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Wandern bis zum Fall

27.06.2012 | 08:14 Uhr
Foto: /dapd/Werbegemeinschaft Lech-Wege

Bis zum Umfallen will wohl keiner wandern. Aber bis zum Fall ist durchaus zu empfehlen, wenn es der Lechfall ist.

Füssen (dapd). Bis zum Umfallen will wohl keiner wandern. Aber bis zum Fall ist durchaus zu empfehlen, wenn es der Lechfall ist. Dort endet der kürzlich eingeweihte Lechwanderweg, der erste Europäische Qualitätsweg. 125 Kilometern sind es von der Lechquelle am Vorarlberger Formarinsee über den Tiroler Naturpark bis zum Lechfall im bayerischen Füssen. Je nach Kondition kann man die Route durch eine der letzten Wildflusslandschaften Europas in sechs bis acht Tagesetappen bewältigen.

Sas Reizvolle an dem gekürten Weitwanderweg ist, dass sich immer wieder die Perspektive ändert. Eingerahmt vom Alpenpanorama mit imposanten Berggipfeln, geht es durch blühende Almen, vorbei an rauschenden Wildbächen und klaren Bergseen.

Keine Angst, beruhigt Elmar Blaas aus Holzgau, einem österreichischen Etappenort der Route, die alpinen Wandereinsteiger. Es sei ein Leichtwanderweg und Bergerfahrung nicht nötig. Im Gegenteil, es gehe beständig leicht bergab. Aber Höhenangst müsse man auch nicht haben, wenn es zum Beispiel auf der spektakulären neuen Holzgauer Hängebrücke über das Höhenbachtal geht. Mit mehr als 200 Metern ist sie die längste Fußgänger-Hängebrücke Österreichs. Am höchsten Punkt trennen den Wanderer 105 Meter vom Höhenbach, einem der vielen Zubringerflüsse zum Lech.

Holzgau selbst liegt auf 1.103 Metern Seehöhe und wurde wegen seiner herrlichen Lage und des malerischen Ortsbildes schon vor 200 Jahren als "Perle des Lechtals" bezeichnet. Die Siedlung entstand bei einer 600 Jahre alten Pfarrkirche, die einst zum Bistum Augsburg gehörte. Im Inneren warten auf die Besucher herrliche Malereien, wertvolle Altäre und Fensterverglasungen. Aber auch die vielen historischen, oft denkmalgeschützten Gebäude des Ortes sind mit wertvollen Malereien verziert. Der tosende Simmswasserfall bleibt wohl keinem verborgen. Das Denkmal am Tanneck für den englischen Industriellen Sir Frederick Simms (1863-1944), der um 1900 durch Sprengungen den Wasserfall schuf, muss man eher suchen. In der Brunftzeit begleitet den Wanderer dort das Röhren der Hirsche.

Im Lechquellgebiet am Vorarlberger Formarinsee trifft er dagegen eher auf grasende Kühe und - mit etwas Glück - auf Steinböcke. Denn hier lebt mit 600 Exemplaren die größte Steinbock-Kolonie Europas. Mindestens einen Steinbock sieht aber jeder. Einheimische sprechen vom "Quotensteinbock". Das besonders hübsche Exemplar posiert auf einem Stein bereitwillig vor den Kameras. Das Bronzedenkmal erinnert an die erfolgreiche Wiederansiedlung des Steinwilds in den 50er Jahren. 300 Jahren zuvor war es in den Ostalpen ausgerottet worden. Vor dem Gebirgszug der Roten Wand, dem Lechquellgebirge, findet jeder Wanderer zudem seine eigene Lechquelle. Denn im Frühjahr sprudeln die Quellen überall, wo später nur trockene Löcher zu sehen sind. Kartografen sprechen an dieser Stelle noch vom Formarinbach. Dieser vereint sich bald darauf mit dem Spullerbach zum Lech, dessen Wasser im Sommer hellblau-türkis bis jadegrün schimmert.

Der abwechslungsreiche und naturnahe Lechweg verläuft mal am rechten, mal am linken Fluss-Ufer. Manchmal wird er zum Panoramaweg mit Blick von oben auf das Lechtal, etwa von den Sonnenhängen auf der Schigge. Ein Wildfluss habe ein breites Flussbett, in dem er sich selbst den Weg suchen kann, erläutert Naturparkführerin Sabine Resch am Tiroler Lech. Flussarme trennen und vereinen sich wieder. Dazwischen Schotterbänke. Seine Flussauen beherbergen seltene Tier- und Pflanzenarten, die es zu schützen gilt. Manchmal weicht der Weg Zuflüssen aus, wie die Wanderetappe von Klimm über Martinau nach Vorderhornbach, dem letzten und einzigen linksseitigen Ort, zeigt.

Zum Verschnaufen eignet sich die Station Elbigenalb, Hauptort und kulturelles Zentrum des Lechtals und Geburtsort der Romanfigur Geierwally, wie Kulturführerin Ursula Wolf erzählt. Die Freilichtbühne in der Bernhard-Schlucht trägt den Namen der mutigen jungen Frau, die zum Schutz der Schafherden die Horste von Adlern ausnahm, die hier Geier genannt wurden. Immer wieder trifft man auf Werke des Münchner Künstlers Johann Anton Falger, den "Vater des Lechtals", der 1830 im Dorf eine Zeichenschule gründete, aus der sich eine weithin bekannte Schnitzschule entwickelte. Auch über den unfreiwilligen Weg der "Schwabenkinder" in die reiche Fremde ist hier zu erfahren.

Nicht nur Schwaben, auch das Allgäu war für die armen Tiroler immer der "Fettfleck". Noch heute zeigt sich etwa in Füssen der Reichtum der dortigen Bevölkerung. In Füssen ist auch endlich der Lechfall erreicht. Tosend stürzen dort die Wassermassen des Flusses sieben Meter in die Tiefe. Denn so zahm der Lech auf einigen Abschnitten aussieht, so wild kann er werden. Nicht nur, um dieses Naturschauspiel zu sehen, gab es bis 1920 Wallfahrten zu dem Felsvorsprung am Lechfall, dem "Magnustritt". Dort ist der Fußabdruck des Ortsheiligen zu sehen. Der Heilige Magnus, der von weither gewandert war, hat diesen der Legende nach auf der Flucht vor den Heiden beim Sprung über den Lech hinterlassen.

dapd

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