Hummer mit Chips und Bier
04.08.2010 | 14:45 Uhr 2010-08-04T14:45:00+0200
Im US-Bundesstaat Maine ist das Schalentier eine Alltäglichkeit - die man sich ohne Rücksicht auf Tischmanieren einverleibt
Ein sonniger Samstagmittag im Fischerort Perkins Cove an der Felsküste Maines. Auf die letzten Meter der Strandpromenade quetscht sich der "Lobster Shack" - zu deutsch: Hummer-Schuppen. Und genauso sieht er aus, der verwitterte Holzbau, in dem Jason Evans einen Imbiss der besonderen Art betreibt. Um kurz vor eins herrscht Hochbetrieb in dem jedem Design abholden Restaurant, Gäste drängen sich in dichten Trauben vor dem Tresen. Mit Baseballkappe und Schweißperlen auf der Stirn pariert Jason Evans freundlich lächelnd den Ansturm. Hinter ihm, in der winzigen, von heißem Dampf geschwängerten Küche gluckst ein grüner Meerwassertank: Aquarium und letzte Station vor dem Kochtopf für mehrere Dutzend Hummer. Nach Größen von einem Pfund bis anderthalb Kilo getrennt warten sie darauf, dass ihre Gewichtsklasse bestellt wird.
Jay Cooper und Ehefrau Jean, erst morgens aus Philadelphia angekommen, ordern jeder einen Kiloburschen. Mit schnellen Griffen fischt Jason Evans die Tiere aus dem Wasser. Noch einmal lassen sie ihre Fühler kreisen, bevor sie in Sisalnetze verpackt, Kopf und Scheren voran in brodelnden Siedetöpfen verschwinden. Es heißt, die Meeresbewohner sterben zu schnell, um Schmerzen zu verspüren, und tierliebende Feinschmecker wünschen sich, dass es stimmt. Bezahlt wird im "Lobster Shack", wo abgesehen von denkbar bescheidenen Beilagen nur Hummer auf der Karte steht, nach Lebendgewicht: Pro Pfund 12,50 Dollar - rund zehn Euro. Ein Spottpreis, bedenkt man, dass die Großkrebse weltweit zu den teuersten Delikatessen zählen, die in Nobelrestaurants am liebsten auf Silber serviert werden. Nicht so bei Jason Evans, wo konsequent allein Einweggeschirr zum Einsatz kommt. Und so thronen die beiden Kingsize-Hummer der Familie Cooper auf schwarzen Kunststofftabletts, als sie zum Tisch gebracht werden. Eskortiert werden die Könige der Meeresfrüchte von einer Tüte Kartoffelchips, zwei Plastikschälchen Krautsalat und zwei Dosen Bier: Ein Stillleben des Widerspruchs – zumindest aus europäischer Gourmetperspektive.
Die hiesigen Gäste stört das nicht, sie greifen beherzt zur Schalenzange, eine Art Nussknacker, die zum Öffnen der harten Panzer dazu gereicht wird. Obendrein bekommt jeder vorsorglich eine Plastikschürze: Die soll die Kleidung vor den Kochsud-Fontänen schützen, die ringsum aus den Hummern der Sitznachbarn spritzt. Doch unbefleckt kommt kaum jemand aus dem "Lobster Shack" heraus. Zu eng stehen die Reihen aus wackligen Holzbänken, zu brachial wird hier mit ganzem Körpereinsatz dem Essen zu Leibe gerückt. In regelmäßigen Abständen ergießt sich irgendwo eine Getränkedose oder ein Töpfchen ausgelassene Butter über Tisch oder Gast. "Das ist normal" sagt Jason Evans schulterzuckend. Satte 500 Kilo Hummer werden in der Hochsaison bis Ende August auf diese Weise bei ihm verspeist ? und zwar Woche für Woche.
Lage: Maine gehört zu den Neuengland-Staaten an der Ostküste der USA
Anreise: Ab Frankfurt mit US Airways
0180/ 3 00 06 09
über Philadelphia oder mit Delta
0800/ 2 41 41 41
über New York nach Portland/Maine.
Einreise: Für die Vereinigten Staaten muss auf der Website https://esta.cbp.dhs.gov
ein kostenloses, elektronisches Visum beantragt werden.
Veranstalter: Explorer
0211/99 49 01
bietet eine 13tägige Mietwagen-Rundreise durch die Neuengland-Staaten mit zwölf Übernachtungen im Hotel ab 599 Euro im Doppelzimmer – ohne Flug. America-Experience
0800/632 70 00
bietet ebenfalls Mietwagen-Rundreisen durch die Nordstaaten an, Preise auf Anfrage.
Kontakt: Discover New England (Kaus Media Services)
0511/89 98 90 46
Hummer-Imbissbuden, wo man die erlesensten aller Meeresfrüchte mit derselben Attitüde isst wie andernorts Currywurst oder Hamburger, sind an der Atlantikküste Maines häufig zu finden. Denn Maine, nordöstlichster Bundesstaat der USA , ist Hummerland. Rund 80 Prozent der amerikanischen "Lobster" werden hier gefischt. Für viele Einheimische ist das Schalentier zugleich Wappentier, das sie sich stolz mit aufs Nummernschild drucken lassen. Für die vielen Touristen zählt es zu den Hauptattraktionen der Küste. Fast täglich kann man bei Windstille einige der etwa 7500 lizensierten "Lobstermen" begleiten, wenn sie mit ihren Booten die bunt markierten Hummerfallen einsammeln. Vor allem im Sommer ist die wild zerklüftete Steinküste im Norden Neuenglands ein beliebtes Ferienziel. Mit Beginn der warmen Monate zieht es die "Summer People" in Scharen zu den Sandstränden und Buchten, Inseln und Fjorden, steilen Klippen und Wäldern, die bis ans Meer reichen. Vor allem Großstädter aus den nahen Metropolen Boston oder New York kommen gern übers Wochenende hierher, wo die Orte Namen wie Kennebunk oder Ogunquit tragen. Sie genießen die nostalgisch anmutende Provinzidylle mit bunten Leuchttürmen und gepflegten, pastellfarbenen Holzhäusern im viktorianischen Stil. In fast jedem zweiten Garten weht die amerikanische Flagge. Wer zu den Besserverdienenden gehört, leistet sich hier ein Ferienhaus. So wie der frühere US-Präsident George W. Bush, der auf einer Halbinsel bei Kennebunkport ein stattliches Anwesen besitzt. Selbst wenn er sich dort nicht aufhält, halten Leibwächter Zaungäste fern.
An diesem Sommerabend gibt es niemanden fernzuhalten, der Trubel ist früh vorüber. Bereits abends um sieben hat ein scharfer Atlantikwind die Gäste in ihre Hotel- und Motelzimmer zurückgetrieben. Die Strandpromenade ist wie ausgestorben. Nur ein paar einheimische Jugendliche lehnen an einem geparkten Pickup. Musik dudelt durch das heruntergekurbelte Fenster. Jason Evans winkt zu ihnen herüber, als er seinen "Lobster Shack" abschließt. Perkins Cove macht Feierabend. Bis zum nächsten Tag, wenn Hummerland wieder erwacht.
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