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Südafrika

Mandelas Märchenstraße

17.06.2010 | 08:36 Uhr
Mandelas Märchenstraße

Die Ostkap-Provinz ist ein mythisches Land der Geschichtenerzähler, durch das neuerdings eine thematische Touristenroute führt

Im Land, wo die Sonne aufgeht, lag eine Grotte, aus der die ersten Menschen, ja, alle Menschen, und selbst die Tiere kamen. Zur selben Zeit waren Sonne und Mond und vergossen ihr Licht. Bäume, Gras und alle Pflanzen wuchsen und waren Nahrung für alle Menschen...

Mit diesen Worten begann für den kleinen Nelson Mandela der Anfang der Welt. Wie die meisten Kinder seiner Generation muss er den Ursprungsmythos der Xhosa irgendwann einmal aus dem Mund seiner Großmutter gehört haben. Vielleicht in einer jener kleinen Rundhütten von Qunu, die sich wie eine verstreute Ziegenherde über das weite, von Savannengras überzogene Hügelland verlieren. Viele davon sind heute in fröhlichem Türkis, Orange oder Rosa gestrichen. Sie tragen spitze Strohhauben oder Blechdächer. Ihre Türen öffnen sich allesamt nach Sonnenaufgang.

Viele Jahre später, lange nach seinem bewegten Leben als Hirtenjunge, Anti-Apartheids-Kämpfer, politischer Gefangener, Friedensnobelpreisträger und Präsident Südafrikas wandte sich Mandela wieder den Geschichten der Kindheit zu. Er gab ein Buch mit seinen afrikanischen Lieblingsmärchen heraus. 2006 erschien es auch auf Deutsch als Taschenbuch. Eine touristische Route folgt den Geschichten in Südafrikas Ostkap-Provinz.

Gäbe es auf dem Kontinent der Mythen und Märchen einen Weltmeistertitel für die fleißigsten Geschichtenerzähler, die Xhosa gehörten sicher zu den Favoriten. Von East London bis fast nach Durban führt Südafrikas Märchenstraße. Mal durchquert sie sonnengebleichtes Savannenland, mal grüne Bergkämme. Sie verbindet unberührte Naturlandschaften wie den Addo-Elefantenpark mit quirligen Städtchen wie Grahams- und King William's Town und der WM-Metropole Port Elizabeth.

Zwar bieten Reiseveranstalter spezielle Touren an, doch lässt sich das Ostkap genauso auf eigene Faust entdecken. Wer sich etwa mit dem Leihwagen ins Märchenland aufmacht, wird überall Geschichten hören. Denn die Xhosa erzählen auch gerne für Fremde.

Um an Esther Ndukwenis Geschichten teilzuhaben, muss man kein Wort Xhosa verstehen und könnte ihr doch ewig zuhören. Wenn die 59-Jährige Großmutter aus Joza bei Grahamstown die Märchen ihrer eigenen Großmutter zum Besten gibt, stehen auch bei Touristen die Münder offen. Mit Inbrunst spielt die alte Frau mit ihrer Stimme, lässt sie aufschäumen und säuseln, singt mal ein leises Kinderlied und ruft dann urplötzlich mit lautem Organ ganz erschrocken aus. Dazwischen schnalzt sie, wie für die Xhosa typisch, unentwegt mit der Zunge, die Geschichte klickt und klackt. Mit allen Gliedern erzählt Esther Ndukweni ihre Märchen, klatscht in die Hände und lässt den massigen Körper beben.

Esther Ndukweni hat gemeinsam mit einer Gruppe Frauen ein soziales Projekt ins Leben gerufen, das ihrem staubigen Township zu Gute kommen soll. In einem einfachen Restaurant serviert sie typische afrikanische Gerichte. Die Zutaten dafür stammen fast allesamt aus dem eigenen Gärtchen zwischen den Hütten des Viertels. Gewürzt wird das Menü mit den Geschichten der erzählfreudigen Großmutter.

Info
Mandelas Märchenstraße

INFO:

 Anreise: Mit South African Airways ( 01803/35 97 22, www.flysaa.com ) täglich ab Frankfurt nach Johannesburg und von dort weiter nach Port Elizabeth oder East London.

Emirates ( 01805/42 56 52, www.emirates.de ) fliegt ab Düsseldorf über Dubai nach Kapstadt und Johannesburg.

Gesundheit: Benötigte Impfungen: Hepatitis A bei Reisen ins Inland und Masern für Kapstadt. Malaria-Profilaxe ist in einigen Nationalparks sehr empfehlenswert. Rund sechs Millionen Einheimische sind HIV-positiv.

Reisezeit: Die besten Reisezeiten für Südafrika sind der Frühling und der Herbst, dann liegen die Temperaturen tagsüber bei etwa 25 Grad. Der Indische Ozean an der Ostküste bietet das ganze Jahr über angenehme Badetemperaturen.

Auf Safari, zum Beispiel im berühmten Krüger-Nationalpark, geht man am besten im September oder Oktober, in dieser Zeit gibt es wenig Wasser und die Tiere sammeln sich an den wenigen Wasserstellen.

Besonderheiten:

Geschichtenerzähler sind auch auf dem National Arts Festival ( www.nationalartsfestival.co.za ) in Grahamstown vom 20. Juni bis zum 4. Juli zu erleben.

Veranstalter: Gebeco ( 0431/5 44 60, www.gebeco.de ) hat ein Angebot zu Mythen und Legenden Südafrikas ab 3295 Euro im Programm.

Tui ( 01805/88 42 66,  www.tui.com ) bietet 13 Tage Kapstadt im Hotel direkt am Meer für 3484 Euro an.

Literatur: Nelson Mandela: Meine afrikanischen Lieblingsmärchen, DTV, 9,95 Euro, ISBN 978-3-423-20924-3.

Kontakt:  Literarische Route Südafrika, c./o. Edition Grimmland, 0221/2 77 48 85, www.literarische-route-suedafrika.de , South Africa Tourism,069/9 29 12 90, www.dein-suedafrika.de

Am Anfang der Zeit hatten die Tiere der Savanne keine Farben. Einzig die Schildkröte, die eine Künstlerin war, hatte ihren Panzer bunt bemalt. Eines Tages, als sie graste, stolperte die Hyäne über ihren Panzer. Aus Bosartigkeit setzte sie die Schildkröte in einen Baum. Drei Tage lang war die Schildkröte der heißen Sonne ausgesetzt, bis ein kühler Schatten auf sie fiel. Dann kam der Leopard und fragte die Schildkröte, was sie auf seinem Baum treibe. Die Schildkröte entschuldigte sich und erzählte von der Hyäne. Darauf setzte der Leopard sie zurück auf die Erde. Und als Dank bemalte die Schildkröte das Fell des Leoparden besonders kunstvoll. So trägt der Leopard noch heute einen wunderschönen Mantel.

Wenn Basil Mills seine afrikanischen Märchen vorträgt, werden aus einfachen Worten lebendige Welten. Die Stimme des Erzählers gibt wilden Tieren eine Seele und lässt vor staunenden Gesichtern ein Universum leuchtender Bilder und uralter Weisheit vorbeiziehen. Das matte Flüstern der Schildkröte lässt keinen Zuhörer unbewegt. Königlicher Sanftmut umhüllt die Worte des Leoparden und das dreckige Lachen der Hyäne fährt Jung und Alt in Mark und Bein.

Am Tag sind meine Geschichten nicht wahr " aber in der Nacht", sagt der 53-Jährige.

Er erzählt am liebsten bei sich zu Hause, auf seiner Ranch in der Nähe von Grahamstown. Dann sitzt neben ihm sein Warzenschwein Pumba auf dem Sofa und lauscht fast so andächtig wie die zweibeinigen Zuhörer. Pumba ist längst nicht der einzige Exot im Hause. Sie teilt ihre Abenteuerhöhle mit einem einäugigen Waran, einer flügellahmen Eule und drei Riesenschlangen, die allesamt als Unfallopfer zu Mills kamen.

Hinter den Bergen von Amathole kamen die Götter der Khoisan auf die Erde und tauchten die Felsen in das Rot ihrer Gesichter. Hinter Grahamstown macht die Straße der Märchen einen Bogen ins Innere des Kontinents, bevor sie sich wieder Richtung East London dem Meer zuwendet. Mit ihren verwunschenen Wäldern und stillen Birkenhainen wirkt die Berglandschaft bei der Ortschaft Hogsback fast nordisch. Nur verständlich, dass die Einwohner Hogsbacks behaupten, die Amathole-Berge hätten keinen Geringeren als J.R.R. Tolkien zu seiner Mittelerde inspiriert und die wahren Vorbilder für seine Hobbits seien die kleinwüchsigen Khoisan-Buschmänner gewesen.

Wahr ist, dass der in Bloemfontein im damaligen Oranje-Freistaat geborene Tolkien als Kleinkind mit seiner Familie die Ferien hier verbrachte. Und die fabelhaften Felszeichnungen der Khoisan, die man hier überall finden kann, lassen in der Tat ganze Mythenwelten auferstehen. Wilde Tiere, todesmutige Jäger, Schamanen und geheimnisvolle Fabelwesen bevölkern die Felswände entlang Südafrikas Märchenstraße. Vor mehr als 3000 Jahren entstanden die ältesten Darstellungen am Ostkap. In den Mythen der Geschichten-erzähler leben sie noch heute.

Winfried Schumacher

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