Mit einem Aborigine unterwegs in Australiens unberührten Wäldern

Australiens malerische Landschaften gehören zu den ältesten der Welt.
Australiens malerische Landschaften gehören zu den ältesten der Welt.
Was wir bereits wissen
Australiens Waldgebiete gehören zu den wenigen Orten weltweit, an denen man noch auf vom Menschen unangetastete Natur stößt. Die Ureinwohner lernten vor langer Zeit, mit ihr zu leben. Mit dem Aborigine Skip begeben wir uns in Gebiete, die um ein Vielfaches älter sind als die Menschheit selbst.

Australien.. Australien ist eigentlich ein Irrtum. Wir halten das Land für jung, weil wir es erst vor gerade einmal 240 Jahren entdeckt haben. Dabei ist Australien älter als jeder andere Ort auf unserem Planeten. Wer mit Hilfe der „Zeitkapsel Australien“ unsere Erdvergangenheit kennenlernen will, landet am besten im Norden von Queensland. Hier sehen einige Gegenden noch so aus wie die Welt vor 135 Millionen Jahren. Dagegen ist die spektakuläre und sensible Unterwasserwelt des Great Barrier Reefs geradezu brandneu: Erst seit rund 600.000 Jahren schützt es die australische Ostküste vor wilden Pazifikwogen.

Von Port Douglas, 40 Kilometer nördlich von Cairns, lässt sich das gut per Boot erkunden. Doch neben diesem Unesco-Naturerbe gibt es hier gleich noch ein zweites: den Daintree-Regenwald. Ein Urwald, der direkt an den Sandstränden von Nord-Queensland beginnt und sich über 170 Quadratkilometer in die Berge hinaufzieht.

Den Lebensraum lesen wie einen Katalog

Hier, in dieser von der geologischen und menschlichen Weltgeschichte verschonten Ecke unseres Planeten, haben Pflanzen überlebt, die auch schon zu Zeiten der Dinosaurier wuchsen. Von den 19 Urpflanzen, von denen alles Grün dieser Welt abstammt, wachsen hier 13. Wenn es einen Wald gibt, der dem Grün des Paradieses am nächsten kommt, dann ist es dieser hier. Und es gibt Menschen, die nach wie vor in und mit diesem Paradies leben. Zum Beispiel Skip.

Der 35-jährige Aborigine arbeitet für das Informationszentrum an der Schlucht des Mossmann-Rivers. Wenn er, der eigentlich Yangkonda heißt und zum Volk der Kuku Yalaniji gehört, in den Wald geht, dann liest er den Lebensraum wie wir den Baumarkt-Katalog. Für ihn ist der Wald ein einziges Wesen, in dem jeder Stein und jeder Baum, jedes Beuteltier und jedes Insekt seinen Platz und seinen Zweck hat. Sie fügen sich vor seinen Sinnen zusammen wie die Buchstaben einer uns fremd gewordenen Sprache – und er liest seinen Weg. Einen Weg, den er nicht antritt, ohne die Ahnen um Erlaubnis angerufen zu haben, ob denn auch wir Ahnungslosen aus der westlichen Welt über seine Pfade ins dämmrige Grün stapfen dürfen.

Erzähler sind sterblich - Geschichten nicht

Über Hunderte von Generationen hat sich sein Volk in und mit dem Wald entwickelt. Es weiß, wie man mit Pflanzensäften die Fische im Bach betäubt, um sie mit sanfter Hand fangen zu können. Skip weiß auch, wie man die giftigen Nüsse auswäscht und röstet, damit sie essbar werden. Das ganze Wissen wird durch Erzählungen gelehrt. Es zählt die Geschichte und nicht der, der sie berichtet. Denn die Erzähler sind sterblich, die Geschichten jedoch dürfen nicht sterben, weil das Volk sonst mit ihnen stirbt: Knapp 40.000 Jahre hatte dieses Volk Gelegenheit, Pflanzen und Tiere des Waldes kennenzulernen und zu lernen, mit dem Wald zu leben, statt von ihm.

Infoboxasdf-077.xml Anders als die Menschen auf den anderen Kontinenten stammen die Ur-Australier von Menschen ab, die Afrika rund 20.000 Jahre vor allen anderen Urahnen verließen. Skips Volk hatte Zeit genug, das Leben mit dem Rhythmus des Waldes und seinen fünf Jahreszeiten Kälte, Regen, Flut, Hitze und Sturm zu synchronisieren. Ein Spaziergang mit Skip zeigt, wie fremd uns die Natur geworden ist, mit der er noch immer eins ist: Die Aborigines sind über Zehntausende von Jahren in ganz Australien so behutsam mit dem kargen Land umgegangen, dass es erhalten blieb – und ihre Kultur mit ihnen. Wäre Nachhaltigkeit mehr als eine politische Vokabel, wir müssten bei ihnen in die Schule gehen.

Ein Gästehaus ohne Wände

Interessanterweise wachsen die Ahnen der westeuropäischen Einwanderer diesem Naturzustand entgegen. „Ein Dach gegen den Regen und zwei, drei Wände reichen mir schon“ , sagt eine 32-Jährige, die einst als Angelika aus Nürnberg kam, um sich dem Regenwald wissenschaftlich zu widmen. Heute verleitet sie als Angie Touristen zum Dschungelsurfen an Tragseilen durch die spektakuläre Flora. Auch dem Restaurant von Wim van Zil, einem ehemaligen niederländischen Tennisprofi, der heute die erste Fünf-Sterne-Lodge im Nationalpark betreibt, fehlen Wände. Es ist zum Fluss hin offen, der ein paar Meter unterhalb des wohl teuersten Lokals ohne geschlossene Räume sein halblautes Lied murmelt.

Denn wer den Wind stoppt, wird Schimmel ernten im dauerfeuchten Dschungelklima. So grenzt nichts das tausendfach ausschattierte Grün des lärmenden Dschungels aus, in dem Vögel und Viecher rund um die Uhr fremde Melodien erklingen lassen. Und obwohl es geografisch gesehen fast um die Ecke ist, war man niemals weiter weg vom RTL-Dschungelcamp als hier. Denn das Paradies hat keinen Empfang: Die Zimmer in der Lodge haben jeden erdenklichen Luxus, aber keinen Fernseher. Was die meisten Gäste nicht einmal bemerken, sagt Wim van Zil. Man glaubt es ihm sofort.