Wind raubt Sylt jährlich eine Millionen Kubikmeter Sand

"Im vergangenen Jahr wurden mehr als 1,2 Millionen Kubikmeter Sand aufgespült", bilanziert der Geophysiker vom Landesbetrieb für Küstenschutz, Arfst Hinrichsen.
"Im vergangenen Jahr wurden mehr als 1,2 Millionen Kubikmeter Sand aufgespült", bilanziert der Geophysiker vom Landesbetrieb für Küstenschutz, Arfst Hinrichsen.
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Was wir bereits wissen
Wind und Wellen machen der Nordseeinsel Sylt seit Jahrhunderten zu schaffen. Jährlich spülen sie eine Millionen Kubikmeter Sand zurück ins Meer.

Essen.. Jährlich verliert Sylt eine Million Kubikmeter Sand ans Meer. Kein Watt und keine Inseln legen sich schützend vor die Westküste – hier trifft die Nordsee unmittelbar auf das Festland. Als letzter Außenposten der friesischen Uthlande (was so viel heißt wie: Außenland) ist Sylt selbst ein Wellenbrecher für das Festland. Dahinter kommt lange Zeit nichts, außer Wind und Wellen. Und die machen der Nordseeinsel seit Jahrhunderten zu schaffen.

Arfst Hinrichsen seht auf dem Holzpodest am Kampener Strandabschnitt Rotes Kliff, wütend wirft sich vor ihm die See an den Strand. „Im vergangenen Jahr wurden mehr als 1,2 Millionen Kubikmeter Sand aufgespült“, bilanziert der Geophysiker vom Landesbetrieb für Küstenschutz. Seit 1991 analysiert er dort den Zustand der schleswig-holsteinischen Küsten.

Die Substanz ist gefährdet

„Das ist die Menge, die von den Herbst- und Winterstürmen fortgespült werden“, erklärt Hinrichsen. Jedes Jahr im Frühjahr besichtigt eine Kommission den Weststrand: „Ort und Umfang der Schäden variieren – aber jedes Jahr sind es rund eine Million Kubikmeter Sand, die neu aufgespült werden müssen“, sagt Hinrichsen. Auch die Stellen, an denen die See besonders stark an der Insel nagt, sind mehr oder weniger dieselben: vor Westerland und Kampen, kurz vor dem Ellenbogen und unten in Hörnum.

„Die Brandung der Nordsee trägt an manchen Stellen jährlich bis zu vier Meter Sand ab, es gibt nur wenige Stellen an der deutschen Nordseeküste, an denen das Meer mit so großer Gewalt auf die Küste trifft wie auf Sylt“, erklärt Hinrichsen. Wird der abgetragene Sand nicht ersetzt, ist die Substanz der Insel, nämlich Dünen und Geestkern, gefährdet.

Der aufgespülte Sand und die dadurch entstandenen Vordünen sind Futter für die im Winter wütende See, daran können sich die Wellen abarbeiten. „Die Sandaufspülungen haben sich als die wirksamste Methode zur Stabilisierung der Küste herausgestellt“, sagt Hinrichsen.

Related content Ekkehard Klatt ist Geologe, bietet Führungen auf Sylt an und beobachtet seine Insel seit fast 50 Jahren. „Die Leute fragen mich immer wieder, ob Sylt noch zu retten sei“, sagt er und blickt von der „Uwe-Düne“, dem höchsten Punkt der Insel, auf das Meer. „In erdgeschichtlichen Zeiträumen betrachtet – sicher nicht. Aber ich vermute, dass es bis zum Ende dieses Jahrhunderts allenfalls geringfügige Veränderungen der Küstenlinie geben wird.“ Ohne Schutz würde die Insel pro Jahr einen bis zwei Meter verlieren, schätzt der Geologe. Die fortgesetzten Sandaufspülungen, erklärt er, können die Verkleinerung und Umlagerung der Inselfläche bremsen und sind ein sinnvoller Schutz. „So gewappnet bleibt die Insel auch in ein paar Jahrhunderten noch ungeteilt, weil die Aufspülungen vor allem die Dünen an den besonders dünnen Stellen der Insel schützen“, erklärt Klatt.

Auf Knopfdruck steigt das Meer an

Das Geräusch gewaltiger Brecher ist zu hören, tosend, brausend, dunkel ist es und düster wirkt es. Die Szene ist auf ein Modell reduziert und was hier auf Knopfdruck abläuft, soll zeigen was passiert, wenn der Meeresspiegel steigt. Matthias Strasser ist Direktor des „Erlebniszentrums Naturgewalten Sylt“ in List und lässt an seinem Modell die Nordsee kommen. „Sylt besteht aus unterschiedlichen Landschaftselementen – den Geestkernen, den Dünen. Und die Marschen im Osten, das sind die am tiefsten gelegenen Gebiete und laufen als erstes voll“, sagt Strasser und lässt drei Meter einlaufen. Im Modell brechen die ersten Dünenketten durch. Eine Simulation, die Eindruck hinterlässt. „Zugegeben, das Modell ist vereinfacht und auch nicht ganz maßstabsgetreu“, sagt Strasser.

Auch die Deiche im Inselosten sind als Küstenschutz in diesem Modell nicht berücksichtigt. „Kommen Sie mal mit“, sagt Strasser, geht nach draußen und zeigt auf den Mövenbergdeich im Osten. „Dieser Deich war einer der niedrigsten an der ganzen Nordseeküste. Er wurde 1937 gebaut und ist seitdem nie verstärkt worden. Nun wurde die Krone auf 6,50 Meter erhöht und das Profil verstärkt.“ Fertig geworden – pünktlich zur Sturmzeit.