Wer gelb hisst, hat Durst
18.03.2009 | 11:37 Uhr 2009-03-18T11:37:00+0100
Die „Glücklichen” bewohnen ein Stück unbekannte Karibik - Geheimtipp für Individualisten
Im Landesdiralekt heißen sie „Hairoun”, was soviel wie „die Gesegneten” oder auch „die Glücklichen” bedeutet. Und happy sind sie hier vielleicht auch deshalb, weil der Massentourismus St. Vincent als Landklecks der Kleinen Antillen tief im Süden der Karibik (noch) nicht entdeckt hat.
Thomas Mervyn (70) ist ein Musterbeispiel eines „happy Hairoun”: Seit über 30 Jahren fährt er Taxi in der Hauptstadt Kingstown und erzählt seinen Fahrgästen Stories, die in keinem Reiseführer stehen. Auch seine Lebensgeschichte ist spannend. Tom war Polizist in Port of Spain auf Trinidad. Im Job wurde er zweimal angeschossen, kämpfte in der Klinik um sein Leben. Seine Frau stellte ihn vor die Alternative: „Entweder du nimmst als Polizist deinen Abschied und wir ziehen nach St. Vincent oder du bist mich los!” Und wie so oft im Leben: Frau setzte sich durch, Mann ist mit sich und der Welt zufrieden und beide prosten sie dem Reporter mit einem Hairoun zu, wie das schmackhafte Bier der Insel heißt.
Eine Inselrundfahrt, die Tom auch anbietet, dauert einen ganzen Tag und führt über meist holprige Straßen ins südkaribische Alltagsleben. So gut wie nichts ist hier touristisch aufgepeppelt: wilder Müll fliegt durch die Gegend, Rasta-People starren vollgedröhnt die Wände der bunten Häuschen an, und die Schulkinder bauen sich noch ohne pekuniäre Hintergedanken vor den Kameras der Touristen auf.
St. Vincent und die Inselgruppe der Grenadinen sind ein Zwergstaat par exellence: Schlappe 115 000 Menschen teilen sich 33 Eilande. St. Vincent, die Hauptinsel, ist die Lebensader der Inselgruppe fernab vom Schuss. Wer sich an Land sportlich betätigen will - normal sind auf SVG Ballspiele auf schwarzem Sandstrand und alle Arten von Wassersport - sollte sechs bis sieben schweißtreibende Stunden investieren und quer durch den Regenwald den Vulkan La Soufriere besteigen. Der Weg ist mühsam, lohnt am Gipfel aber mit einem starken Rundumblick. Wer Mut hat, kann sich in den Krater abseilen lassen und ein Bad im Vulkanschlamm nehmen. Der noch aktive Vulkan spuckte 1979 das letzte Mal - da war SVG gerade von London in die Unabhängigkeit entlassen. Für Tourismusminister Glen Beache ist diese Art von Natur-Aktivität eine der Zukunftsoptionen der Insel. „Wir wollen einen sanften Tourismus, der Rücksicht nimmt auf unsere Kultur und Geschichte und der sich deutlich unterscheidet von anderen karibischen Inseln.” Aber: „Wir müssen den Menschen hier den Tourismus erst begreiflich machen.” Investiert wird vor allem in einen neuen Airport, den ab 2011 auch große Jets anfliegen sollen.
Bekannter in der weiten Welt wurde SVG, als Hollywood-Filmer bei Wallilabou an der Westküste perfekte Szenarien für „Fluch der Karibik” fanden. Die Einheimischen hat der Glamour mächtig amüsiert: Die Dreharbeiten brachten willkommene Abwechslung in den dösigen Alltag.
St. Vincent & the Grenadines
Anreise: SVG wird von Deutschland nicht direkt angeflogen. Flüge auf die großen Nachbar- und Urlaubsinseln sind mit Condor (Barbados) oder Air France (Martinique), KLM oder BA möglich. Von fast allen Inseln der südlichen Karibik starten, teilweise mehrmals täglich, Zubringerflüge nach SVG. Bei der Ausreise wird eine Flughafensteuer von derzeit 40 ECD oder 20 USD fällig.
Währung: Eastern Carribean Dollar (ECD). 1 Euro = ca. 4 ECD
Besonderheiten: Es wird links gefahren. Das Straßennetz ist relativ gut ausgebaut. Die meisten Straßen sind zweispurig, eng und zum Teil kurvenreich. Wegen der vielen Schlaglöcher, herumstreunenden Tieren sowie der unorthodoxen Fahrweise ist Vorsicht angeraten.
Kontakt: www.svgtourism.com
Ganz anders als die Hauptinsel sind die 32 Grenadinen gestrickt: Wie Perlen, die Fischermänner vielleicht nach einem Besuch der Kneipeninsel Happy Island im Vollrausch verstreut haben, sind die Eilande ein Stück „Karibik vom Feinsten”: Traumstrände, Palmenidylle, schöne Frauen, lockeres Leben. Spannend ist Bequia: Die Insel mit ihren 6000 Menschen war einst das Zentrum des Walfangs in der Karibik. Heute dürfen SVG offiziell zwar noch vier Wale pro Jahr fangen, „aber im letzten Jahr haben wir gerade mal einen Buckelwal gehabt, wir haben keine Boote und keine Leute für diese harte Arbeit”, erzählt Kapitän a.D. Horolo Corea (67), der mit wenig Mitteln, aber viel Hingabe ein kleines Museum betreibt, das die Geschichte des Walfangs in der Karibik festgehalten hat.
Auf einigen Mini-Eilanden hat der verwöhnte Gast gleich das ganze Stück Land im Meer für sich. Auf Young Island finden in 28 Cottages bis zu 56 Gäste Platz. Preis inklusive Vollpension und Wassersport-Aktivitäten: 9000 Euro für 24 Stunden. Das vielleicht exklusivste Resort der ganzen Karibik auf Petit St. Vincent bietet im äußersten Süden der Grenadinen vor allem eines: nichts. Kein Airport, kein TV, kein Telefon, fast keine Technik. Dafür 45 Hektar Fläche und drei Kilometer weißer Sandstrand. Dazu: 22 Villen und pro Gast zwei Bedienstete rund um die Uhr - wenn man es denn auf einen Wink hin will. Das ist hier wörtlich gemeint: Hisst man eine gelbe Flagge, erscheinen die dienstwilligen Geister, um sich nach den Wünschen zu erkundigen. Setzt man dagegen die rote Flagge, heißt das: Bloß keine Störung!
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