Langsamer, aber günstiger als die Bahn - Deutsche entdecken den Fernbus

Einmal bitte einpacken: Reisende am neuen Dortmunder Fernbusbahnhof.
Einmal bitte einpacken: Reisende am neuen Dortmunder Fernbusbahnhof.
Foto: Ralf Rottmann / WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Reisen mit dem Fernbus – eigentlich ganz harmlos, doch noch vor acht Monaten war das innerhalb Deutschlands streng verboten. Nun ist die Branche im Aufwind. Denn die Touren von Essen, Bochum und Dortmund sind meist günstiger als mit der Bahn.

Ruhrgebiet.. Es klingt ein bisschen so, als sollten die Leute gleich fliegen. „Achten Sie bitte auf die Sicherheitshinweise“, sagt die freundliche Automatenstimme auf Deutsch und auf Englisch: „Bitte verstauen Sie Ihr Handgepäck unter den Sitzen . . . Dieses Fahrzeug verfügt über zwei Ausgänge im vorderen und mittleren Bereich . . . Das Rauchen ist auch auf den Toiletten untersagt . . .“

Lieber Himmel, wenn sie gleich noch mit dem unwahrscheinlichen Fall eines plötzlichen Druckabfalls kommen, sollte man misstrauisch werden. Das hier ist doch nur ein Bus!

Viertel nach neun, am neuen Dortmunder Busbahnhof. Gekommen ist der Bus aus Duisburg, nun füllt er sich zügig, wenn auch schließlich nur halbwegs. Fahrer Etham Kir begrüßt die Fahrgäste, wuchtet Koffer ins Gepäckfach, vergleicht Tickets mit Reservierungen. 20 Leute auf 48 Sitzen werden mit ihm gleich weiterfahren nach Frankfurt am Main. Das ist eine ganz harmlose Art zu reisen, die noch vor acht Monaten streng verboten war.

Der Markt explodiert seit Jahresbeginn

Denn deutsche Fernbusse mit Fahrplänen durften zwar Moskau ansteuern, Banja Luka oder Was-auch-immer, nur mussten die Ziele (mit wenigen Ausnahmen) im Ausland liegen. Doch seit Jahresbeginn ist der Markt freigegeben und explodiert: Nach Zahlen der Tageszeitung „Die Welt“ gibt es bereits 158 genehmigte Linien, und weitere 61 seien beantragt, heißt es.

Besser im internet buchen, als spontan mitfahren

Es ist die Jungfernfahrt von Elke Lutz, „und jetzt habe ich auch noch diesen Super-Lehrerplatz erwischt“: Erste Reihe, linksaußen, wo sie auch auf Klassenfahrten immer saß, „ich hatte alles im Blick“. Die 69-Jährige aus Holzwickede besucht ihre Cousine und ist von den ersten Kilometern durchs sonnenbeschienene Sauerland sehr angetan: „Allein schon, dass mein Gepäck da unten reingepackt wird. Im ICE steht man oft da mit den Dingern . . .“ Den Ausschlag gibt freilich der Preis, und der ist noch unschlagbar: acht Euro etwa für Dortmund-Frankfurt.

Kampfpreise zum Bekanntwerden

Kampfpreise, natürlich, um bekannt zu werden: Viele Reisende haben die Möglichkeit ,Fernbus’ noch gar nicht erkannt. Alle Anbieter nehmen derzeit Verluste in Kauf, denn „alle glauben, sie würden reich, die Branche ist in Goldgräberstimmung“, sagt Roderick Donker van Heel (45), Geschäftsführer des englisch-stämmigen „National Express Deutschland“ mit der Marke „city2city“. „Wir zählen natürlich auch die Kunden, die in andere Busse steigen, und glauben, dass alle sehr zufrieden sind.“ Nach etwa einem Jahr werde der Markt sich setzen, dann „bleiben drei bis fünf größere Anbieter über“.

Ratgeber Auf den Autobahnen des Ruhrgebiets und an seinen Busbahnhöfen fallen vor allem die jeweils gleich lackierten Flotten von „city2city“ (weißblau) und „meinfernbus“ (grünorange) auf, seltener die „Berliner Linien“ oder „Flixbus“. Und ein ganz großer Anbieter kommt erst noch: Das Gemeinschaftsunternehmen von Post und ADAC könnte den Markt noch mal auf den Kopf stellen.

Eine deutsche Anomalie wurde abgeschafft

Dass ein Fernbus-System in Deutschland funktioniert, daran glauben alle Experten – denn keines zu haben, war ja gerade die deutsche Anomalie, Fernbusse fahren in China, in Amerika, im Sudan, in fast allen Ländern bis auf Frankreich und Kongo. Überträgt man die internationalen Erfahrungen, werden die Busse immer 30 bis 40 Prozent billiger bleiben als die Bahn. Claudia Kähmann jedenfalls („Ich glaube, dass ist meine vierte oder fünfte Fahrt“) hat jetzt für Duisburg–Stuttgart erstmals 22 Euro bezahlen müssen statt 16: Die Preiserhöhung spricht eindeutig dafür, dass die Branche Fuß fasst.

„Man hat ein Dach über dem Kopf“, witzelt Peter Lewerenz aus Bochum. Denn in Wahrheit fährt der Kellner zu 15 Tagen Arbeit auf der Frankfurter Fressgass mit dem Bus, „weil’s günstig ist. Sonst hätte ich eine Mitfahrgelegenheit gesucht“.

Ansonsten nutzen viele Studenten das billige, wenngleich langsame Vorankommen: Für Dortmund-Frankfurt sind 3:45 Stunden vorgesehen. Sonstige Erfahrungen: Längeres Busfahren macht bei aller Bequemlichkeit auf diffuse Weise müde. Und: Der Dauertelefonierer in der rückwärtigen Reihe nervt mit jedem Kilometer mehr („Isch liebe dich, schwöre bei Gott, sonst tot“). Flieg, Bus, flieg!