Das aktuelle Wetter NRW 1°C
Myanmar/Burma

Burma boykottieren oder buchen

23.01.2008 | 20:39 Uhr
Burma boykottieren oder buchen

Nach den Unruhen im Spätsommer 2007 sind Reisen wieder möglich. Ob man es tut, muss jeder selbst entscheiden.

Er lächelt freundlich, als er ins Sucherbild der Kamera läuft, entschuldigt sich dann beim Touristen, fragt nach dessen Woher und Wohin, beantwortet bereitwillig Fragen, sogar persönliche. Nur seinen Namen mag der junge Mönch nicht nennen.

Verständlich, denn rund um die Shwedagon-Pagode in Rangun soll es noch immer von Spitzeln der Militärregierung wimmeln. Er ist 19 Jahre alt, hat seinen Master in Englisch gemacht, ist danach für zwei Jahre in ein Kloster eingetreten. Und „natürlich” reihte er sich im Spätsommer 2007 in die Protestzüge der Mönche ein. „Als die Soldaten kamen, bin ich gerannt”, berichtet er,

„ich konnte entkommen. 200 aus meinem Kloster sitzen immer noch im Gefängnis.” Was nun werden soll? Unsicher hebt er die Schultern. Irgendwann will er nach Thailand gehen, „um dort zu arbeiten, bis es hier weiter geht”. Ist die Rückkehr überhaupt möglich? „Natürlich, die grüne Grenze funktioniert in beiden Richtungen.”

Dass Burma-Reisende an den Pagoden in Rangun und Mandalay von Mönchen angesprochen werden, geschieht in diesen Wochen oft. Denn die Männer in den rostbraunen Kutten interessiert brennend, was das Ausland über ihre vorerst gescheiterte Rebellion denkt und wie die Welt reagiert.

In Burma weiß die Bevölkerung davon so gut wie nichts: Die der Zensur unterworfenen Medien bringen nur schönfärberische und nichtssagende Verlautbarungen des Militärregimes, ausländische Fernsehsender sind allenfalls in den großen Hotels zu empfangen, haben zudem ihre Burma-Berichterstattung nahezu eingestellt. E-Mails und Internet funktionieren zwar, werden aber zweifellos überwacht - wer von einem Hotel-PC aus ein ausländisches Medienportal aufsucht, muss lange Antwortzeiten hinnehmen, wer in eine Suchmaschine „Myanmar” eingibt, könnte einen Systemabsturz erleben.

Wer in diesen Wochen durch das ärmste Land Asiens reist, begegnet wenigen Touristengruppen, aber einer wissbegierigen Bevölkerung, der Besucher herzlich willkommen sind. Ein 18-jähriger Informatik-Student, der auf dem Mandalay-Hügel die Mitglieder einer deutschen Reisegruppe anspricht, erläutert: „Wir wurden hier zwar Augenzeugen der Ereignisse, aber sonst wissen wir so gut wie nichts. Was das Ausland betrifft, haben wir nur Vermutungen - und das, was Touristen uns hier berichten. Deshalb begrüßen wir, dass wenigstens einige wieder nach Burma reisen.” Sanktionen und Boykott-Aufrufe haben den Burma-Tourismus getroffen.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch etwa fordert von in Burma tätig werdenden Unternehmen den Nachweis, dass durch ihre Geschäfte keine Menschenrechte verletzt werden. Exil-burmesische Gruppen rufen lautstark zum touristischen Boykott auf: Tourismus, der der breiten Bevölkerung zugute komme, könne es in Burma erst geben, „wenn die Menschen frei am Ge-schäft partizipieren und die Entwicklung mitbestimmen können. Wenn demokratische Verhältnisse herrschen”, so die Koalition der gewählten Abgeordneten im Exil.

Info
INFO

Myanmar/Burma

Lage: Myanmar, das auch als Burma bekannt ist, liegt am Golf von Bengalen im Norden „zwischen” Indien und China und hat im Süden eine Grenze zu Thailand.

Anreise: Eine direkte Anreise ist nicht möglich, es gibt jedoch Umsteige-Verbindungen nach Yangon, das frühere Rangun, die ehemalige Hauptstadt des Landes, über Singapur oder Bangkok zum Beispiel mit Singapore Airlines oder Thai Airways ab Frankfurt oder München.

Einreise: Das erforderliche Touristenvisum muss, sofern es nicht der Reiseveranstalter besorgt, bei der Botschaft der Union von Myanmar www.botschaft-myanmar.de Thielallee 19, 14195 Berlin, beantragt werden und kostet 25 Euro.

Gesundheit: Neben dem üblichen Impfschutz empfiehlt das Auswärtige Amt eine Malaria-Prophylaxe, wobei die Regionen um Yangon (Rangun) und Mandalay als malariafrei gelten. Zum Schutz vor Cholera und anderen Durchfallerkrankungen genügt die übliche Vorsicht beim Essen und Trinken.

Sicherheit: Obschon sich terroristische Anschläge und sonstige Ausschreitungen bisher nicht gezielt gegen Ausländer gerichtet haben, rät das Auswärtige Amt dennoch zur Vorsicht. Vor allem wird davon abgeraten, sich in der Nähe von Demonstrationen oder sonstigen Kundgebungen fernzuhalten.

Reisezeit´: Oktober bis April mit Temperaturen von 25 bis 30 Grad, aber geringerer Luftfeuchtigkeit als während der Regenzeit, die sehr heftig sein kann.

Veranstalter: Gruppenreisen werden von zahlreichen Veranstaltern mit Burma-Erfahrung angeboten. Rundreisen sind u. a. bei Studiosus, Ikarus, Gebeco, Meier's Weltreisen, Marco Polo und Dertour, aber auch bei kleineren Veranstaltern wie Dao-Travel zu buchen. Einzelreisende können in Reisebüros in Rangun individuelle Reiseprogramme buchen, u. a. bei:

Current Travels & Tours www.current-myanmar.com

Fascinating Land Travels & Tours www.fascinating-land-travels.com

Alle Buchungen (Unterkünfte, Inlandsflüge, Mietwagen) müssen im Voraus bezahlt werden; bei Mietwagenreisen ist ein Begleiter obligatorisch (pro Tag etwa 20 US-Dollar). Die Kosten können höher als bei Gruppenreisen sein; eine neuntägige Rundreise kostet zum Beispiel bei Fascinating Land Travels je nach Übernachtungskategorie, ohne Mahlzeiten und internationale Flüge (über Bangkok) 1220 bis 2274 US-Dollar.

Währung: Landeswährung ist der Kyat, der Wechselkurs wird relativ häufig neu festgesetzt. Für den Reisenden ist wichtig zu wissen: Reiseschecks und Kreditkarten werden praktisch nirgendwo akzeptiert, man muss also mit Bargeld reisen, am besten mit amerikanischen Dollar.

Kontakt: Staatliche Reiseagentur Myanmar Travels and Tours (MTT), 77-91 Sule Pagoda Road, Yangon,  0095-(1)25 28 59, 378376, E-Mail: mtt.mht@mptmail.net.mm

Zwar ist nicht einmal annähernd nachweisbar, dass und wie Sanktionen die seit 45 Jahren regierenden Militärs treffen. Unübersehbar ist jedoch, dass an touristischen Schwerpunkten wie dem Inle-See und der Region Bagan vor allem Kleingewerbe und Bevölkerung leiden: Hotels, Restaurants und Busbetriebe beschäftigen weniger Personal, und die Einnahmen der bettelarmen Seidenweber, Holzschnitzer, Kunstschmiede, Zigarrendreher und Souvenirhändler sind drastisch zurückgegangen. Die Folge: Die Aufdringlichkeit von „Verkäufern” grenzt an Bettelei.

Zu den schuldlos Betroffenen gehören auch zwei Deutsche. Der aus Aachen stammende frühere Surfbrett-Fabrikant Bert Morsbach (70) hat in den Bergen am Inle-See zusammen mit dem Moselwinzer Hans Leiendecker (49) das erste burmesische Weingut aufgebaut. Ihre Weiß-, Rosé- und Rotweine setzt die vor sieben Jahren gegründete Kellerei Ayathaya bei 80 gehobenen Restaurants und Hotels im Lande ab. Zum Jahresende 2007 werde in der Bilanz erstmals eine „schwarze Null" stehen, hatten sie ihren internationalen Geldgebern versprochen.

Weil die Kundschaft seit Oktober nur noch wenige Flaschen bestellte, wird - so Morsbach - „der Break Even nun frühestens Ende 2008 erreicht”.

Geführte Gruppenreisen sind in Burma seit Mitte Oktober wieder möglich. Während unserer zweiwöchigen Rundreise erlebten wir auf der Route Rangun - Inle-See - Mandalay - Bagan - Rangun keine Demonstration, keinen Polizeieinsatz. An Pagoden, Klöstern und Märkten war kaum Sicherheitspersonal zu sehen, Militär nur in Rangun nach Sonnenuntergang. Nach Angaben eines langjährigen Burma-Reiseleiters „funktioniert das Land wieder wie früher”.

Das heißt: Wenn der Strom nachts mal wieder ausfällt, müssen Hotels auf Generatoren umschalten. Wir trafen auch Einzelreisende aus Deutschland, deren Programme einwandfrei abgewickelt wurden; sie mussten allerdings alle Inlandsflüge und Unterkünfte vorab über eine in Rangun ansässige Agentur buchen und bezahlen. Wer per Mietwagen durchs Land reisen will, was wegen der miserablen Straßenverhältnisse nicht ratsam ist, muss für die gesamte Reise einen Begleiter akzeptieren - und für ihn bezahlen.

Politisch herrscht Stillstand im Lande. Alle Gespräche zwischen Militär und Opposition blieben bisher ebenso ohne reale Ergebnisse wie die Visiten von Uno-Beauftragten. Die Benzinpreiserhöhung um 100 Prozent - Auslöser der Proteste im Spätsommer - hat die Regierung zum Teil zurückgenommen, doch der Energiemangel hat Burma fest im Griff: Ohne besondere Bezugsberechtigung ist Kraftstoff an städtischen Tankstellen kaum erhältlich; auf dem Land wird Diesel am Straßenrand und auf Märkten aus Fässern in Literflaschen umgefüllt.

Obwohl Burma seinen Erdölbedarf vollständig aus eigenen Vorkommen decken könnte, muss es rund die Hälfte des benötigten Öls auf dem Weltmarkt zu Barrel-Preisen um 100 Dollar kaufen. Denn der mächtige Nachbar China pocht auf langfristige Verträge, die ihm als Gegenleistung für den Bau einer Raffinerie Öllieferungen zu 23 Dollar pro Barrel garantieren. Daran können keine Sanktionen etwas ändern, ebenso wenig an der Vetternwirtschaft und den Schwarzmarktgeschäften, bei denen Jade, Edelsteine und Teakholz im großen Stil und mit Wissen der Militärs ins Ausland verschoben werden.

Es muss jeder, der in dieses landschaftlich wie kulturell so wunderbare Land reisen will, mit sich selbst ausmachen, ob er Burma boykottieren oder buchen will. Wir waren da und haben es nicht bereut. Denn Touristen können in Burma helfen: mit Auskünften, die Hoffnung vermitteln, und mit manchem Dollar.

Jürgen Diebäcker

Facebook
 
Kommentare
02.04.2008
15:34
Burma boykottieren oder buchen
von leela | #3

achtsam sein, wo man sein geld ausgibt. wir sind als einzelreisende auf eigene faust 2006 in diesem wundervollen land mit den einzigartig freundlichen und aufgeschlossenen menschen gereist. sie haben uns immer wieder deutlich gemacht, dass sie es sehr wichtig finden wenn besucher in das land kommen - genau damit es eben keine isolation gibt. uns wurde aber auch oft gesagt, dass von pauschaltourismus und organisierten gruppenreisen lieber abstand zu nehmen ist...da dadurch nur die herrschende klasse profitiere - sie haben das sheep-tourismus genannt ;-)
lieber allein in privaten guesthouses und restaurants etc. das hat wunderbar geklappt.

22.01.2008
18:14
Burma boykottieren oder buchen
von Uwe Werner | #2

sorry: Myanmar sollte Mandalay heissen

22.01.2008
18:14
Burma boykottieren oder buchen
von Uwe Werner | #1

Möchte diesen Artikel, was den Tourismus und die Neugierde der Menschen, besonders die der Mönche,betrifft, voll bestätigen.

Wir haben Ende Dezember 2007 Burma besucht. Yangon, Bagan, Myanmar, Inle See.

Auch wir mussten über eine staatlich anerkannte Reisegesellschaft buchen und 30% anzahlen, ehe uns überhaupt erst ein Visum ausgestellt wurde. Die Buchungsbestätigung ist notwendiger Teil des Visumantrages.

Uns wurde an jedem Ort ein Reiseführer und Fahrer zur Verfügung gestellt. Von Ort zu Ort sind wir mit der domestischen Yangon Airways geflogen. Alles sehr professionell und nicht der geringste Grund zur Klage.

Die gesamte Zeit lag mir die Frage auf der Zunge, ob es denn richtig sei, dieses Land unter diesen Umständen zu besuchen. Habe mit aber verkniffen, diese Frage an leute zu stellen, die mit dem Tourismus verbandelt sind. Deren Antwort wäre zu offensichtlich gewesen.

Ich habe sie aber einem Abt in einem berühmten Kloster gestellt. Seine Antwort sinngemäss:

Es gibt schlimmeres, als unsere jetzige Situation und das ist die absolute Isolation.

Wenn niemand aus dem Ausland uns mehr besucht, können die Generäle mit uns machen, was sie wollen, ohne dass es jemand erfährt. Ausserdem bleiben wir im Dunkeln, wie ihr Ausländer darüber denkt und wie ihr die Situation beurteilt.

Also kommt, redet mit uns, erzählt uns, wie ihr die Demokratie erlebt, damit wir etwas lernen können. Wir brauchen diesen Austausch von Erfahrungen und Wissen.

Dieser Standpunkt eines Einheimischen erscheint mir höchst nachdenkenswert.

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/1453812/create

Fotos und Videos
Wandern mit Lamas
Video
Tourismus
Ägypten als Reiseziel tabu
Video
Tourismus
Erste Lebenszeichen gesichtet
Bildgalerie
Ägypten/Port Ghalib
Aus dem Ressort
Zu Besuch in Kapstadts botanischem Garten
Südafrika
Der botanische Garten von Kirstenbosch gehört zu den Touristenmagneten von Kapstadt. Seit 100 Jahren wachsen hier exotische und vielfältige Pflanzenarten auf insgesamt 36 Hektar. Der älteste Baum des Gartens soll gar vom Kolonie-Pionier Jan van Riebeek gepflanzt worden sein.
Klatschen, Klauen, Knutschen - was auf Reisen gar nicht geht
Reise
Die Urlaubszeit steht vor der Tür. Viele Menschen zieht es in andere Länder und es gilt: Je weiter weg, desto besser. Aber mit der Sprache ändern sich auch die Sitten. Wer in der Fremde nicht unangenehm auffallen will, sollte unsere Tipps beherzigen - aufgeteilt in die größten Gefahrenherde.