Expedition ins ewige Eis

Abenteuer Antarktis. Eine Expedition ins ewige Eis.
Abenteuer Antarktis. Eine Expedition ins ewige Eis.
Was wir bereits wissen
Die Antarktis: Die Faszination des weltgrößten Wildnisgebietes wirkt noch genauso lebendig wie zur Zeit seiner Eroberung.

Als sich die Nebelwände, die die Antarktis wie ein magischer Vorhang umgeben, am dritten Tag auf der „Sea Explorer“ endlich lichten, liegen die glitzernd weißen Welten plötzlich da, von denen das bunt gemischte Publikum an Deck so lange geträumt hatte: Bizarre Eisskulpturen, wie sie ein Dalí nicht schöner hätte erschaffen können, treiben auf einer schwarzblauen See im gleißenden Licht des antarktischen Sommers vorbei. Wie gläserne Geisterschiffe oder curacaoblaue Eispaläste von Märchenkönigen ziehen gefrorene Kunstgebilde am Schiffsbug vorüber. Da wirkt die Faszination des weltgrößten Wildnisgebietes tatsächlich noch genauso lebendig wie vor gut 100 Jahren, als unerschrockene Seefahrer die Antarktis entdeckten.

Der Funke springt früh über

Es sind Touristen aus Russland und Asien, Europa und Australien, die mit dem Spezialisten für die Polregionen, Poseidon, an den entlegensten Zipfel der Erde fahren, um Abenteuer und Erlebnis, Natur und Wildnis zu suchen. Viele fühlen sich noch immer wie Pioniere. Wer hat schon die Gelegenheit, Tausende Pinguine beim Brüten zu beobachten, Seeelefanten zu filmen oder Buckelwale zu bestaunen?

Schon bei der 48-stündigen Überfahrt von der südlichsten Stadt der Welt, Ushuaia auf Feuerland, war der Funke übergesprungen, als segelnde Albatrosse dem Schiff folgten. Antarktis-Biologin Elke informierte in ihren Lektionen, dass diese Sturmvögel mit über drei Metern Spannweite pausenlos über das Südpolarmeer gleiten, selbst im Schlaf fliegen und erst nach sechs Jahren erstmals zum Brüten an Land gehen.

Schaudernd lauschten die Touristen auch, wie die Antarktis-Pioniere Shackelton und Co teils entbehrungsreiche Jahre im Eis verbrachten, um sich in mutigen Heldentaten selbst zu retten.

Das Salz in der Suppe sind die Landausflüge

Da gestaltet sich ein Besuch des sechsten Kontinents heute unvergleichbar komfortabler – mit Kabinenservice und Vier-Gänge-Menü. Das Salz in der Suppe und Gesprächsthema bei Tisch sind aber stets die Landausflüge, die mit den seetüchtigen Zodiaks und erfahrenen Guides unternommen werden. Sie kennen die besten Plätze, wo die Fauna hautnah erlebt werden kann. Vor den ersten Landgang wird aber die sogenannte „Staubsauger-Party“ gesetzt, bei der mitgebrachte Kleidung und Taschen von unerwünschten Pollen gesäubert werden. „Bringen Sie nicht die Pest mit“, lautet eine der strengen Antarktis-Regeln.

Danach dürfen so verschwiegene Flecken wie Neko Harbour in der Andvord-Bucht betreten werden. Schon die Fahrt durch den fjordartigen Sund, der von steilen Bergen und Gletschern gesäumt ist, wirkt unvergleichlich – so etwa zehn Eiger Nordwände nebeneinander.

Dann dürfen die Besucher den Tausenden Bewohnern des eisigen, lebensfeindlichen Lebensraumes aus nächster Nähe zusehen. Wie tapsige Pinguine teils zwei Kilometer über Land watscheln, um geeignete Brutplätze auf sonnigen Felskuppen zu finden. Wie sie sich permanent plagen, diebische Brutnachbarn davon abzuhalten, ihnen die mühsam eingesammelten Steinchen ihres Nestes zu stehlen. Und wie sie laut ihren schnarrenden Warnlaut abgeben, wenn die hungrigen Raubmöwen dicht über ihren Köpfen schweben, um eines der tennisballgroßen Eier zu erbeuten.

Wenn die Schiffscrew die Landgänger nach einem solchen Ausflug dann zum Grillabend auf dem Außendeck mit einem heißen Glühwein begrüßt, mag das im ersten Moment dekadent wirken. Dann macht sich jedoch tiefes Glücksgefühl breit, wie ringsum die erhabene Gletscherwelt weiter wirkt.

Viele der Gäste sind zum ersten Mal auf einer Kreuzfahrt unterwegs, die Kinderbuchautorin aus Tübingen, der Unfallchirurg aus Jena, die Psychologin aus Frankfurt. Sie alle verwirklichen ihren Traum, einmal im Leben die Antarktis zu sehen. Den gewaltigsten Ausflug unternehmen sie in der Paradise Bay, die nicht umsonst so heißt. Zodiak-Fahrer David gesteht, dass dies der schönste Ort ist, den er kennt, als er Kurs auf den „Friedhof der Eisberge“ nimmt. Hier liegen gestrandete Tafeleisberge neben kunstvollen Gebilden, von Wind und Wellen aus Brocken geformt, die vom Gletscherabbruch des Inlandeises gekalbt wurden.

Haushohe Brecher vor Kap Hoorn

An diesem Tag strahlt die Sonne wolkenlos in die Bucht, kein Lüftchen regt sich und so wirkt das beinah schwarze Wasser wie ein magischer Spiegel, der die 2500 Meter hohen Berge ringsum dupliziert. David schaltet den Außenbordmotor aus und lässt die Stille wirken. Andächtig lauschen die Insassen und nehmen plötzlich das eigentümliche Knistern ringsum wahr, wenn Luft aus den schmelzenden Eisbrocken entweicht. Sie hören das dumpfe Knacken der Gletscher. Manchmal muss man eben weit fahren, um sich selbst nah zu kommen.

Am letzten Tag in antarktischen Gewässern ertönt wiederholt der Ausruf „Wale!“ an Bord und es gibt die markanten Blasfontänen der Meeressäuger zu sehen. Schließlich noch ein letzter Landausflug nach Point Turret auf den Südshetland Inseln, wo die Seeelefanten träge in der Sonne liegen, um ihren Fellwechsel zu verschlafen. Dann heißt es, Kurs auf Ushuaia zu nehmen.

Und diesmal zeigt die berüchtigte Drake-Passage vor Kap Hoorn ihr wahres Gesicht. Haushohe Brecher stürzen über den Bug des Schiffes, das wie auf einer Achterbahn tief in die brodelnde See ein- und auftaucht. Wer sich nicht in der Kabine verschanzt, geht auf die Brücke und erlebt das schaurig schöne Schauspiel, wie die höchsten Wellen selbst den fünften Stock der „Sea Explorer“ erreichen, wo sich Pazifik und Atlantik lebhaft küssen.

Das Expeditionsschiff hat vor einem Jahr seinen Test bestanden, als es von einer 25 Meter hohen Monsterwelle erwischt wurde. Als Kapitän Rudenko wenig später in den Beagle Kanal einbiegt und zum Cocktail-Dinner einlädt, ist schon Gelegenheit für ein letztes Glas an der Reling voller Erinnerungen, ehe die Sonne sehr spät golden in den Fluten versinkt.