Mit dem Korea-Express durch Afrika

Drückende Enge und helfende Nähe: Eine Zugfahrt quer durch Tansania bringt Touristen und Einheimische zusammen.
Drückende Enge und helfende Nähe: Eine Zugfahrt quer durch Tansania bringt Touristen und Einheimische zusammen.
Foto: Contzen
Was wir bereits wissen
Eine Bahnlinie durchschneidet Tansania von Ost nach West. Touristen fliegen diese Strecke, doch ein neuer Zug bringt Schwung in die Reise durchs Land.

Dar es Salaam..  Der neue Koreaner ist eine echte Attraktion. Wo immer er auftaucht winken die Menschen und zücken ihre Handys, um ihn abzulichten. Strahlend sauber glänzt der rote und weiße Lack des brandneuen Expresszuges in der Sonne. Ab sofort soll er die tansanische Hauptstadt Dar es Salaam mit dem rund 1100 Kilometer entfernten Kigoma verbinden: Vom Indischen Ozean im Osten geht es einmal quer durchs Land bis an die Grenze zum Kongo im äußersten Westen.

In Dar es Salaam herrscht an diesem ersten April Volksfeststimmung. Fröhliche Trommelmusik dröhnt aus den Lautsprechern, einige Koreaner in dunklen Anzügen nehmen im eigens aufgebauten, weißen Festpavillon Platz. Die Temperaturen sind schon am Morgen auf über 30 Grad geklettert. Doch die Aufregung angesichts des neuen Zuges aus dem fernen Asien kann die Hitze nicht ersticken.

Kinder und Erwachsene mit oder ohne Fahrkarte klettern unaufhörlich die schmalen Stufen zu den Waggons hinauf und wieder hinunter, Schalter werden gedrückt, die in geschmackvollem Bordeauxrot gehaltenen, herunterklappbaren Schlafpritschen getestet.

„Made in Korea“

Der Express der staatlichen Bahngesellschaft verfügt schließlich über alle Schikanen: Ventilatoren hängen in jedem Abteil an der Decke, es gibt einen Rufknopf für das Personal von der Bordküche und sogar WLAN – zumindest manchmal. Ein Fotograf der Bahngesellschaft weist auf das kleine Waschbecken hin, das unter jedem Fenster montiert ist, und freut sich diebisch als aus dem Hahn tatsächlich Wasser läuft. Auf der Armatur steht „Made in Korea“.

Auf dem gegenüberliegenden Gleis steht wie zur Warnung ein alter, verrosteter Zug, dem man das Quietschen und Röcheln auf den Gleisen schon von weitem ansieht. Die alte Bahn braucht für die Strecke von Ost nach West 40 Stunden, Pannen und Verspätungen von mehr als einem Tag sind eher die Regel als die Ausnahme. Der koreanische Express soll den Weg zehn Stunden schneller bewältigen, doch der Fahrplan ist flexibel – wenigstens bei der Jungfernfahrt, zu deren Festakt der ein oder andere Offizielle sich verspätet. Eine junge Bahnangestellte, die auf dem Bahnsteig in schicker, blauer Uniform patrouilliert, die dunklen Kniestrümpfe ordentlich hochgezogen, begrüßt die Fahrgäste zwar freundlich, doch auf die – zugegebenermaßen wahrscheinlich ziemlich deutsche Frage – wann denn Ankunft in Kigoma sei, gibt es nur ein breites Lächeln: „30 Stunden nach Abfahrt“, ist doch klar.

Ein dicker grüner Pflanzenteppich

Mit einer Stunde Verspätung, lautem Hupen und großem Hallo rattert der Express schließlich los. Mit durchschnittlich 36 Stundenkilometern. Kaum liegt die Großstadt mit ihren hässlichen Nebenerscheinungen von Müll und Armutsvierteln zurück, zeigt sich ein Afrika, wie es wohl nur wenige Touristen kennen. Es ist Regenzeit, absolute Nebensaison, und rechts und links der Gleise liegt ein dicker, grüner Pflanzenteppich – kilometerweit weder von Häusern, noch Straßen unterbrochen, nicht einmal Strommasten gibt es hier. Die Luft ist erfüllt vom satten Grün der Pflanzen, mal riecht es fast nach Rosmarin oder Basilikum, dann wieder voll und schwer nach der feuchten, roten Erde. Wo immer der brandneue Zug vorbeirattert, halten die Menschen inne und staunen: die Bäuerinnen, die in bunten Gewändern auf den Feldern stehen, die Kinder in ihren blauen Uniformen auf dem Heimweg von der Schule, die jungen Männer, die mit ihren Motorrädern auf staubigen Straßen vor den ungesicherten Bahnübergängen warten.

Die meisten Touristen nehmen das Flugzeug

Die meisten Touristen nehmen für die 1100 Kilometer von Dar Es Salaam nach Kigoma das Flugzeug. Auch die Jungfernfahrt des Express ist mit Ausnahme der koreanischen Ingenieure den Einheimischen vorbehalten. Doch bei aller Zeitersparnis verpassen die, die das Land im Schnelldurchlauf unter sich vorbeiziehen lassen, eine echte Begegnung mit Land und Leuten abseits aller Touristenziele. Da ist der alte Herr, der unaufhörlich, freundlich lächelnd Suaheli spricht, ungestört dessen, dass sein Gegenüber nur Bahnhof versteht. Das dankbare Glitzern in den Augen einer kräftigen Tante, die sich gemeinsam mit wildfremden Frauen um ihre vom Fieber geschüttelte Nichte kümmert. Der aufmerksame Kellner, der die auf dem Teller verbliebenen Fritten als sicheres Indiz dafür wertet, dass das Essen nicht gut war und schnell eine neue Portion bringt. Die Mütter, die ihre Kinder ganz unaufgeregt plärren oder im Gang spielen lassen, ohne sie mit gluckenhafter Aufmerksamkeit und Spielzeug zu überschütten.

Gepäckchaos und nummerierte Sitzplätze. Brave Geschlechtertrennung in den Abteilen und Unisex-Toiletten auf dem Gang. Plastikmüll, der zu klassischer Musik aus dem Fenster fliegt. Neugierige Blicke und scheue Zurückhaltung. Drückende Enge und helfende Nähe. Ist das Afrika? Vielleicht. Ganz sicher aber ist es eine Bahnfahrt quer durch Tansania.