Stadt der Kontraste

Luftbrücke zwischen Arm und Reich: die neue Seilbahn in La Paz.
Luftbrücke zwischen Arm und Reich: die neue Seilbahn in La Paz.
Foto: Contzen
Was wir bereits wissen
In Boliviens Regierungsstadt La Paz stehen die Zeichen auf Aufbruch. Eine neue Seilbahn ermöglicht den Blick in die Zukunft.

La Paz..  In Bolivien laufen die Uhren rückwärts. Ein kleiner Seitenhieb gegen die Amerikaner, die laut Machthaber Evo Morales den Uhrzeigersinn für sich gepachtet haben. Dabei ist die Uhr am Parlamentsgebäude eigentlich das einzige, das in La Paz rückwärts gewandt ist – in der Millionenstadt im ärmsten Land Südamerikas stehen die Zeichen auf Aufbruch.

„Wer La Paz nicht kennt, wird es nicht bemerken“, sagt Pablo von Vacano, der in der Stadt aufgewachsen ist. „Aber für mich sind die Veränderungen enorm.“ Der Stadtführer bummelt über das Kopfsteinpflaster der Calle Apolinar Jaen, eine der ältesten Straßen und seltenes Juwel im kolonialstilarmen historischen Zentrum. An den bunten Häusern prangen kunstvoll verzierte Holzbalkone, im Erdgeschoss ist mal ein innovativer Design-Shop oder ein trendiges Ethno-Café untergebracht. „Noch vor einem Jahr gab es das alles nicht, die Straße war heruntergekommen, von den Häusern fiel der Putz“, sagt Pablo.

Doch seit kurzem gibt es in Boliviens Großstädten eine neue Mittelklasse – dank des Mineralienbooms und der Linksregierung, die vermehrt Geschäfte mit den vorher oft benachteiligten „indigenas“ macht, den Nachkommen der südamerikanischen Ureinwohner. „Die Menschen denken jetzt an die Zukunft und investieren, weil sie sich als Teil der Gesellschaft fühlen“, meint Pablo, der mit seinem Strohhut selbst eher als Tourist durchgehen könnte. „Überall entstehen neue Restaurants und Geschäfte. Vor einigen Jahren noch gab es in La Paz keine Parks, keine Recyclingpolitik, nicht mal Zebrastreifen. Jetzt sehe ich zum ersten Mal einen gewissen Optimismus.“

Luftbrücke zwischen Arm und Reich

Das deutlichste Zeichen für die Aufbruchsstimmung ist wohl die neue Seilbahn, die seit dem vergangenen Jahr nicht nur das städtische Straßennetz entlastet. Die quietschgelben Gondeln, die zwischen schroffen Felsen über den dicht bebauten Talkessel pendeln, sind so etwas wie eine Luftbrücke zwischen Arm und Reich. Sie verbinden den brandneuen Süden von La Paz mit der 400 Meter höher gelegenen Arbeitersiedlung El Alto. Auf der einen Seite gibt es moderne Apartmenthäuser, Kinos und „Ceasar’s Salad“ in schicken Restaurants, auf der anderen Seite verkaufen alte Frauen frisch gepressten Orangensaft für ein paar Münzen, die Häuser hinter ihnen sehen aus, als wären die Menschen in den Rohbau eingezogen.

„Am Anfang war es ein Schock“, erinnert sich Pablo, der sich als Teil der neuen Mittelklasse sieht. „Hier im Süden hat man sich gefühlt wie bei einer Invasion. Die Leute aus El Alto haben sogar auf den Verkehrsinseln gepicknickt, weil es selbst einen so kleinen Streifen grün bei ihnen nicht gibt.“ Tatsächlich ist die mit dreieinhalb Kilometern längste urbane Seilbahn der Welt stark frequentiert: Schon in den ersten acht Wochen nach Inbetriebnahme wurden zwei Millionen Tickets gelöst – mehr als doppelt so viele Fahrten wie ein durchschnittlicher Skilift in einem Winter macht.

Zarte Annäherungsversuche

Wer einen Blick auf die umliegenden Berge wirft und die Nase in die kraftraubende, abgasschwangere Höhenluft streckt, kann den Erfolg des 200-Millionen-Dollar-Projekts schnell nachvollziehen. Immerhin liegt La Paz rund 3600 Meter über dem Meeresspiegel, die engen Gassen sind steil und verstopft, für Umgehungsstraßen ist im Tal kein Platz.Und so kommt es in den kleinen, schwebenden Waggons immer wieder zu zarten Annäherungsversuchen zwischen Großstädtern jeder Couleur: Wohlhabende Geschäftsmänner sind auf dem Weg zum Flughafen, Familien aus einfachen Verhältnissen zieht es ins Einkaufszentrum, Touristen genießen die traumhafte Aussicht über die Stadt.

Wie groß die Unterschiede zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen sind, vermag niemand so genau zu sagen. Seit dem Linksruck im Land tragen die indigenen Frauen ihre traditionellen Polleras und Borsalinos wieder mit stolz, eine aufwändig verzierte Kombination aus Rock und Hut kann schnell bis zu 1000 Euro kosten. Und auch die Miete für einen der kleinen Stoff- oder Elektronik-Läden, gleich um die Ecke des Mercado Rodriguez, wo getrocknete Kartoffeln, Maniok-Wurzeln und feurige Ulipica-Körner meist vom Boden verkauft werden, kann leicht einen höheren dreistelligen Betrag erreichen.

Ein Besuch in den Randbezirken

„La Paz ist die Stadt der Kontraste“, meint Pablo dazu. „Es gibt keine Höhepunkte. Es gibt nur die Sonne und die Kälte, die Höhenluft und einige Kilometer weiter den Amazonas. Die Leute wählen Evo Morales, aber unser Bürgermeister ist von der Opposition. Sonntags geht man in die Kirche und opfert danach etwas für Pachamama.“ Für die meisten Touristen freilich, die sich nur im historischen Zentrum zwischen Hexenmarkt und Kathedrale bewegen, sind diese Kontraste weniger offensichtlich. Die anderen Gesichter der Stadt offenbaren sich erst bei einem Besuch der Randbezirke, im Stadtteil Sopocachi beispielsweise, wo sich Künstler und Bohemiens in kleinen art-deco Restaurants und Bars die Zeit vertreiben.

Mit der neuen Seilbahn sind jedoch innerhalb von einer guten halben Stunde nicht nur die Höhenmeter, sondern auch manch unsichtbare Mauern schnell überwunden. Für drei Bolivianos, etwas weniger als 50 Cent, können Touristen damit eine neue Invasion im unbekannten La Paz starten.