Das aktuelle Wetter NRW 5°C
Tourismus

Langsamer, aber günstiger als die Bahn - Deutsche entdecken den Fernbus

08.09.2013 | 09:17 Uhr
Funktionen
Langsamer, aber günstiger als die Bahn - Deutsche entdecken den Fernbus
Einmal bitte einpacken: Reisende am neuen Dortmunder Fernbusbahnhof.Foto: Ralf Rottmann / WAZ FotoPool

Ruhrgebiet.   Reisen mit dem Fernbus – eigentlich ganz harmlos, doch noch vor acht Monaten war das innerhalb Deutschlands streng verboten. Nun ist die Branche im Aufwind. Denn die Touren von Essen, Bochum und Dortmund sind meist günstiger als mit der Bahn.

Es klingt ein bisschen so, als sollten die Leute gleich fliegen. „Achten Sie bitte auf die Sicherheitshinweise“, sagt die freundliche Automatenstimme auf Deutsch und auf Englisch: „Bitte verstauen Sie Ihr Handgepäck unter den Sitzen . . . Dieses Fahrzeug verfügt über zwei Ausgänge im vorderen und mittleren Bereich . . . Das Rauchen ist auch auf den Toiletten untersagt . . .“

Lieber Himmel, wenn sie gleich noch mit dem unwahrscheinlichen Fall eines plötzlichen Druckabfalls kommen, sollte man misstrauisch werden. Das hier ist doch nur ein Bus!

Viertel nach neun, am neuen Dortmunder Busbahnhof. Gekommen ist der Bus aus Duisburg, nun füllt er sich zügig, wenn auch schließlich nur halbwegs. Fahrer Etham Kir begrüßt die Fahrgäste, wuchtet Koffer ins Gepäckfach, vergleicht Tickets mit Reservierungen. 20 Leute auf 48 Sitzen werden mit ihm gleich weiterfahren nach Frankfurt am Main. Das ist eine ganz harmlose Art zu reisen, die noch vor acht Monaten streng verboten war.

Der Markt explodiert seit Jahresbeginn

Denn deutsche Fernbusse mit Fahrplänen durften zwar Moskau ansteuern, Banja Luka oder Was-auch-immer, nur mussten die Ziele (mit wenigen Ausnahmen) im Ausland liegen. Doch seit Jahresbeginn ist der Markt freigegeben und explodiert: Nach Zahlen der Tageszeitung „Die Welt“ gibt es bereits 158 genehmigte Linien, und weitere 61 seien beantragt, heißt es.

Billiger als mit der Bahn
Besser im internet buchen, als spontan mitfahren

Die Busse sind deutlich billiger als die Bahn, aber auch deutlich langsamer.

Man sollte die Tickets im Internet buchen. Bei einigen Unternehmen kann man auch hier schon einen bestimmten Platz reservieren.

Angefahren werden bisher im Ruhrgebiet Duisburg, Essen, Bochum und Dortmund. Dort sind die Busbahnhöfe in der Nähe der Hauptbahnhöfe. Wer spontan mitfahren will, riskiert aber, stehenzubleiben, wenn der Bus ausgebucht ist. Denn es gibt natürlich keine Stehplätze.

Es ist die Jungfernfahrt von Elke Lutz, „und jetzt habe ich auch noch diesen Super-Lehrerplatz erwischt“: Erste Reihe, linksaußen, wo sie auch auf Klassenfahrten immer saß, „ich hatte alles im Blick“. Die 69-Jährige aus Holzwickede besucht ihre Cousine und ist von den ersten Kilometern durchs sonnenbeschienene Sauerland sehr angetan: „Allein schon, dass mein Gepäck da unten reingepackt wird. Im ICE steht man oft da mit den Dingern . . .“ Den Ausschlag gibt freilich der Preis, und der ist noch unschlagbar: acht Euro etwa für Dortmund-Frankfurt.

Kampfpreise zum Bekanntwerden

Kampfpreise, natürlich, um bekannt zu werden: Viele Reisende haben die Möglichkeit ,Fernbus’ noch gar nicht erkannt. Alle Anbieter nehmen derzeit Verluste in Kauf, denn „alle glauben, sie würden reich, die Branche ist in Goldgräberstimmung“, sagt Roderick Donker van Heel (45), Geschäftsführer des englisch-stämmigen „National Express Deutschland“ mit der Marke „city2city“. „Wir zählen natürlich auch die Kunden, die in andere Busse steigen, und glauben, dass alle sehr zufrieden sind.“ Nach etwa einem Jahr werde der Markt sich setzen, dann „bleiben drei bis fünf größere Anbieter über“.

Ratgeber
So kommen Sie mit dem Fernbus ans Ziel

Seit dem Wegfall des Fernstrecken-Monopols der Deutschen Bahn bieten sich Fernbuslinien als günstigere Reisealternative an. Das Streckennetz wird...

Auf den Autobahnen des Ruhrgebiets und an seinen Busbahnhöfen fallen vor allem die jeweils gleich lackierten Flotten von „city2city“ (weißblau) und „meinfernbus“ (grünorange) auf, seltener die „Berliner Linien“ oder „Flixbus“. Und ein ganz großer Anbieter kommt erst noch: Das Gemeinschaftsunternehmen von Post und ADAC könnte den Markt noch mal auf den Kopf stellen.

Eine deutsche Anomalie wurde abgeschafft

Dass ein Fernbus-System in Deutschland funktioniert, daran glauben alle Experten – denn keines zu haben, war ja gerade die deutsche Anomalie, Fernbusse fahren in China, in Amerika, im Sudan, in fast allen Ländern bis auf Frankreich und Kongo. Überträgt man die internationalen Erfahrungen, werden die Busse immer 30 bis 40 Prozent billiger bleiben als die Bahn. Claudia Kähmann jedenfalls („Ich glaube, dass ist meine vierte oder fünfte Fahrt“) hat jetzt für Duisburg–Stuttgart erstmals 22 Euro bezahlen müssen statt 16: Die Preiserhöhung spricht eindeutig dafür, dass die Branche Fuß fasst.

„Man hat ein Dach über dem Kopf“, witzelt Peter Lewerenz aus Bochum. Denn in Wahrheit fährt der Kellner zu 15 Tagen Arbeit auf der Frankfurter Fressgass mit dem Bus, „weil’s günstig ist. Sonst hätte ich eine Mitfahrgelegenheit gesucht“.

Ansonsten nutzen viele Studenten das billige, wenngleich langsame Vorankommen: Für Dortmund-Frankfurt sind 3:45 Stunden vorgesehen. Sonstige Erfahrungen: Längeres Busfahren macht bei aller Bequemlichkeit auf diffuse Weise müde. Und: Der Dauertelefonierer in der rückwärtigen Reihe nervt mit jedem Kilometer mehr („Isch liebe dich, schwöre bei Gott, sonst tot“). Flieg, Bus, flieg!

Hubert Wolf

Kommentare
01.10.2013
00:12
Langsamer, aber günstiger als die Bahn - Deutsche entdecken den Fernbus
von hansjoerg2 | #6

Endlich Konkurrenz, die der Monopol-Bahn mal zeigt, was Preise sind. Der ÖPNV ist unbezahlbar gworden, ich fahre innerstädtisch nur Fahrrad. Das gilt selbst für die 15 Kilometer nach Dortmund, wo der VRR unverschämte 5,10 Euro hin und 5,10 Euro zurück haben möchte. Viererticket ist nicht viel billiger. Wären 20 DM für eine Ortsverbindung! Darf man gar nicht darüber nachdenken.

09.09.2013
16:22
Für die einfachen Leute reicht der Viehtransporter
von meigustu | #5

 

08.09.2013
16:24
Langsamer, aber günstiger als die Bahn - Deutsche entdecken den Fernbus
von haary | #4

Preise von 8 € sind absolute Ausnahmeschnäppchen an die man nur mit Glück kommt. Der reguläre Preis z. B. für Ruhrgebiet-Berlin liegt zwischen 50 und 60 € pro Person. Da ist die Bahn mit ihren Quer-durchs-land (44 € + 6 € pro Mitfahrer) und Schönes-Wochenende Tickets (42 € inkl. 4 Mitfahrer) , mit denen man das Ziel in Regionalbahnen in etwa der selben Zeit erreicht u. U. doch günstiger, vor allem, wenn man mit mehreren Personen reist.

08.09.2013
14:02
Langsamer, aber günstiger als die Bahn - Deutsche entdecken den Fernbus
von Klug22 | #3

Schlimm ist das der günstige Busverkehr vom Ruhrgebiet nach Münster politisch verhindert wird! Bei Preisen diese Verkehrs blieben Busse und Bahnen leer!
Unser ÖpnV leidet unter den zu hohen Kosten insbesondere den Lohnkosten!

08.09.2013
10:33
Fernbusse haben es im Ruhrgebiet besonders schwer.
von ruhrgebieti | #2

Die ganzen einzelnen Ruhrstädte abzugrasen, ist für Busse sehr aufwendig: Jedesmal nach ein paar Kilometern von der Autobahn runter und dann aufwendig in die Innenstadt kurven. Das verlängert die Fahrzeiten gewaltig und macht Busfahren nicht attraktiver.

Besser wäre es, eine Bushaltestelle in Autobahnnähe einzurichten, die gleichzeitig bei einer oft angefahrenen ÖPNV-Haltestelle liegt.

Niemand hat Spaß daran, von Duisburg nach Dortmund zwei Stunden unterwegs zu sein.

1 Antwort
Langsamer, aber günstiger als die Bahn - Deutsche entdecken den Fernbus
von Cipo | #2-1

Vielleicht mit dem Zug nach Dortmund fahren!

08.09.2013
10:30
Fernbusse das sind doch die Abzocker,
von meigustu | #1

für die die anders als die verschiedenen Eisenbahngesellschaften "dank" Mautbefreiung keine Streckenkosten zahlen müssen.

2 Antworten
...
von 1980yann | #1-1

Was heißt da Mautbefreiung? Es gibt nunmal keine Busmaut, von der man befreien müsste. Busse sind wie PKW nicht mautpflichtig.

wie sie sich auch drehen und wenden
von meigustu | #1-2

Fakt ist der Bus muss anders als die Bahn keine Streckenkosten zahlen, hat also einen Wettbewerbsvorteil gegenüber der Bahn.

Spezial
Entspannt läuft es einfach besser
Anzeige
Reise
Piste oder Palmenstrand, Kurztrip oder Daueraufenthalt: Immer mehr Deutsche packen jetzt kurz vor Weihnachten oder direkt zu Beginn des neuen Jahres...
Finnlines
Anzeige
Reise
Die Reederei Finnlines ist aktuell der einzige Anbieter von direkten Fährverbindungen von Deutschland nach Finnland.  Das Anbord-Konzept bei Finnlines...
Fotos und Videos
Eine faszinierende Reise um die Welt
Bildgalerie
Fotostrecke
Superlative im Advent
Bildgalerie
Fotostrecke
Leserkalender-Einsendungen Oktober
Bildgalerie
Reisebilder
Texanischer Sand für Meisterwerke
Bildgalerie
Tourismus