"Stress im Gepäck"
12.08.2009 | 13:02 Uhr 2009-08-12T13:02:00+0200
Twitter, Facebook, Handy: Die totale Kommunikation verhindert richtiges Entspannen – findet Facharzt Jens Möller
Laut einer Studie der Techniker Krankenkasse fühlt sich jeder dritte Deutsche dauergestresst, mit unabsehbaren Folgen für die Gesundheit. Mit dazu bei trägt die ständige Erreichbarkeit via Handy, aber auch Online-Netzwerke wie Twitter und Facebook, über die man andere permament an seinem Leben teilhaben lässt. Auch im Urlaub. Über das „Leben auf Standby” sprach das Reise Journal mit Jens Möller, Arzt und Spezialist für ganzheitliche und chinesische Medizin. Im Alltag behandelt und therapiert er gestresste Menschen, die im Artepuri Hotel in Binz auf der Ostseeinsel Rügen ihre schönsten Wochen im Jahr verbringen.
Wie oft klingelt denn in Ihren Therapiesitzungen das Handy von Patienten?
Möller: Zum Glück nur sehr selten, aber es kommt tatsächlich vor.
Sehr viele Deutsche fühlen sich einem permanenten Druck ausgesetzt. Ist das Mobiltelefon ein Grund dafür?
Möller: Auch. Ich versuche den Gästen hier näherzubringen, warum es helfen kann, einmal Abstand von diesen Dingen zu gewinnen. Aber ich weiß, dass die Realität anders aussieht. Mehr als die Hälfte aller Urlauber geht während des Urlaubs täglich ins Internet, gut ein Drittel nutzt das Handy beruflich. Man hat den Stress quasi im Gepäck. Die Angst vor Arbeitslosigkeit oder nicht mehr auf dem neusten Stand zu sein treibt die Menschen in diese Richtung. Eine Rolle spielen hier auch Social Networks wie Facebook und Twitter.
Können Sie das näher erläutern?
Möller: Es geht zum Teil Hand in Hand. Mancher meint, es gehöre zum guten Ton, nach Mitternacht noch E-Mails zu verschicken, damit jeder sehen kann wie fleißig man doch ist. Und alle sollen natürlich mitbekommen, was für ein tolles Leben man führt. Sie merken schon – es stehen sehr oft die „Anderen” im Mittelpunkt. Kaum noch das, wonach einem selbst gerade ist. Im Alltag, aber auch im Urlaub. Man muss sich immer beweisen.
Wer ist besonders gefährdet?
Möller: Jeder. Das zieht sich durch alle Bevölkerungsschichten. Die Menschen leisten unglaublich viel, was sie von früheren Generationen zwar nicht unterscheidet, aber der Druck ist eben größer und damit der Zwang nach außen zu dokumentieren, was man erreicht und erlebt hat. Die Grenzen von Freizeit und Beruf, von An- und Entspannen verschwimmen mehr und mehr. Das geht oft auf Kosten der Erholung und kann nicht gesund sein.
Gesellschaft und Leben haben sich also stark verändert. Die Pauschalreise ist dagegen nach Jahrzehnten noch die gleiche. Braucht es vielleicht andere Urlaubsformen?
Möller: Es geht vor allem darum zu erkennen, dass Urlaub eine sehr begrenzte Zeit im Jahr ist, die man für sich selbst achtsam nutzen sollte. Und das geht überall auf der Welt. Man kann zum Beispiel ein Profil erstellen, mit Punkten, die einem wirklich wichtig sind und diese kann man dann mit der Familie abstimmen. Urlaub schlicht zu konsumieren, bringt kaum nachhaltige Erholung. Wichtig ist, was gut für einen ist, auch wenn gerade das nicht im Trend liegen sollte. Auf übertriebenes Essen oder die Cocktails zu verzichten, weil es einen nachts quält. Den Fernseher auszulassen oder sogar das Handy mal abzuschalten. Und wenn ich statt einer Städtetour lieber ein Buch am Strand lesen möchte, ist das doch völlig okay. Reiseführer können furchtbar unwichtig sein. Es geht um mich und die Familie und eben nicht um die virtuelle Familie bei Twitter.
Es geht also darum alle Alltagskomponeneten im Urlaub auszuschließen?
Möller: Nein, das braucht es auch gar nicht. Es ist ein Weg der kleinen Schritte. In diesem Jahr nehme ich mir das eine, im nächsten etwas anderes vor. Wichtig ist es dann, etwas in meinen Alltag mitzunehmen. Es geht nicht darum das Leben komplett umzukrempeln, sondern etwas zu verbessern.
Wo laden Sie denn eigentlich Ihre Urlaubsbilder hoch?
Möller: (lacht) Noch nirgendwo, aber ich muss zugeben, dass ich neugierig bin und mir Facebook und Co. mal anschauen werde. Sie sehen, auch ich mag mich ändern.
Interview: Achim Faust
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