Zurück in die Vergangenheit im Schatzalp-Strela-Skigebiet
11.12.2011 | 10:31 Uhr 2011-12-11T10:31:00+0100
Schatzalp-Strela. Im Skigebiet Schatzalp-Strela kann man Urlaub wie in der Vergangenheit machen. 2009 hat Pius App das Hotel Schatzlapp, dass schon im Zauberberg von Thomas Mann Erwähnung fand, wiedereröffnet. Er schwört auf Schlepplifte und den Verzicht von Kunstschnee. Ideal für Anfänger, die nicht in Hightech-Skigebieten fahren möchten.
Das Skigebiet Schatzalp-Strela in Davos garantiert, dass die Lifte langsam laufen und keine beheizten Sitze haben, dass die Pisten weder mit Kunstschnee präpariert noch Buckel auf ihnen platt gewalzt werden. Es gibt eine Standseilbahn, einen Sessel- und Schlepplift und neun Kilometer präparierte Piste. Ein Skigebiet, wie das letzte einer aussterbenden Art. Eigentlich war es sogar schon tot, bis Pius App es wiedereröffnete. Und der Inhaber des Hotel Schatzalp hatte eine Idee.
Die aufgehende Sonne taucht den Schnee in rotes Licht. Vom Balkon des Hotel Schatzalp sieht man die Gipfel bis weit ins Engadin – und hinüber zum Jakobshorn, einem der großen Davoser Skigebiete. Pistenraupen sind in der Ferne zu hören, ihre Scheinwerfer sind an allen Ecken zu sehen. Hier auf der Schatzalp herrscht dagegen Ruhe – nur hier und da hört man ein Klicken von einer Kamera von einem der Nachbarbalkone. Zu schön ist der Blick an diesem Morgen als dass man sich einem Foto verweigern könnte.
Einst Sanatorium, heute historisches Hotel
Das Hotel Schatzalp, oberhalb von Davos auf 1861 Metern gelegen und nur mit einer Standseilbahn zu erreichen, wurde 1899 gebaut und war bis 1954 ein berühmtes Sanatorium. In Thomas Manns Zauberberg wird es mehrfach erwähnt. Als Hotel hat das Haus bis heute den Charme eines Luxus-Sanatoriums der Jahrhundertwende. Jugendstil-Verzierungen an den Wänden, die Original-Aufzüge mit vergitterten Schiebe-Türen, alte Uhren und Klaviere auf den Fluren, Notklingeln an der Wand. In der X-Ray-Lounge sitzt man vor den Leuchtwänden, vor denen die Ärzte einst die Röntgenbilder ihrer Tuberkulose-Patienten betrachteten. Weil so viel von der ursprünglichen Einrichtung erhalten wurde, wurde dem Haus 2008 der Titel „historisches Hotel der Schweiz“ verliehen. 1937 startete ab der Schatzalp das Skigebiet Strela. 2003 wurde es geschlossen. Zu klein, zu alte Anlagen, unrentabel, so das Urteil der damaligen Betreiber. Im April 2003 erwarb Pius App gemeinsam mit einem Partner das Hotel, 2009 eröffnete er das Skigebiet wieder.
Anreise: Mit dem Auto aus dem Ruhrgebiet: A3 Richtung Frankfurt, A67, A5 Richtung Basel, dann A7, A96. In der Schweiz A13 bis Davos. Die Schatzalp ist autofrei! Mit der Bahn ( 01805/99 66 33, www.bahn.de) bis Davos. Dauer etwa neun Stunden mit mehrmaligem Umsteigen.
Kontakt: Tourismusverband Davos/Klosters,
0041/8 14 15 21 21,
www.davos.ch.
Hotel Schatzalp,
0041/8 14 15 51 51,
www.schatzalp.ch
An der Talstation des Sessellifts kommt eine Frau aus dem Holzhäuschen, von dem aus sie den Betrieb überwacht – um jedem Gast einzeln zu begrüßen: „Gruezi, viel Spaß!“ Viele sind es nicht – nur hier und da ist mal ein Sitz besetzt. An der Bergstation kann man umsteigen in einen Schlepplift . Der Liftwart begrüßt einen Skilehrer, der mit einer Schülerin unterwegs ist. Die beiden sind eine halbe Stunde aus Klosters mit dem Zug angereist – obwohl der Ort selbst zwei große Skigebiete hat. „Hier fahren viel weniger Leute“, sagt der Skilehrer. „Man hat Platz und Ruhe zum Üben. Und für mittlere Fahrer sind die Pisten vom Schwierigkeitsgrad perfekt.“
Nach fünf Minuten Plauschen kommt der erste weitere Gast, der an dem Skilehrer und seiner Schülerin vorbei zum Lift will. „Oh, Stau!“, sagt er. Alle lachen. „Ich mag einfach, dass es hier so familiär zugeht“, sagt der Skilehrer. „Hier ist es so, wie Skifahren früher war, ganz anders als in den hektischen großen Gebieten.“ Der Schlepplift, noch so ein Anachronismus: In den meisten Skigebieten wurden solche Anlagen durch Sessellifte ersetzt.
Schwierigkeitsgrad: Leicht bis Mittel
Die Pisten sind frisch präpariert, vom Schwierigkeitsgrad leicht bis mittel, und haben viele schöne Geländeübergänge. Ein Ehepaar aus München, er graue Locken über einem Stirnband, pastellfarbene Jacke, sie lila Schal und verspiegelte Skibrille, fahren wie direkt aus den 80er Jahren kommend den Hang hinunter. Gemächlich fahren sie. „Hier schießt niemand mit einem Höllentempo die Piste runter wie in den großen Skigebieten“, sagt sie, an der Talstation angekommen. „Ich hatte schon aufgehört, Ski zu fahren – hier habe ich wieder angefangen.“
Das sind die Gäste, für die Pius App das Skigebiet Schatzalp-Strela wieder eröffnet hat. App, Jahrgang 1946, sitzt im Restaurant an der Bergstation der Standseilbahn. Er hat weiße Haare, eine Lese-Brille baumelt an einer Schnur um seinen Hals. Er bezeichnet sich selbst als Angehörigen der Generation Silver. „Es ist schon fast ein Tabubruch, das zuzugeben, aber die ältere Generation ist unsere Zielgruppe“, sagt App, der aus Davos stammt und mit seinem Bruder eine Softwarefirma in Zürich hat. „Sehr viele Leute in meinem Alter, aber auch schon ab 50, hören auf mit dem Skifahren, weil ihnen die großen Skigebiete zu schnell und zu gefährlich geworden sind.“ Die mitteleuropäischen Gesellschaften alterten immer mehr, doch niemand kümmere sich darum, dass diese Menschen noch Ski fahren könnten, alles sei heute im Wintersport auf die Jugend zugeschnitten.
Wenig neue Technik und erst recht kein Kunstschnee
Im Schatzalp-Strela-Gebiet verzichtet man auf Kunstschnee, denn der macht die Pisten aggressiver. Man präpariert Steilhänge nicht mit Pistenraupen, die sich an Seilwinden den Berg hochziehen. Diese Technik nutzt man heute in den meisten Skigebieten, um die Buckel zu planieren, die schnell in steilem Gelände entstehen – für App sind sie natürliche Tempobremsen für Raser. Allerdings gibt es auf Strela kaum einen Hang, der so steil ist, dass er zur Buckelpiste werden kann.
„Bei uns rückt der Rettungsdienst aus, um ältere Herrschaften, die hingefallen sind und nicht mehr aufstehen können, wieder hoch zu helfen“, sagt App. „Schwere Verletzungen nach Zusammenstößen bei vollem Tempo gab es bei uns noch nicht.“
Dass es gemütlicher zugehe als in modernen Skigebieten sieht er als weiteren Vorteil. „Wie wollen Sie in einem High-Tech-Skigebiet einer Frau eine Heiratsantrag machen?“ Pius App lächelt schelmisch. „Neben Ihnen sitzen noch vier Leute auf dem Sechser-Sessellift – und der fährt so schnell, dass Sie oben sind, bevor Sie zum Punkt kommen können!“
Was, wenn die Snowboarder sein Skigebiet als cool ausmachen und in Scharen einfallen würden? App lacht. „Dann können wir immer noch laut alpenländische Musik laufen lassen zur Abschreckung.“ Vielleicht ist das Problem auch ein anderes, vielleicht wird auch die Generation Silver nicht kommen, weil niemand mehr als alt gelten möchte.
Mit Wiedereröffnung Kindheitstraum erfüllt
Dass man in Ruhe und langsam Ski fahren kann auf Schatzalp-Strela, steht außer Frage – aber rentiert sich das Projekt? App lächelt. „Es ist kein Profitcenter, aber die Anzahl der Übernachtungen im Hotel Schatzalp im Winter haben um 20 Prozent zugenommen“, sagt er. Und er hat noch mehr vor. An der Bergstation des Schlepplifts beginnt noch eine Seilbahn, die hinüber führt in das größte und bekannteste Skigebiet von Davos – Parsenn. Die Bergbahnen Davos-Klosters sind bis jetzt dagegen, dass Schatzalp-Strela an das große Ressort angebunden wird. App sagt, er wolle mit der Wiederinbetriebnahme der kleinen, Edelstahl-beschlagenen Gondel, vor allem den Gästen des Hotel Schatzalp die Möglichkeit geben, schnell in das große Skigebiet zu kommen. „Ja, den Silbervogel möchte ich gerne noch mal fahren sehen“, sagt er und man merkt ihm, dem Ingenieur, an, dass Bergbahnen seine Leidenschaft sind und dass er sich mit der Wiedereröffnung des Skigebiets einen Kindheitstraum verwirklicht. In der von ihm gegründeten Software-Firma ist er kürzer getreten, um sich weiterhin um Schatzalp-Strela kümmern zu können. App verabschiedet sich, der Software-Millionär bricht auf zu einem Rundgang über die Spazierwege der Schatzalp. Nachschauen, ob sie gefahrlos begehbar und alle Schilder lesbar sind.
Kurze Zeit später rutscht das ältere Ehepaar aus München in die Liftspur. Der graubärtige Liftaufseher eilt heran und reicht Ihnen den Bügel. „Vielen Dank!“, sagt sie. Im orangen Abendlicht fahren sie den Hang hinauf, zur letzten Abfahrt vom Strelagrat.
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