Reisen mit der Bahn - Nostalgie im Nachtzug

2868 Stunden auf der Schiene - Bahnliebhaber Ulrich Reinhart auf dem Weg mit dem Nachtzug nach Wien.
2868 Stunden auf der Schiene - Bahnliebhaber Ulrich Reinhart auf dem Weg mit dem Nachtzug nach Wien.
Foto: Christian Leetz
Vor 40 Jahren ist Ulrich Reinhart mit dem legendären "Holland-Wien-Express" gefahren, der heute nur noch EN 420 heißt. Eindrücke eines Zugverrückten.

Essen.. Es ist 21 Uhr, Wien Westbahnhof, Gleis 9. Ulrich will fahren. Er ist wie immer zu früh am Bahnhof. Wie immer. Er trägt ein blaues Hemd, Jeans, Schirmmütze, eine braune Lederumhängetasche und einen Koffer, mit dem schon seine Mutter auf Reisen war. Wo später der Nachtzug nach Düsseldorf abfahren soll, steht jetzt noch der „Dacia“, eine rollende Legende. Route: Wien-Budapest-Bukarest. Wie ein Inspektor, dem kein Detail entgeht, läuft Ulrich die roten, blauen und weißen Wagen ab. In der einen Hand hält er die Zigarette, mit der anderen fährt er beinah zärtlich über Türgriffe, berührt Zugschilder und Waggons. Manchmal schiebt er seine Brille zurecht, um Dinge näher zu betrachten.

Ulrich heißt mit Nachnamen Reinhart, Jurist, 63 Jahre alt, ein eher unauffälliger Typ. Seine Frau ist vor zehn Jahren gestorben, die drei Kinder sind groß. Es ist jetzt 40 Jahre her, seit er das letzte Mal in Wien-West war. Der Bahnhof ist für den kleinen Mann nicht irgendein Bahnhof, sondern der Ort, an dem er in den 70er Jahren den Begegnungen mit seiner Jugendliebe entgegenfieberte. Fünfmal hat er die Reise zu ihr auf sich genommen, ist erst mit dem „Holland-Wien-Express“ bis in die österreichische Hauptstadt gefahren, dann mit dem „Wiener Walzer“ bis Budapest und weiter mit dem „Balt-Orient-Express“ nach Cluj-Napoca, Klausenburg, in Rumänien. 26 Stunden Bahnfahrt waren das, für Ulrich Momente der Glückseligkeit, unvergessliche Abenteuer gen Osten.

230.000 Kilometer auf dem Tacho

Heute heißt der „Holland-Wien-Express“ „EN 420“. Aber immerhin: Er rollt noch. Andere Züge sind wegen Hast und Zeitdruck, neuem Reiseverhalten, Flugverkehr und Kostendruck längst auf dem Abstellgleis gelandet. Züge wie der „Direkt-Orient-Express“ von Istanbul über Mailand nach Paris zum Beispiel, oder der „Ost-West-Express“ von Paris nach Moskau. Ulrich ist sie alle gefahren, die großen Züge. „Es geht doch um die Namen“, findet er. Ob „Costa-Brava-Express“, „Baikal-Express“ oder „Flandern-Riviera-Express“, die Namen versetzen Menschen wie ihn erst richtig in Stimmung. Sie zeigen an, wo es hingeht. Man spürt, „jetzt geht es in den Urlaub“, sagt Ulrich. Dass der Zusatz „Express“ ein schnelles Ankommen nur vorgaukelt, stört ihn nicht.

Mit EN 420 tut er sich schwer. Kopfschütteln. Ulrich ist ein Bahnverrückter. Als Kind stand er stundenlang am Gleisübergang und hat auf die großen Züge gewartet, um einen Blick auf das Zugschild mit der Route zu erhaschen. Mit jedem bunten Wagen, der da kam, wuchs das Fernweh.

Mit Reiszügen viermal um die ganze Welt

Heute hat Ulrich 230 000 Kilometer auf dem inneren Tacho. Mit internationalen Reisezügen ging es durch aller Herren Länder, viermal um die ganze Welt, und über jede Fahrt hat er genau Buch geführt: 2868 Stunden und 95 Nächte verbrachte er auf der Schiene. Zu seinen Regeln gehörte es, Züge nur von Endstation zu Endstation zu fahren. Einfach am nächstgelegenen Bahnhof ein- oder auszusteigen, das passte nicht in die Denke des langhaarigen Jura-Studenten. Die Fahrpläne der Nachtzüge paukte er wie Gesetzes-Paragraphen. Während andere damals politische Streitschriften lasen, griff Ulrich zum Internationalen Kursbuch.

Für einen wie ihn ist das Ziel Nebensache. Von Wien kannte er lediglich den Bahnhof, nicht Schloss Schönbrunn, nicht das Belvedere oder den Prater. Mailand oder Calais erging es nicht anders: Ulrich degradierte sie zum Umsteigebahnhof.

Je länger die Fahrt, desto besser

Ulrich geht es ums Reisen. Sonst um nichts. Je länger die Fahrt, desto besser. Urlaub ist, wenn man tagelang das Klacken der Räder hört, wenn Waggons über Weichen ruckeln und sich alles auf zwei endlosen Stahllinien dem Horizont entgegen wiegt.

21.30 Uhr, der EN 420 ist da. Ulrich mustert den alten „Holland-Wien-Express“ aufmerksam, dann steigt er ein und bezieht sein Abteil. Wenig später ist es soweit: Ulrich fährt wieder. Der Wagen rollt sanft, fast geräuschlos, die beiden Betten sind frisch bezogen, in einer Halterung stehen zwei Wasserflaschen. Das WC mit Dusche ist blitzblank, über einem Bügel hängen weiße Handtücher. Ulrich findet über der Tür einen Temperaturregler und spielt daran herum. Dann breitet er auf dem Bett seinen Kulturbeutel aus: Zahnputzzeug, Kamm, Deo, Klopapier, Einwegklobrillen, Feuchttücher und Sagrotan. Dinge, die man vor 30 Jahren in internationalen Kurswagen gut gebrauchen konnte. Dinge, die in einem modernen Nachtzug aber so überflüssig sind wie sein eigenes Fass Bier mit in die Kneipe zu schleppen. Es ist ein Allzweck-Kulturbeutel aus einer anderen Zeit, einer, als „Reisen noch eine sehr intime Angelegenheit war“, erinnert sich der Anwalt. Unklimatisierte Wagen, bis zu acht Personen pro Abteil im Liegewagen, viel Schweiß, wenig Platz und nur ein Gemeinschaftswaschraum pro Waggon. Es war die Zeit, als bei Ulrich die Erkenntnis reifte, „dass Züge leben“.

Ein bunter Haufen Menschen

Im EN 420 kommen die alten Erinnerungen hoch. Erinnerungen an Fahrten, bei denen es abends in den 70ern mit zwei deutschen Liegewagen und einigen Abschnitten der Bulgarischen Staatsbahn in Richtung Süd-Ost los ging. Fahrten, bei denen im Lauf von Tagen Waggons aus Frankreich, Italien und Russland zugekoppelt wurden. Irgendwann schlängelte sich schließlich ein zusammengewürfelter Haufen bunter Wagen samt Menschen und Inhalten quietschend durch ausgedörrte Sommerlandschaften. Hühner gackerten in Gepäcknetzen, Muslime versuchten beim Beten auf kurviger Strecke ihren Teppich Richtung Mekka auszurichten.

Nachtzüge waren ein Kuriosum ihrer Zeit, Orte intensiver Begegnungen: Mit den Türken trank man im Speisewagen Chai, mit Franzosen und Italienern Rotwein, mit Österreichern, Niederländern und Jugoslawen Bier. Die Gänge waren zugestellt mit Elektrowaren und sonstigem Krimskrams für die Verwandten in der Heimat. Es war die Zeit der Gastarbeiter, fast jeder im Zug sprach Deutsch.

23.01 Uhr, Ulrich steht auf dem Gang. „Dort muss man stehen“, sagt er. Am Fenster zieht die Nacht vorbei, kleine Dörfer, Bahnsteiglampen, schwarze Wälder und Felder, ein Mix aus unscharfen Szenen und Ulrichs Gedankenwelt. Ganz leise ist das Klack-Klack der Räder zu hören.

23.36 Uhr, Ulrich geht in sein Abteil. Den Fahrplan verstaut er noch ordentlich in der Reisetasche, dann legt er sich aufs Bett, das blaue Nachtlicht lässt er brennen. Die Gedanken rollen, ein letztes Mal für heute. Das leise Klack-Klack ist sein Wiegenlied. Ulrich fährt. Und schnarcht.

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