am Ende des Tages geht es doch nur um das Eine. Ich will gewinnen.
Es ist doch ganz einfach: Gewinnen macht Spaß, Verlieren saugt!
Dabei sein ist alles
"Dabei sein ist alles", wird jetzt der eine oder andere Pädagogik-Student einwerfen. Das mag stimmen, aber nur bezogen auf Sexpartys oder als Credo für C-Promis im Dschungelcamp. Aber sag das mal zu einem Boxer, der sein Leben lang für diesen einen, alles entscheidenden Moment trainiert hat, bevor der Haken des Gegners an sein Kinn rasselt und seinen Traum vom Sieg ebenso wie seine Kieferknochen zerbersten lässt. Sag das zu einem 400-Meter-Sprinter mit Oberschenkeln wie bengalische Baumstämme, der in der letzten Kurve überholt wird. Sag das zu einem "Counter-Strike"-Spieler, dem nur eine Sekunde gefehlt hat, um die entscheidende Bombe zu entschärfen.
Dabei sein ist gar nichts! Warum? Weil jeder Depp "dabei sein" kann. Ich kann auch bei 'nem Marathon dabei sein und nicht gewinnen. Wahnsinn! Bitte nicht falsch verstehen: Ich sage nicht, dass man gewinnen muss. Aber man muss gewinnen wollen! Sind wir doch mal ehrlich, es gibt drei Sorten von Menschen, die ich wirklich hasse: Vegetarier, Fleischesser und Simon Krätschmer. Aber zurück zum Thema: Man muss gewinnen wollen. Wer nicht den Anstand hat, nach einer Niederlage schlecht drauf zu sein, ist für mich ein Penner... oder eine Frau.
Mit Frauen keine Competition
Frauen sind schon von ihren biologischen Veranlagungen ganz anders gestrickt als der kompetitive Mann. Wenn zwei Frauen gegeneinander zocken, dann passiert es nicht selten, dass sie sich gegenseitig loben: „Wow, das war ja ein toller Dragonpunch“, „Super, wie Du mir da noch den roten Panzer reingesemmelt hast“, „Klasse, Parkstraße und Schlossallee...“.
Frauen machen anderen Frauen ja auch ernst gemeinte Komplimente. Ein Beispiel: Meine Freundin schaut gerne Germany's Next Topmodel. Und ich gebe zu, es gibt schlimmere Sendungen, zu denen ein Mann von seiner Frau genötigt werden kann. Da ist also ein Kaufhaus voll mit angehenden Jungmodels und Dorfschönheiten. In der Mitte ist ein überdimensionaler Laufsteg aufgebaut. Eine Rolltreppe führt direkt auf den Catwalk, eine andere führt wieder weg. Über 1000 knackige, bildschöne und junge Frauen stehen bereit, um die Rolltreppe runter zu fahren und vor Heidi Klum und ihren zwei Jurymitgliedern am Ende des Laufstegs zu posieren.
Die Jury begutachtet jedes Mädchen. Wer schön genug ist, darf mit in die nächste Runde kommen, alle anderen mögen bitte möglichst schnell das Weite suchen. Die nächste Runde ist übrigens die Bikini-Runde... ich schweife ab. Eine sensationelle Sendung jedenfalls.
Meine Freundin schaut sich die Mädels an, und nicht selten sagt sie "Boah, die sieht ja toll aus". An dieser Stelle ist übrigens Vorsicht geboten, Männer: Niemals, ich wiederhole, niemals dürft ihr zustimmen. Um es mit Leias Worten aus "Das Imperium schlägt zurück" zu sagen: "Luke, es ist eine Falle!".
Frauen können anderen Frauen ob ihres Aussehens ehrliche und wohlwollende Komplimente machen. Männer hingegen hört man eher selten Sachen sagen wie "Wow, David Beckham hat echt ‘nen geilen Bauch". Frauen freuen sich für andere Frauen, sofern diese keine Gefahr für den eigenen Freund darstellen. Deshalb muss man sie aus der Competition-Diskussion ausklammern.
Das Märchen vom schlechten Verlierer
Aber es ist ja nun nicht so, dass nur Frauen kein Problem mit dem Verlieren haben. Und damit kommen wir fast ohne Umschweife auf das eigentliche Thema: schlechte Verlierer.
Was zum Teufel soll das eigentlich sein, ein schlechter Verlierer? Wie muss ich mir das vorstellen? Man verliert erst im Spiel und ist dann auch beim Verlieren scheiße? Wenn es also die Disziplin "Verlieren" bei den Olympischen Spielen gäbe, dann wäre man dort auch noch ein Versager? Wie demütigend ist das denn, bitte? Jetzt nimmt man den Verlierern auch noch das, was sie am meisten trainiert haben und eigentlich am besten können sollten.
Aber das Wort "schlechter Verlierer" suggeriert ja bereits, dass es sowas wie "gute Verlierer" gibt. Womit wir zur vierten Sorte Mensch kommen, die ich hasse: gute Verlierer. Ich nehme vielleicht lieber den wissenschaftlich korrekten Begriff: Vollidioten. Dieser ganz besonderen Sorte Spieler macht es nichts aus zu verlieren. Wie gro��zügig. In Wahrheit steckt dahinter nichts anderes als eine elitäre Gleichgültigkeit, die dem Gewinner klarmachen soll: "Im Leben gibt es wichtigere Dinge, als sich über solche Banalitäten aufzuregen". Scheinbar aber sind diese Dinge nicht wichtig genug, um sich ihnen zu widmen, statt mit dem Rest der infantilen Sippe zu zocken.
Es gibt keine guten Verlierer. Nur Menschen, die ihre Chancenlosigkeit in scheinbare Gleichgültigkeit novellieren. Wenn man schon nicht gewinnen kann, dann entwertet man eben den Sieg des anderen, indem man ihn banalisiert. Vermeintlich gute Verlierer sind es, die einem den Spaß am Gewinnen nehmen. Getreu dem Motto: Wer sich nicht ärgert, der hat auch nicht verloren.
Schade, ich hätte gerne bessere Freunde als dich!
Und damit komme ich auf den einzigen Unterschied zwischen Mensch und Maschine zurück: Emotionen! Gewinnen macht Spaß. Aber es macht erst richtig Spaß, wenn auf der anderen Seite jemand leidet. Kein Computerprogramm kann mir das geben, was mir ein Mensch geben kann. Die Freude über sein Elend. Nichts ist so schön wie ein Sieg über den besten Kumpel, mit herablassendem Kommentar à la "Schade, ich hätte gerne bessere Freunde als dich!". Deshalb erfreuen sich ja Multiplayer-Spiele so enormer Beliebtheit. Man will nicht nur gewinnen. Nein! Man will gegen jemanden gewinnen. Man will gegen jemanden gewinnen, der die gleichen Voraussetzungen mitbringt: Ehrgeiz, Emotionen, eine unglückliche Kindheit usw. Nur dann ist gewährleistet, dass der Sieg auch etwas wert ist.
Und damit schließt sich der Kreis. Für alle, die sich fragen, warum man eigentlich Hass, Beschimpfungen, heimliches Online gehen und peinliches Anschweigen in Kauf nimmt, wenn man mit den Kollegen dieser Kolumne spielt: Sie können nicht viel, diese Krätschmers, Bomhoffs und Budimans dieser Welt. Aber sie können verlieren, wie es sich für Männer gehört. Denn nur, wer den Schmerz der Niederlage kennt, kann auch den süßen Geschmack des Triumphs zu schätzen wissen.
Oder wie wir Franzosen sagen: No pain, no gain!
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22:39
Sehr cool gemacht hab die Kolumne schon öfters mal gelesen und finde sie immernoch toll !!!!
Bei deinem Vornamen Problem kann ich deine Aussage nur so absegnen, denn mein Onkel ist Franzose lebt und arbeitet in Paris und besucht meine sehr große großfamilie mit gefühlten 5 Onkeln + deren Frauen und 7 Tanten + Gatten und einer Armada von Cousins (jahhh gut erkann ich bin der einzige weibliche Nachwuchs der Familie) 1 mal im Monat wo wir uns alle im gemütlichen beisammensein bei Oma treffen. Da hat er mir letztes Wochenende von einem Arbeitskollegen mit Vornamen Etienne (!) (Fällt da was auf ?) erzählt und auf meine Rückfrage hin hat er mir bestätigt, dass es in ganz Frankreich keine einzige Frau gibt, die Etienne heißt ....
Und die Moral von der Geschicht?
Trau den Postbeaten nicht !
PS. Ich hoffe das diesen bescheidenen Kommentar ein Mitarbeiter der Deutschen Post lesen wird ...
02:44
ein wirklich wunderbarer humor, der sich durch die ganzen text wie ein roter faden zieht machen diese kolumne zu der lesenswertesten die ich seit langem gesehen habe.
freu mich schon auf alle folgenden !
20:26
Das ist ja wundervoll. Wer hat heute noch die Zeit sich über die wichtigen Dinge des Lebens Gedanken zu machen. Gut, dass es da gute Journalisten gibt, die das ganze auch noch mit Witz und Humor versehen. Ein Gaumenschmaus!
21:00
Absolut genial geschrieben. Toller Sprachgebrauch. Alle drei Daumen nach oben.
09:55
sehr nice :)
tolle kollumne, lustig und ach so wahr ;)
weiter so eddie
19:38
Salut Eti, comment ça va? Cest bien ton article, ça gaze le sarcozicasme! allez a+
13:36
Es sollte mehr Etienns auf dieser Welt geben <3
Schön, mal wieder was von dir zu hören =)
15:17
Eddys Kolummnen sind einfach immer Spitze und entsprechen auch zu 99% immer der Wahrheit, echt gelungen! weiter so
mfg rapid
22:48
da haste einiges aus Late-Knights genommen ;)
22:23
Simon stinkt! :)