Vom Winde verweht
18.11.2009 | 12:03 Uhr 2009-11-18T12:03:00+0100
20 Jahre El Gouna: Kiteparadies, erwachsen gewordenes Retortendorf und ewige Baustelle Allahs
Die Szenerie zur Linken ist zementfarbene Einöde. Wüste. Ewige Baustelle Allahs. Eine steinige Ebene, begrenzt am Horizont von einem rötlichen, Gebirgszug. Zur Rechten: das Rote Meer. Blendend grell in der Morgensonne zwischen dem Sinai und dem Ägyptischen Festland.
Ahmet gibt Gas. Sein Tok Tok, ein motorisiertes Dreirad, ist buntbemalt. Der Gegenwind zerbläst den arabischen Popsound, der aus seinem Handylautsprecher quäkt. Knatternd geht es in Richtung Mangroovy Beach. Vorbei an Baggern, halbfertigen Apartments und Baugerüsten. Der Himmel ist wolkenlos. Und voller Kites.
El Gouna ist, man darf es ohne zu übertreiben sagen, das Paradies für Kitesurfer. Ganzjährig liegt die Windwahrscheinlichkeit um die 80 Prozent. Eine, die diesen Flecken Morgenland bestens kennt, ist Marta Prusisz-Hassan. Die Polin kam im Frühjahr 2005 nach El Gouna und baute die Kite-station Red Sea Zone mit auf. Marta ist Office-Managerin, Lizenz-Trainerin und gute Seele des Betriebs. Es gibt einen Verleihservice für Bretter und Schirme, Beachboys, die einem beim Starten helfen und ein Rettungsboot. In speziellen Boxen können Kunden ihr eigenes Material einlagern, es gibt Duschen und Toiletten. Mohammed, der Pächter der kleinen Bar, serviert Pasta, Salate, Sandwichs und kühle Drinks.
Wäre das eine Station für Windsurfer – der Servicestandard wäre völlig normal. Anders bei Kitesurfern: „Es gibt auf der ganzen Welt nur einige Dutzend Stationen, die ähnlich viel Komfort bieten”, weiß Nicolas König, Sportwissenschaftler aus dem Rhein-Main-Gebiet. Kitesurfen, das hieß noch vor fünf bis sieben Jahren Exotik und Extremsport. Die Gemeinde derer, die sich damals in die Wellen wagte, bestand aus tätowierten Typen mit bemalten VW-Bussen und wenig Geld. Heute ist das anders. Aus dem Extremsport sei ein Trendsport geworden, „vergleichbar mit der Entwicklung der Snowboardszene ab Ende der 80er Jahre”, so König.
Plumms. Der Kite liegt wieder im Wasser. Marta steht bis zur Hüfte in der kristallklaren Lagune. Sie trägt eine verspiegelte Sonnenbrille und Zopf. Ihre Schülerin hat einen Neoprenanzug an, Prallschutz-weste und Helm. Mit Engelsgeduld erklärt die Trainerin, wo gerade der Fehler lag und wie man den Schirm jetzt wieder in die Luft bekommt. „Wir schulen heute mehr als doppelt so viele Urlauber wie noch vor drei Jahren”, sagt Marta. Bis zu zwölf Trainer hat die Red Sea Zone im Sommer unter Vertrag. Unterrichtet wird auf Polnisch, Deutsch, Englisch und Russisch.
Wer sich sicher fühlt, fährt über das Riff hinaus und gleitet mit Blick auf den Sinai fast alleine übers Rote Meer. Dazu gibt es zweitägige bis einwöchige Kite-Safaris. Das sind Boottrips zu vorgelagerten Inseln mit jungfräulichen Lagunen, auf denen man dann herumsaust, wie der erste Mensch – und neugierige Delfinen trifft.
Anreise: Ab Düsseldorf mit Condor
01805/76 77 57
oder TUIfly
01805/ 75 75 10
www.tuifly.com nonstop nach Hurghada am Roten Meer.
Veranstalter: FTI
01805/38 45 00
www.fti.de bietet eine Woche im Drei-Sterne-Hotel mit Halbpension ab 536 Euro pro Person im Doppelzimmer. 1-2-Fly
01805/ 12 01 23 www.1-2-fly.com hat eine Woche mit Übernachtung und Frühstück ab 403 Euro pro Person im Doppelzimmer im Programm.
Besonderheiten: Red Sea Zone www.redseazone.com Einsteigerkurse ab 165 Euro. Einwöchige Kitesafari mit Vollpension 600 Euro.
Kontakt: www.elgouna.com www.el-gouna.de
El Gouna ist ein Traum. Oder besser gesagt: Der Traum von Samih Sawiris. Der Sohn einer milliardenschweren koptischen Familie aus Kairo hat den Ort auf dem Reißbrett geplant und 20 Kilometer nördlich von Hurghada in die Wüste pflanzen lassen. 14 Hotels und Apartments aller Kategorien, hundert Restaurants vom französischen Feinschmeckerlokal bis zum Steakhouse, Yachthäfen, Geschäfte und Golfplatz.
Mit dem Spatenstich 1989 fiel in El Gouna der Startschuss zu einem sehr ehrgeizigen Projekt: In wenigen Jahren sollte entstehen, was sonst Generationen braucht: ein Ort, der aussehen sollte, als sei er auf natürliche Weise gewachsen. So ein richtiger Ort, das war dem Planer klar, braucht mehr als touristische Anlagen: Er muss Schulen haben, Kindergärten, ein Krankenhaus, Tankstellen und so weiter. Vor allem braucht es aber Menschen, die hier nicht nur ihre Ferien verbringen, sondern welche, die hier leben wollen. Menschen wie Marta Prusisz-Hassan.
Natürlich sieht jeder Blinde, dass El Gouna nicht natürlich gewachsen ist. Doch haben sich in dem nach außen abgesicherten clubähnlichern Konstrukt so etwas wie gesellschaftliche Strukturen entwickelt. Strukturen, wie man sie in Ägypten speziell im Tourismus selten findet: So verdient ein Koch in der Lagunenstadt das Dreifache von einem Lehrer in Kairo. Eine von der deutschen IHK anerkannte Hotelfachschule kümmert sich um solide Ausbildung. Bauland und Wohnungen werden selbst für einen Maurer mit Hilfe von Sozialprogrammen erschwinglich. Der Müll wird getrennt, eine Wasseraufbereitungsanlage sorgt für sauberes Nass. Und die Lebensmittelkrise, die große Teile des Landes beutelt, gibt es nicht. Ebenso wenig tätowierte Surfer mit VW-Bussen.
Hier steht die nächste Generation auf dem Brett. Eine, die sich Luxus gönnt, teure Surfhosen trägt und Wert auf Sicherheit legt. Wenn die Sonne untergeht, sind Generationsfragen aber einerlei. Das Rote Meer glüht jetzt. Der Himmel brennt. Es ist, als fahre man auf purem Gold. Der Wind ist warm. Allahs Wüste zieht den Kite mit unsichtbarer Hand gleichmäßig in Richtung hereinbrechende Nacht. Es ist der perfekte Moment. Ein Traum.
00:26
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21:57
Ich fahre jedes Jahr nach Ägypten; meist sogar zwei mal im Jahr. Allerdings nur nach Hurghada. El Gouna ist mir zu künstlich und zu anonym. In Hurghada hingegen habe ich die Möglichkeit, Land und Leute kennen zu lernen. Ich befinde mich nicht in einer reinen Hotelstadt, sondern lerne auch das normale Leben in Ägypten kennen. Ich esse mit den Einheimischen in ihren Läden, treffe mich mit ihnen nach ihrem Feierabend, um gemeinsam Wasserpfeiffe zu rauchen, zum Bauchtanz zu gehen (und hier meine ich nicht die Veranstaltungen, die speziell für Touristen veranstaltet werden) oder gehe einfach nur in einen Pub oder eine Disco und trinke Bier oder sonstwas mit ihnen. Sie erzählen aus ihrem und ich aus meinem Leben. Ich kann nur jeden raten, der Angst vor Muslimen hat, einmal nach Ägypten zu fahren. Eine solche Gastfreundschaft habe ich bisher in keinem anderen Land, sei es Spanien, Griechenland, USA oder sonstwo, erlebt.
19:02
Mein Schwager fährt nur noch nach El Gouna in den Urlaub. Ihm gefällts und er hat bereits mehrere Bekannte überzeugt, die da auch urlaubten und allen gefiels....