Portrait eines Fischers

Die Fischer von der Arugam Bay: „Es ist eine gefährliche Arbeit.“
Die Fischer von der Arugam Bay: „Es ist eine gefährliche Arbeit.“
Foto: Mona Contzen
Was wir bereits wissen
Der Tourismus an Sri Lankas Ostküste wurde erst vom Bürgerkrieg, dann vom Tsunami vernichtet. Heute entwickeln die Menschen hier ganz eigene Konzepte.

Colombo..  Ameel Rinosa hat die Hände eines alten Mannes. Rau und faltig sind sie und mit einer dicken Schicht Hornhaut überzogen. Ameel ist erst 32, doch 15 Jahre als Fischer haben ihre Spuren hinterlassen. Jeden Morgen um sechs fährt Ameel mit seinem schmalen, grünen Einbaum-Katamaran von der Arugam Bay hinaus auf den Indischen Ozean, der bekannt ist für seine starken Wellen und die tückischen Strömungen. Es sei eine gefährliche Arbeit, sagt Ameel. Lohnen tut sie sich kaum.

Während die berühmten Stelzenfischer an Sri Lankas Südwestküste längst zu Fotomotiven mutiert sind, die lieber nach dem Geld der Touristen angeln als nach Fischen, bringt Ameel heute vier Langusten, drei Barrakudas und einen Krebs mit nach Hause – nicht genug, um sich und seine Mutter zu ernähren und auch noch die Arztrechnungen zu bezahlen, die sich bei der älteren Dame häufen.

Ameels Heimat im Osten der Insel ist in touristischer Hinsicht ein schwaches Abziehbild von der gegenüberliegenden Küste: Anstelle der Happy-Hour-Strandlokale liegen hier nur ein paar Dörfer zwischen den menschenleeren, palmengesäumten Traumstränden. Die Nationalparks, erst seit kurzem wieder zugänglich, kommen noch ohne knatternde Jeep-Karawanen aus und an den weitläufigen Lagunen, bedeckt von Wasserhyazinthen- und Seerosenteppichen, erschrecken sich die Elefanten noch vor Besuchern.

Ein Datum im Sand

26.12.2004, 9.35, schreibt Ameel in den Sand. Das sei der Zeitpunkt gewesen, der sein Leben veränderte. In Arugam Bay, dem Surferparadiesund nahezu einzigem touristischen Hot-Spot an Sri Lankas Ostküste, lässt sich heute kaum noch erahnen, dass die Menschen hier vor etwas über einer Dekade alles verloren haben. Die kleinen Hotels und Gästehäuser am Strand – völlig zerstört. Die bunten Fischerboote – weggeschwemmt. Die Reisernte auf den leuchtend grünen Feldern – vernichtet. Als der Tsunami, der 2004 auch in Thailand verheerende Zerstörung brachte, in drei mächtigen, 15 Meter hohen Wellen über die malerisch geschwungene Bucht hereinbrach, hinterließ er eine Trümmerwüste und Ameelv verlor seine ganze Familie. „Es geht im Leben nicht um Geld“, sagt der 32-Jährige jetzt und nimmt einen tiefen Schluck aus seiner Bierflasche, „es geht darum, es zu genießen“.

Während Langusten und Fische in einer Plastiktüte mit Eis vorübergehend der brennenden Sonne entkommen, geht Ameel eine Runde surfen oder schwimmen und nutzt die Gelegenheit, um Touristen zum Essen in sein Haus einzuladen.

Am Abend dann steht der Fischer mit seinem von der Salzluft angefressenen Fahrrad auf der dicht bebauten Durchgangsstraße und strahlt, wenn die Gäste tatsächlich kommen. Über einen holprigen Sandweg und ein Stückchen Wiese geht es zu seiner Holzhütte. Die Italiener hätten die nach dem Tsunami für ihn gebaut, sagt Ameel fast entschuldigend, springt hinein, um kurz darauf bunte Bastmatten und harte Kissen auf dem sandigen Boden draußen zu verteilen. In einem kleinen Verschlag gegenüber brennt schon das Feuer.

Auch wenn Arugam Bay auf der Hitliste der weltweiten Surfspots sehr weit oben rangiert, ist es für die hiesigen Verhältnisse ein kleines, unbekanntes Nest – nicht zu vergleichen mit den Touristenhochburgen an der Südwestküste, die mit Luxusresorts und Ayurveda-Tempeln auch die zahlungskräftige internationale Klientel anziehen. Gerade trieb der Tourismus an der Ostküste wieder erste zarte Blüten, nachdem der Bürgerkrieg hier ab den 80er Jahren besonders heftig gewütet hatte und Feriendomizile zu Rebellenstützpunkten geworden waren. Dann machte der Tsunami alles dem Erdboden gleich.

Der Traum vom eigenen Restaurant

Wer die Küste entlang gen Norden fährt, sieht noch heute die von der Luftfeuchtigkeit schimmeligen Ruinen der Gästehäuser am Strand, dazwischen immer wieder Friedhöfe, von denen viele Grabsteine das Jahr 2004 tragen. Doch Arugam Bay will an den einstigen Touristen-Boom anknüpfen, der innerhalb eines Jahres, zwischen Waffenstillstand und Tsunami, die Anzahl der Gästezimmer auf über 400 ansteigen ließ. Heute gehört die eine Hälfte der goldgelben Bucht den Fischern mit ihren Booten und Schilfhütten, die andere Hälfte hat der Tourismus zurückerobert – und trotzdem Platz gelassen für Menschen wie Ameel, die den Ausländern jenseits von Tempelbesuchen, Folkloreveranstaltungen und Tuktuk-Fahrten Einblicke in ihr wirkliches Leben gewähren.

Gemeinsam mit seiner Mutter hockt Ameel barfuß vor dem Feuer, eine Taschenlampe im Mund. Außer den Grillen und dem Zischen des Öls ist nichts zu hören. Keine plappernden Touristen, keine dröhnenden Beat-Boxen. Der Mond scheint hell, die blinkenden Lichter der Restaurants an der Hauptstraße sind genauso überflüssig wie Besteck, wenn Ameel den duftenden Fisch aus der Alufolie wickelt und mit geschickten Fingern filetiert. Aromen von Rosmarin und einem Hauch Chili umhüllen das frische Gemüse aus dem Nachbarsgarten.

„Ich bin der beste Koch in Arugam Bay“, sagt Ameel selbstbewusst. Dann erzählt er von seinem Traum: ein eigenes Restaurant, nur vier Tische, zehn Stühle. Manchmal ist Ameel schwer zu verstehen, zur Schule ist er nie gegangen, Englisch hat er sich selbst beigebracht, und jetzt überschlägt sich seine Stimme vor Begeisterung. Das Logo hat er schon genau vor Augen, ein schlichter kreisförmiger Schriftzug, in der Mitte ein Hummer. Ameel springt auf, beträufelt an einer imaginären Grillstation den Fisch mit Limettensaft, wirft frische Gewürze in den Mixer.

Der Traum ist hinter einem Vorhang aus Decken verborgen. Das Restaurant hat Ameel schon gebaut. In zehn Tagen hat er mit seiner Mutter den Betonboden gegossen, die niedrigen Mauern hochgezogen und das Dach aus Palmblättern geflochten.Doch für die Einrichtung fehlt ihm noch das Geld. Sobald er es zusammen hat, ist Arugam Bay um ein Fischrestaurant reicher – schade eigentlich.