Sturm "Niklas" und Neuschnee erhöhen Lawinengefahr zu Ostern

Sturm und Neuschnee können auch zu Ostern Lawinen in den Skigebieten auslösen.
Sturm und Neuschnee können auch zu Ostern Lawinen in den Skigebieten auslösen.
Foto: Angelika Warmuth
Was wir bereits wissen
Vor Ostern ist die Lawinengefahr gestiegen. Sturm "Niklas", Neuschnee oben und milde Temperaturen weiter unten sorgen für eine brisante Kombination.

München/Salzburg.. Frühling - Skitourenzeit. Aber gerade jetzt ist es abseits der Pisten riskant. Ausgerechnet zum Start der Osterferien haben Sturm und Neuschnee die Lawinengefahr in hohen Lagen steigen lassen - und weiter unten drohen tonnenschwere Nassschneelawinen. Während im Tal Krokusse und Tulpen sprießen, ist die Warnstufe mancherorts auf den Wert drei oder gar vier der fünfstufigen Skala angehoben worden. Über die Feiertage, wenn viele Tourengeher unterwegs sind, dürfte die Gefahr hoch bleiben.

Das Orkantief "Niklas" und Neuschnee haben in höheren Lagen für eine brisante Lage gesorgt. "Der Wind ist der Baumeister der Lawinen", sagt der Sprecher des Deutschen Alpenvereins (DAV), Thomas Bucher. "Und bei Sturm gilt das in doppeltem Maße." Der Wind pfeift über die Kämme und häuft leeseitig Schneemassen an, die zu Tal donnern können.

Außerdem machen im Frühjahr Sonne und Regen den Schnee schwer - Nassschneelawinen sind alljährlich eine unterschätzte Bedrohung. "Das Regenwasser dringt in tiefe Schneeschichten ein und bildet vor allem auf Wiesengrund einen rutschigen Schmierfilm, auf dem Lawinen abgehen können", sagt Stefan Winter, Bergführer und DAV-Sicherheitsexperte.

Landschaft wirkt trügerisch harmlos

Binnen zwei Wochen rissen Lawinen in den Alpen mindestens ein halbes Dutzend Menschen in den Tod. Am vergangenen Wochenende starben im Piemont ein erfahrener italienischer Bergführer und ein französischer Skifahrer. Sie hatten sich per Helikopter auf den Monte Terra Nera im Susatal bringen lassen. Bei der Abfahrt riss ein 200 Meter breites Schneebrett die beiden zu Tal. Ein anderer Bergführer wurde am Sonntag am Kitzsteinhorn teils verschüttet - ausgerechnet bei einem Lawinenkurs. Er überlebte dank seines Airbag-Rucksacks unverletzt.

Besonders bei schönem Wetter wirkt die Landschaft trügerisch harmlos. Nach einem perfekten Skitag bei strahlender Sonne wollten ein Sportlehrer aus Freising und sein 62-jähriger Vater die letzte Abfahrt im Osttiroler Skigebiet Brunnalm genießen. Sie verließen die Piste - und fuhren ins Verderben. Vor den Augen des Vaters wurde der Sohn verschüttet. Ein Fuß ragte aus dem Schnee - der Vater versucht den Sohn auszugraben, nimmt die Ski zu Hilfe. Ohne Erfolg. Morgens wäre der Schnee vermutlich noch hart gewesen - und nicht abgerutscht.

"Die Sonne hat schon richtig Kraft", sagt Thomas Griesbeck von der Bergwacht Bayern. "Die Hänge, die in der prallen Sonne liegen, sind besonders gefährdet." Der Schnee taut, wird schwer und gleitet am Grund ab. Innere Verletzungen lassen Verschütteten oft keine Chance.

25 Tote in Österreich

Manchmal gibt es kleine Wunder. Im Embachkar im Pinzgau retteten Helfer kürzlich nach eineinhalb Stunden eine Frau aus dem Berchtesgadener Land aus einer 200 mal 400 Meter großen Lawine, die ihre Gruppe gegen Mittag in 1700 Metern Höhe losgetreten hatte. Die Frau hatte nicht einmal ein Verschütteten-Suchgerät bei sich. Doch ein Lawinenhund machte sie schließlich unter dem Schnee ausfindig.

Statistisch sinken die Überlebenschancen nach 15 bis 35 Minuten auf ein Drittel, nach 90 Minuten werden nur sieben Prozent der Opfer lebend gerettet. Experten vermuteten, dass die Frau eine große Atemhöhle hatte. Denn auch der junge Freisinger war eineinhalb Stunden unter dem Schnee - für ihn kam aber jede Hilfe zu spät.

25 Tote zählten die österreichischen Behörden in dieser Saison - elf waren es im Vorjahr. 28 Menschen starben in der Schweiz. "Von einem Katastrophenwinter braucht man nicht sprechen", sagt Winter. "Aber es gab viele Tote." Ausgerechnet in dieser schneearmen Saison. "Weniger Schnee heißt nicht sicherer. Wenig Schnee führt sogar oft zu höherer Lawinengefahr", sagt Winter. Verfrachtungen durch den Wind machen gerade dann Übergänge zwischen wenig und viel Schnee zu instabilen Stellen - die Gefahr variiert oft auf wenigen Metern.

Sommerwege liegen oft in Gefahrenzonen

Solche Situationen einzuschätzen, erfordert Erfahrung - die Neulingen im boomenden Bergsport oft fehlt. An der Rotwand bei Schliersee versuchten Schneeschuhgeher eine steile Rinne entlang Skispuren aufzusteigen. Erst auf Warnrufe von Tourengehern drehten sie um. Hier fahren Geübte auf Skiern ab - doch ein Aufstieg ist zu riskant. Gibt es auf Skiern bei eher langsamen Grundlawinen eine gewisse Chance zu entkommen, ist das zu Fuß meist aussichtslos. "Schneeschuhgeher sind oft Quereinsteiger und kommen eigentlich aus dem Wandern", sagt Griesbeck. "Sie kennen die Wege möglicherweise vom Sommer - und gehen sie auch im Winter." Dabei liegen Sommerwege oft in Gefahrenzonen.

Vor allem im Süden, in Tirol und Südtirol soll das Wetter über Ostern besser werden. "Die Kombination ist kritisch: Lawinengefahr, besser werdendes Wetter - und Feiertage", warnt Bucher. "Wir wissen von zurückliegenden Lawinenunfällen: Das ist die gefährliche Situation."

Danach aber hoffen Skitouregeher auf ein perfektes Frühjahr: Der Neuschnee wird sich setzen und den typischen Firn bilden, in dem sich leicht schwingen lässt. Bucher. "Es wird noch mal sehr gut." (dpa)