Wie die Flugambulanz Reisende zurück nach Hause holt

In fast jedem Winkel der Welt ist die Flugambulanz unterwegs um verletzte oder Kranke zurück nach Deutschland zu bringen.
In fast jedem Winkel der Welt ist die Flugambulanz unterwegs um verletzte oder Kranke zurück nach Deutschland zu bringen.
Foto: istock
Was wir bereits wissen
Seit 40 Jahren sorgt die Flugambulanz dafür, erkrankte oder verletzte Reisende aus fernen Ländern zur Behandlung wieder zurück nach Hause zu holen.

Düsseldorf.. Vor 40 Jahren wurde die Deutsche Flugambulanz gegründet. Ihre Jets starten, um erkrankte oder verletzte Reisende zurück nach Hause zu holen, um die beste medizinische Versorgung zu ermöglichen. Ein Gespräch mit Axel J. Bechert, geschäftsführender Gesellschafter, über Krankenhäuser auf Sizilien und Bomben in Libyen.


Herr Bechert, vielleicht sind Sie und Ihre Mitarbeiter nicht gelb, aber ist die Deutsche Flugambulanz auch mit einem Engel vergleichbar?

Axel J. Bechert: Wir fliegen sogar nicht nur für unsere Mitglieder, sondern für jeden. Wenn eine Krankenkasse kommt und anfragt, weil ein Patient für eine OP nach Berlin muss, dann machen wir das auch. Wir fliegen für Botschaften – übrigens auch für den ADAC.

Wie finanzieren Sie sich bei 12.000 Mitgliedern? So ein Ambulanzflug in die Karibik oder nach Asien dürfte nicht ganz billig und kaum aus dem Jahresbeitrag zu stemmen sein.

Bechert: Vereinfachen wir die Rechnung: 10.000 Mitglieder zahlen einen Jahresbeitrag von 30 Euro. Vor vier Wochen mussten wir nach Curaçao. Dann wäre das Geld jetzt weg. Wir haben einen Rückversicherer, das ist ganz üblich.

Jeden zweiten Tag ist die Luftambulanz unterwegs


Wie oft startet einer Ihrer Jets?

Bechert: Wir sind jeden zweiten Tag in der Luft. Die Flotte, auf die wir zurückgreifen können inklusive der Crew, umfasst fünf Learjets, die in Düsseldorf, Köln und nun auch in Wien stehen. Zum Team gehören 40 Ärzte und 25 Rettungsassistenten.


Die gerne reisen.

Bechert: Ich weiß nicht, ob „reisen“ der richtige Begriff ist. Ich würde sagen, die gerne fliegen. Neben den eigentlichen Einsätzen geht es im Vorfeld vor allem um die Organisation. Die Teams müssen gut zusammengestellt sein, je nach Diagnose, die uns vom behandelnden Arzt vor Ort übermittelt wird. Bei Flügen nach Curaçao oder Mauritius geht es auch darum, welche Länder man überfliegen darf, oder nicht überfliegen sollte.


Insgesamt klingt das jetzt nicht so, als ginge es bei Einsätzen der Flugambulanz um jede Minute.

Bechert: Wir fliegen nur primär schon versorgte Patienten. Entweder kommt der Arzt mit der Behandlung nicht weiter und will, dass der Patient nach Hause geflogen wird. Oder man hat vor Ort nicht die Möglichkeiten für die OP, die dann in Deutschland erfolgen muss. Sie werden lachen, das kann Ihnen auch in Frankreich oder Italien passieren. Es klingt immer so schön, in Europa sei man bestens medizinisch versorgt. Das ist nicht so. Auf Sizilien möchte ich nicht im Krankenhaus liegen. Es muss nicht immer um Leben und Tod gehen, ein Oberschenkelhalsbruch ist nicht so wild. Wenn er nicht versorgt wird und schief zusammenwächst, ist das aber nicht gut. Aber auch in Deutschland kann nicht jedes Krankenhaus alles.

Mit dem Learjet zwischen großen Airbussen

Wie funktioniert das am Flughafen Düsseldorf, wenn Sie einen Einsatz haben: Machen Ihnen die Flugzeuge Platz, wenn Sie mit Blaulicht ankommen?

Bechert: Wissen Sie, wie groß so ein Learjet ist?


Eher klein.

Bechert: Wenn so ein Jet neben einem Airbus A380 steht, denkt man, der Riesenvogel hat was verloren. Aber natürlich ist Ihre Frage berechtigt: Wir haben immer Vorfahrt. Wir dürfen Tag und Nacht raus und rein. Wenn ein Ambulanzflug ansteht, bleibt alles stehen. Aber mit unserem kleinen Flitzer sind wir ja ruckzuck wieder weg, das dauert keine Minute. In der Mitte von der Startbahn sind wir schon auf 1500 Fuß, so schnell kann der A380-Kapitän seinen Kaffee nicht austrinken. Auch auf den Highways in der Luft haben wir Vorfahrt, das wird nur eingeschränkt durch Leute, die meinen, Krieg führen zu müssen. Bevor jemand meint, unseren schönen Jet runterholen zu müssen, fliegen wir lieber einen Umweg.


Gibt es denn immer ein Happy End?

Bechert: Wenn Sie Todesfälle meinen – wir hatten in 40 Jahren zwei. Einmal ist uns ein Patient in Polen verstorben, bevor wir ihn einpacken konnten. Und in Libyen, da ist ein junger Mann auf eine Bombe getreten. Als der Arzt das Bettlaken weggezogen hat, hat er sich gefragt, welchen Teil von dem armen Kerl er denn noch mitnehmen soll. Da hat man leider so gut wie keine Chance mehr. Es war aber auch keiner glücklich im Falle eines Betrunkenen, der in einen leeren Swimmingpool gesprungen ist. Wir haben ihn zwar nach Hause bekommen, aber am Ende stand die Diagnose Querschnittslähmung. Da mag ich dann auch nicht von einem Happy End sprechen. Aber es gibt auch viele, viele positive Geschichten.

Eine Rettung mit der Flugambulanz kann teuer werden

Die trotzdem teuer sind.

Bechert: Vor allem für die Patienten, die nicht versichert sind. Natürlich macht sich ein 19-Jähriger, der in Lloret de Mar Party machen will, keine Gedanken über Versicherungen. Das sollten Eltern machen.

Wo mussten Sie denn schon überall landen?

Bechert: Es gibt wirklich nur wenige Flecken, wo wir in 40 Jahren noch nicht waren. Eine Herausforderung war aber tatsächlich Tahiti in der Südsee. Da kommen wir einfach mit unseren Jets nicht hin, weil die Inseln so weit auseinander liegen. Da fängt man an zu grübeln, wie man das machen kann.

Wie haben Sie es gemacht?

Bechert: In diesem Fall mit der KLM. Die Airline fliegt über die Westküste Amerikas direkt Tahiti an. Also haben wir unsere Crew dahin gebracht und haben Sie später mit Patient dort wieder eingesammelt. Manchmal muss man ein bisschen pfiffig sein, die Leute werden ja leider Gottes überall krank.

Exotische Reiseziele

Die Reiseziele sind immer exotischer geworden. Haben Sie das bei der Deutschen Flugambulanz feststellen können?

Bechert: Es kamen sicher im Laufe der Jahre ein paar Ziele dazu. China zum Beispiel. Das war früher kein klassisches Urlaubsland, heute schauen sich die Leute die chinesische Mauer und so was alles an. Und man muss sagen: Die Chinesen sind da noch ein wenig unentspannt, was Genehmigungen angeht. Sie kennen es noch nicht so. Da wird der Flieger versiegelt, alles muss raus. Nur die Cognac-Flaschen, die dürfen drin bleiben.


Da freuen sich die Beamten?

Bechert: Das mag jetzt ein bisschen merkwürdig klingen. Aber wenn Sie beispielsweise mitten rein nach Afrika fliegen und müssen da jemanden rausholen, dann ist das manchmal schon hilfreich, wenn der Zollbeamte da unten, wie soll ich sagen…


…gut gelaunt ist.

Bechert: Sehr gut gelaunt ist.