Pilates und Tai Chi in der italienischen Küstenstadt Rimini

Die Italiener leiden weiter und der Krise.
Die Italiener leiden weiter und der Krise.
Was wir bereits wissen
Italien befindet sich noch immer in der Krise. Vielleicht auch aus dieser Not heraus, entstehen neue Konzepte für den Tourismus.

Rimini.. Mit Hingabe kneten die Leute ihre großen Zehen. Über dem kleinen Zeltdach, wo die Fußreflexzonen-Massage stattfindet, glüht die italienische Sonne. Schweißperlen tropfen auf die bunten Matten am Strand, während die Kursteilnehmer sich zu den Stimulationspunkten für Pankreas und Magen vorarbeiten. Zur gleichen Zeit schwitzen 100 Meter weiter ein Dutzend Männer und Frauen beim Yoga. Wellness macht sich breit an der Küste von Rimini.

Obwohl es in Italien immer noch kriselt, vielleicht deswegen, bieten die Strandbäder kostenlose Wohlfühlkurse, überraschen mit neuen Konzepten, investieren viel Geld in Designer-Umkleiden und Rollrasen. Den meisten Erfolg versprechen sie sich vom Programm „benessere del spiagge“ (Wellness am Strand).

Exotik bei den „Indischen Nächten“

In dieser Saison wollen wieder viele Strandbäder Pilates, Tai Chi, Chigong oder Shiatsu anbieten. Richtig exotisch wird es bei „Indischen Nächten“ und Vollmond-Meditationen. Es gibt einen eigenen Dachverband, der alles organisiert und seine Fachübungsleiter vormittags und abends in den Sand schickt, um Urlaubern zu zeigen, wie sie sich beim Yoga entspannen oder per Reflexzonen-Stimulation die Verdauungsschwierigkeiten wegmassieren können. Bis auf wenige Ausnahmen ist das Angebot für die Gäste der Strandbäder kostenlos.

Um zu verstehen, warum sich die Betreiber so viel von solchen Aktionen erhoffen, muss man wissen, wie Strandbäder in Rimini funktionieren. Sie sind nicht bloß einfache Badeanstalten, in denen man ab 16 Euro am Tag zwei Liegen und einen dringend notwendigen Sonnenschirm mieten kann. Sie sind ein eigener Kosmos, Treffpunkt für Familienmitglieder und Nachbarn, Lebensmittelpunkt im Sommer, wenn es so heiß wird, dass man am liebsten Tag und Nacht in einer Badewanne voll Eiswürfel liegen will. Im Strandbad steigen kollektive Grillfeste, und der „bagnino“, so lautet der niedliche Begriff für den Bademeister, der einen Strandabschnitt vom Staat pachtet und das Geschäft betreibt, lädt zur feucht-fröhlichen Weinverkostung in den späten Abendstunden. Familien passen auf die Kinder der Liegestuhl-Nachbarn auf und so mancher Einheimischer kontrolliert freiwillig, ob jeder Tourist für seinen Platz bezahlt hat, auf dem sein Bierbauch liegt. Bei gutem Wetter verbringt man den ganzen Tag am Strand.

Nur sieben freie Strände

Damit es nicht langweilig wird, sorgt der „bagnino“ traditionell für ein ordentliches Unterhaltungsangebot, das auch bei den vielen ausländischen Touristen seit jeher gut ankommt. Jungs toben auf den Volleyball-Plätzen, Väter sieht man beim Boccia, Mütter holen sich Gratis-Zeitschriften. Es gibt Fitness-Geräte mit Meerblick, Kinder-Animation ab drei Jahren und Sandburgen-Wettbewerbe.

Mehr als 250 dieser durchorganisierten Strandbäder gibt es an der gut 15 Kilometer langen Küste von Rimini. Wer die freien Strände zählt, auf denen man sich einfach mit seinem Handtuch und der Kühlbox niederlassen darf, kommt gerade mal auf sieben. Aber die Geschäfte laufen schon lange nicht mehr so gut. Die Krise setzt den Italienern zu.

„Sauftouristen tun uns nicht gut“

Und die Ausländer können aus einem nie dagewesenen Angebot für den Sommertrip wählen, obwohl Italien immer noch einigermaßen günstig ist. Das Image von Rimini ist auch im Eimer. „Die vielen Sauftouristen tun uns nicht gut“, sagt Stefano Lippi, der „bagno numero 70“ betreibt. Er hat seinen Strandabschnitt umgekrempelt, für die Wellness-Fraktion einen Pavillon aufgestellt und mit Teppichen ausgelegt. Seine Gäste können auf neuen Fitness-Geräten radeln und Gymnastik-Bälle ausleihen.

Trotzdem blickt er ein bisschen neidisch auf seinen Kollegen Luca Casadei, der seinen Strand nebenan in ein luxuriöses Anwesen mit Designer-Umkleiden verwandelt hat, die ein bisschen Schatten auf den frisch verlegten Rollrasen werfen. Die Solarpanels auf dem Dach liefern Strom, um die Kabinen zu erhellen, eine Filteranlage fürs Wasser rundet das Ökoprojekt ab. „Wir müssen investieren, damit die Leute auch in Zukunft gerne zu uns kommen“, sagt Casadei. Sein Bagno ist ein Pilotprojekt, Kostenpunkt: rund 250.000 Euro. Die hat allerdings nicht jeder auf der hohen Kante.

Vernünftiger Mehrwert ohne große Investitionen

In jedem Fall hat ein kreativer Wettbewerb begonnen, um ohne große Investitionen einen vernünftigen Mehrwert zu bieten. Eines der schönsten Beispiele ist „spiagge delle donne“ (Strand der Frauen), der seit 65 Jahren in weiblicher Hand ist: Badegäste, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen, erhalten als Öko-Belohnung Energiesparlampen fürs heimische Wohnzimmer. Singles können sich ein Bändchen holen, um zu signalisieren, dass sie auf Partnersuche sind.

Höhepunkt ist der wöchentliche Piadina-Kochkurs, bei dem die Gäste Teig kneten, auswalken und in die Pfanne hauen, um das beliebte Fladenbrot auf den Tisch zu zaubern. Dazu gibt es Käse und Wein und romagnolische Schnulzen aus dem Radio, die die Entspannungsmusik aus dem benachbarten Bagno übertönen. Nebenan sitzt nämlich eine Gruppe unter dem Sonnensegel und knetet auf die Füße ein. Wellness macht sich breit am Strand von Rimini.