Von Kokain zu Indiana Jones

Die Kogi-Indianer in Kolumbien sehen sich als Nachfahren der Tayrona, die die verlorene Stadt 800 nach Christus gegründet haben.
Die Kogi-Indianer in Kolumbien sehen sich als Nachfahren der Tayrona, die die verlorene Stadt 800 nach Christus gegründet haben.
Foto: Contzen
Was wir bereits wissen
Böse Buben, eine längst vergangene Kultur und viel Gold: Eine Wanderung zur kolumbianischen „Ciudad Perdida“ ist Abenteuer pur.

Bogotá..  Als Gilberto Cadavid über die moosbewachsenen Stufen mitten im kolumbianischen Urwald stolpert, sind plötzlich alle Zweifel beseitigt. Tagelang hat sich der Archäologe – nur auf das Wort eines Grabräubers vertrauend – mit seiner Machete durch das undurchdringliche grüne Dickicht gekämpft, das Hemd schweißnass am Körper, die Arme geschwollen von Moskitostichen. Doch dann werden die Gerüchte über unermessliche Reichtümer im Dschungel der Sierra Nevada de Santa Marta zur Gewissheit: Teyuna, „die verlorene Stadt“, gibt es wirklich.

Die Geschichte der „Ciudad Perdida“, in die fast 400 Jahre lang kein Mensch seinen Fuß gesetzt hat, könnte die Vorlage für einen spannungsgeladenen „Indiana Jones“-Film rund um viel Gold, eine längst vergangene Kultur und böse Buben sein. Selbst heute noch, über 40 Jahre nach ihrer Entdeckung, ist die präkolumbische Ruine ein Touristenziel für Abenteurer – durch die wilde Natur abgeschnitten von der Welt und umgeben von einem Hauch Gefahr.

Fast könnte man von einem Fluch sprechen, denn die um 800 nach Christus von den Tayrona gegründete heilige Stadt hat bisher den wenigsten Glück gebracht. Einige tausend Indianer lebten hier im Einklang mit der Natur bis die Spanier sie im 17. Jahrhundert auf ihrer Suche nach Gold in die Berge der Sierra Nevada vertrieben. Teyuna, ihr politisches und kulturelles Zentrum, wurde vom Dschungel verschluckt.

Schlangen und Skorpione bewohnen die Steinmauern

Die Straßen kniehoch verschüttet, die Terrassen überwuchert von Taguapalmen, die Steinmauern bewohnt von Schlangen und Skorpionen – es braucht nicht viel Fantasie, um sich die „Ciudad Perdida“ so vorzustellen, wie ihr Entdecker, der Grabräuber Julio César Sepulveda, sie vorgefunden haben muss. Wer es bis hierhin, zu den 1200 Treppenstufen am Eingang der Stadt geschafft hat, hat den Dschungel am eigenen Leib erlebt: 23 Kilometer raschelndes, grünes Dickicht und Schwärme unbarmherziger, blutrünstiger Moskitos. Der Weg führt sperrige Felsbrocken hinauf und rutschige Steilhänge hinunter, mal spannen sich wackelige Hängebrücken über den Buritaca, ein anderes mal zerrt der reißende, eiskalte Fluss bei der Überquerung an den Beinen. Das alles im schweißtreibenden Saunaklima des tropischen Regen- und Nebelwaldes.

Césars Mühen wurden indes nicht belohnt, die Geister der Tayrona waren dem Grabräuber nicht wohl gesonnen. César starb 1972, kurz nach der Entdeckung, mit fünf Kugeln in der Brust, erst drei Jahre später nahm sich das von der Regierung entsandte Expeditionsteam um Cadavid der präkolumbischen Ruine an.

Unter dem grünen Teppich schlummern Geheimnisse

Seitdem haben die Archäologen auf einer Fläche von nur zwei Quadratkilometern mehr als 200 steinerne Treppen, Brunnen, Plätze und Wege vom Jahrhunderte alten Dschungelkompost befreit. Doch der weite Blick von den verlassenen Ringterrassen, die auf 1200 Metern Höhe wie hängende Gärten zwischen den umliegenden Bergen zu schweben scheinen, verrät, dass unter dem dichten, grünen Teppich noch weitere Geheimnisse schlummern.

Einige davon hüten die Kogi-Indianer, die sich als Nachfahren der Tayrona betrachten. Während der viertägigen Wanderung zur verlorenen Stadt eilen die stolzen Dschungelbewohner immer wieder mit wehenden schwarzen Haaren und gesenktem Blick an den keuchenden Trekking-Gruppen vorbei. Hier und da stehen ein paar Rundhütten, Kinder in einfachen weißen Baumwollhemden und Gummistiefeln treiben bepackte Maulesel vor sich her, während selbst die Insekten angesichts der Hitze um Gnade zu kreischen scheinen. Seit die kolumbianische Regierung 1991 die Rechte der Indigenen auf einen Teil der Sierra Nevada offiziell anerkannt hat, bekommen die Kogi 20 000 Pesos pro Tourist, umgerechnet etwa sieben Euro. Doch die rund 17 000 verbliebenen Indianer halten nicht viel von ihren „jüngeren Brüdern“, den ausländischen Besuchern. „Die Kogi legen Wert auf ihre Traditionen“, erklärt Fermin die Denkweise seines Volkes. „Wir bringen unseren Kindern bei, möglichst nicht mit den Ausländern zu interagieren.“

Fotos mit Guerillas

Dabei kann in der „Ciudad Perdida“ von Massentourismus noch keine Rede sein. Rund 8000 Besucher gibt der Global Heritage Fund, eine Nichtregierungsorganisation, die sich seit einigen Jahren mit der archäologischen Stätte befasst, für 2011 an. Allerdings dürfte das erst der Anfang sein. Denn wo Wanderer heute über Wiesen und Kaffeeplantagen spazieren, erstreckten sich noch vor weniger als einer Dekade riesige Coca-Felder.

Seit den 60er Jahren galt die Sierra Nevada im Norden des Landes, fest in der Hand paramilitärischer Guerillas, zunächst als einer der kolumbianischen Hauptumschlagplätze für Marihuana, später dann für Kokain. „Die Guerillas haben sogar mit den Touristen zusammen Fotos gemacht“, erinnert sich Pedro Fernández kopfschüttelnd. Der 33-Jährige verließ seine Heimatstadt Machete, heute Ausgangspunkt für alle Touren zur verlorenen Stadt, so schnell er konnte.

Eine historische Trockenversion

Inzwischen sind die Drogenhändler fast gänzlich aus der Region verschwunden, doch nachdem im Jahr 2003 acht Touristen von der National Liberation Army gekidnapped und erst Monate später wieder freigelassen wurden, behält das Militär die verlorene Stadt samt der ausländischen Besucher lieber im Auge. So bringen im steilen Berghang über der Ruine nun gelangweilte Soldaten statt der Guerillas ihre Maschinengewehre für Erinnerungsschnappschüsse in Position. Und Pedro, der jetzt als Wanderführer arbeitet, muss die historische Trockenversion zum Besten geben, während altgediente Kollegen den Herstellungsprozess von Kokain tatsächlich noch praktisch demonstriert haben.

Um die Artefakte zu bewundern, die die Grabräuber übersehen haben, müssen Touristen sich allerdings wieder durch den Dschungel zurück bis zum Goldmuseum in Santa Marta kämpfen – ganz so wie es sich für ein ordentliches „Indiana Jones“-Happy End gehört.