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Kolumne

Blutspur im Kinderzimmer

09.09.2010 | 10:35 Uhr
Blutspur im Kinderzimmer

Weil in unserem Blogbereich momentan einige Aktualisierungen vorgenommen werden, kommt die komplette Kolumne heute hier online.

Auf der diesjährigen gamescom in Köln zog mein Kollege Simon Krätschmer den Zorn eines amerikanischen Entwicklers auf sich, weil er es wagte, die explizite Gewalt dessen Egoshooters in Frage zu stellen. Nach dem Motto „Muss das wirklich sein“, wollte Simon eine Erklärung für die heftigen Darstellungen, die seiner Meinung nach die Grenzen des guten Geschmackes überschritten. Die Frage muss schließlich erlaubt sein, ob die einzigen Innovationen, die einige Entwickler an den Tag legen, nur noch die unterschiedlichen Arten der Gewaltdarstellung betreffen. Das Interview wurde dann recht schnell beendet und das GameOne-Team wurde höflich aus dem Pressebereich begleitet, während im Hintergrund immer noch lautes Fluchen und gelegentliche F-Wörter zu hören waren.

Eine ähnliche Diskussion gab es schon vor knapp einem Jahr, als mit dem berüchtigten Flughafen-Amoklauf bei „Modern Warfare 2“ die Gewaltdiskussion mal wieder durch die Fachpresse geisterte. Die Lager waren damals gespalten. So gab es diejenigen, die „Modern Warfare 2“ künsterlische Freiheit zusprachen und begeistert waren, welche Emotionen Videospiele mittlerweile auslösen können und es gab diejenigen, die wenig Kunst in einem inszenierten Amoklauf sahen und moralische Grenzen überschritten fanden.

Ich zähle mich übrigens zu der zweiten Gruppe, wie man auf dieser Seite auch schon in meiner Kolumne „Die Welt spielt Krieg“ nachlesen kann.

Mittlerweile ist also wieder etwas Zeit vergangen und die Flughafen-Szene interessiert heute niemanden mehr. Die Debatte ist, wie immer eigentlich, abgeebbt und irgendwie hat auch keiner mehr so richtig Lust, zu dem Thema noch was zu sagen. Warum auch. Ob man es gut oder schlecht findet, ändert ohnehin nichts an der Entwicklung. Eine gewisse Ohnmacht macht sich breit. Auf der anderen Seite ist es auch die Pflicht von Journalisten und der Fachpresse, den Finger in die Wunde zu legen und unbequeme Wahrheiten anzusprechen. Oder wie es im Neudeutsch heißt: „Nen Sarrazin machen“. Bestenfalls allerdings mehr mit Fakten und weniger mit Behauptungen.

Szenenwechsel: In dem Film „Der Wrestler“ mit dem für die Rolle mit dem Oscar nominierten Schauspieler Mickey Rourke, gibt es eine Szene, wo Rourke mit einem ihm bekannten Kind ein altes NES Wrestling-Spiel spielt. Der Junge ist wenig angetan von der pixeligen Grafik und sichtlich gelangweilt, während sich der alternde Wrestler königlich damit zu vergnügen scheint. Dann fängt der Junge an zu erzählen: „Kennst du nicht Call of Duty 4?“, fragt er „Call it duty 4?!“ vergewissert sich Mickey Rourke. Dann erklärt der Junge ihm, dass das Spiel im Iraq spiele und man Spezialeinheiten spielen könne. Der Wrestler versteht nichts von dem, was der Junge ihm da erzählt. Es ist nicht (mehr) seine Welt. Die Videospielentwicklung hat bei ihm mit dem Wrestling-Spiel auf dem NES aufgehört.

Der abgehalfterte und körperlich am Ende scheinende Wrestler ist nichts anderes als eine Metapher für das Auseinanderdriften der Generationen. Natürlich hat es sich Regisseur Darren Aronofsky nicht nehmen lassen, einen zynischen Hinweis auf die Abgestumpftheit der Jugend in die Szene zu packen. Der kleine Junge erklärt das Spielprinzip von „Call of Duty 4“ mit einer fast schon gelangweilten Nüchternheit. Er redet von Spezialeinheiten und Irak-Einsätzen, als würde es zum Standardwissen eines 10-Jährigen gehören.

In dieser kleinen Szene steckt viel wahres. Die bereits angesprochene Diskrepanz zwischen der Generation Konsole, also den Kids, für die eine Xbox genauso selbstverständlich existiert wie Monopoly und der Generation, die, wenn überhaupt, noch die Anschaffung des ersten Schwarz-Weiss-Fernsehers in guter Erinnerung haben.

Für den 10-Jährigen Jungen sind literweise Pixelblut nicht mal annähernd so erschreckend, wie das gleiche Szenario wahrscheinlich auf seine Eltern oder Großeltern wirkt.

Das Problem ist eigentlich gar nicht das Spiel, sondern der richtige Umgang damit. Es ist ein Problem, wenn Abgestumpftheit auf Ignoranz trifft. Wie kann es sein, dass ein 10-Jähriger mit realistischer und expliziter Abbildung von Mord und Totschlag nicht mehr zu schockieren ist? Und wie ist es möglich, dass Eltern keinen blassen Schimmer haben, was im Kinderzimmer gespielt wird?

So sehr ich auch der Meinung bin, dass man bei Videospielen nicht alles zeigen und umsetzen muss, was das Medium mittlerweile hergibt (nämlich im Prinzip alles), so sehr bin ich auch der Meinung, dass es Spiele geben muss, die nur für Erwachsene sind. Das funktioniert aber nur, wenn diese Spiele auch wirklich nur in Händen von Erwachsenen landen. Okay, ein bisschen Schwund ist immer und jedes Kind sieht Filme, spielt Spiele oder konsumiert andere Medien, die nicht für sein Alter geeignet sind. Sowas gehört zum Großwerden eben auch dazu. Grenzen ausloten. Der Reiz des Verbotenen. Kein Problem. Aber es muss die Ausnahme sein, es muss Konsequenzen mit sich bringen. Denn wenn das Verbotene zum Usus wird, dann verschieben sich die Grenzen. Und wenn Spiele für Erwachsene klammheimlich fürs Kinderzimmer produziert werden, dann haben wir ein Problem.

Ich glaube auch nicht, dass das Problem mit noch größeren USK Aufklebern gelöst wird. Denn wenn sich Eltern wirklich für das interessieren würden, was ihre Kinder so zocken, dann würde es eigentlich gar keines Stickers bedürfen. Es würde eigentlich schon reichen, sich einfach mal daneben zu setzen und mitzuspielen. Wenn aber jeder 10-Jährige seinen Videospielkonsum selbst bestimmen darf, dann bringt es auch nichts, Spiele für Erwachsene zu fordern. In diesem Sinne, liebe Eltern, verbietet bitte Euren Kindern brutale Spiele. Wenn schon nicht zum Wohle eurer Kinder, dann zumindest zum Wohle anderer Erwachsener, die auch mal heftigere Sachen spielen wollen, ohne sich dafür schämen zu müssen. Vielleicht kommen sie ja dann auch mal in den Genuss von einer Partie „Call it Duty 4“.

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Kommentare
17.09.2010
14:47
Blutspur im Kinderzimmer
von needforseeed | #8

Ehrlich gesagt...Mich scherts nicht was andere spielen - v.a. die, die 12 und jünger sind. Auf Multiplayer-Schlachten hat man ja wenigstens auch mal was zu lachen, wenn sich Aggrokinder auf nem Matchmaking-Spiel bzw. Server rumtummeln.

Ich finds dennoch traurig, wie wenig Ahnung Erziehungsberechtigte von den Spielen haben können. N Kind tut, was es eben tut - das was cool is, muss man halt auch ausprobieren. (Doppel)Moral und Ethik spielen bei denen keine große Rolle - Philosoph werden ist ja nicht wirklich so ein beliebter Job bei Kindern, wenn die überhaupt eine Ahnung hätten, was man da überhaupt macht...

Doch vor allem find ich es schade, dass sehr wenige Entwickler Verantwortung für das Medium übernehmen, mit dem sie sich beschäftigen. Dies gilt vor allem für den für einen nicht näher genannten Publisher *hust*...tschuldigung...*husthustactivisionhust*

Und wenn die dann nur noch Spiele machen, die eh nur an Kinder gerichtet sind, die sich nicht kritisch mit ihrem Hobby auseinandersetzen und nicht über das nachdenken, in was sie gerade hereingebeamt werden (ich glaube, in 20 Jahren kann ich die Gänsefüßchen auslassen - soviel zum Thema Realismus in Spielen), sprich: Action, Action und noch mehr Action ohne allzu viel Tiefgang (was ja die Kids vielleicht verwirren würde, und das würde ja wertvolles $$$ bedeuten), dann wird mir das wirklich zu stumpf. Hoffentlich bin ich bis dahin selbst Spieleentwickler. Bevor niemand mehr Spiele spielen will. Bevor Spiele wieder auf das Niveau heruntergesetzt werden, an dem sie angefangen haben.

08.09.2010
19:58
Blutspur im Kinderzimmer
von Ewald Bastian | #7

Ich kann das irgendwie nicht verstehen. War ich eins der wenigen Kinder, die wirklich Kind waren? God of War, The Getaway, Splinter Cell haben mich nicht im geringsten interessiert, geschweige denn amüsiert. Meine Spiele waren so etwas wie die sämtliche Dragon Ball-Reihe, Mega Man, Kingdom Hearts, Crash Bandicot, Fifa etc. (hach waren das tolle Zeiten^^) Das höchste Maß an explizieter Gewalt war da noch Tekken, Dead or Alive (als es noch gut war) und Oni. Ich muss auch sagen, dass ich es nicht im geringsten bereue nicht damals schon z.B. God of War gespielt zu haben, sondern erst als die ersten beiden Teile als Remake für die PS3 kamen. Natürlich gab es hin und wieder eine Diskussion mit den Eltern, falls ein Spiel doch Mal ab 16 - oder gar 18 - war aber im Nachhinein muss ich sagen, dass meine Eltern da richtig gute Arbeit geleistet haben.

Erst als ich ins Alter von etwa 15/16 Jahren kam, hatte ich Interesse an Ego-Shootern u.ä. Diese habe ich mir dann auch zum größten Teil hinter dem Rücken von meinen Eltern beschafft, allerdings hatte ich schon zu der Zeit die nötige Reife, die man für solch Spiele haben muss. Wie soll die Steigerung von 10-jährigen CoD-Spielern denn aussehen? Wenn ein Kind schon von so einem Spiel völlig gelangweilt ist - nicht wie bei mir, weil es ihn nicht interessiert, sondern weil er an so etwas schon gewöhnt ist bzw. schon zig Mal durchgespielt hat - sehe ich da echt nicht, was so ein Kind in Zukunft spielen soll.

08.09.2010
16:49
Blutspur im Kinderzimmer
von JenniPenni | #6

@sgs
Das hat mit der Unterscheidung von Realität und Virtualität überhaupt nichts zutun. Ich weiss sehr wohl, was ein Spiel ist und was nicht. Aber mir gefällt es nunmal nicht, so zu tun, als ob Leute umbringen mein Job ist.
Naja und Nazis waren auch nur Nazis und Taliban sind Taliban und sie alle haben ein Recht darauf umgebracht zu werden, oder was?

08.09.2010
16:30
Blutspur im Kinderzimmer
von sgs | #5

@JenniPenni: fragst du dich das wirklich? Fragst du dich das auch, wenn du das gleiche Pixelmännchen zum 20ten mal umbringst? Also ich find es schade (alamierend) wenn du nicht zwischen echtem Leben und Software unterscheiden kannst. Und das hat nichts mit Mitgefühl zutun, die eintigen Verwandten die die Figur hat ist der Programmierer der ihn entworfen hat.

08.09.2010
14:51
Blutspur im Kinderzimmer
von JenniPenni | #4

Du hast vollkommen Recht, was den Jugendschutz angeht. Ein Kind kann nicht selbst entscheiden, ob das, was es vor sich hat, gut für es ist. Wenn das Kind denkt, das wäre cool, weil alle Mitschüler davon reden und der große Bruder es ja schließlich auch spielt, dann will es natürlich auch mitreden wollen. Das ist überall so. Aber genau hier muss man einen Strich ziehen und verhindern, dass solche Spiele in Kinderhände geraten. Als Familienmitglieder, aber auch als Ladenbesitzer oder Flohmarktverkäufer.
Wo USK 18 draufsteht, da ist auch USK 18 drin. Das ist nunmal so. Die Leute denken sich das ja nicht aus, um Minderjährige zu ärgern.
Ich selbst halt nichts von Kriegsspielen wie bspw. Call of Duty und schrecke immer wieder vor dieser Gewalt und der Brutalität zurück. Ich finde es auch gut, wenn da mal jemand den Mund aufmacht.
In meinem Bekanntenkreis machen sich viel zu wenig Leute Gedanken darüber, WAS sie eigentlich gerade spielen. Sie bilden sich keine eigene Meinung, sondern sehen die gute Grafik und denken eigentlich nur an einen guten Shooter. Den kann man allerdings auch haben, wenn man z.B. Halo spielt. Es ist das gleiche Prinzip, nur schießt man hier nicht auf virtuelle Menschen, sondern auf Aliens.
Denn immer, wenn ich eines dieser Kriegsspiele sehe, denke ich Ich hab ihn umgebracht, was wird seine Familie tun, wenn er nicht mehr nach Hause kommt?. Das ist vielleicht bescheuert, aber es ist einfach nur Mitgefühl! Diese Spiele sind mittlerweile so real - knüpfen ja sogar an die realen aktuellen Geschehnisse an - und detailiert, dass ich das einfach denken MUSS! Ich denke daran, wie es wäre, wenn ich wirklich Soldat im Krieg wäre, ob ich dann auch so auf alles schiessen würde, was sich bewegt und ob ich das wollte.
Krieg ist schlecht. Warum sollte man ihn dann zu Hause auf der Couch haben wollen?

08.09.2010
13:53
Blutspur im Kinderzimmer
von BlubbOmat | #3

Aha bin schon gespannt ob Eddy die ganze Kolumne über ein ernstes Gamesthema mit Filmanekdoten spickt.


Mir wäre lieber gewesen wenn anstatt immer mehr Blut immer mehr Story kommen würde.
Es würde doch keinen stören wenn die Gewaltdarstellung der Shooter immer wie z.B. Cs Source aussehen würden und sie sich nur durch Setting und der entsprechenden Story unterscheiden würden.
Spielerisch kommt bei Ego-Shootern sowieso nicht viel neues und wenn die Entwickler nicht Stunden über Stunden an den neuen Goreeffekten kleben würden sondern bei der meist ausgelutschten Story, wäre das schon ein Fortschritt.

08.09.2010
12:48
Blockierter Kommentar.
von Corven | #2

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

08.09.2010
12:02
Blutspur im Kinderzimmer
von holmark | #1

Blutspur im Kinderzimmer ist in Ordnung - Hauptsache kein Sex!

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