Jubiläum in Davos - Vom Höhenkurort zum Schlitten-Mekka

Bevor sich Skifahrer ins Tal gestürzt haben, transportierten Bauern ihre Waren auf Schlitten. Heute ein Heidenspaß.
Bevor sich Skifahrer ins Tal gestürzt haben, transportierten Bauern ihre Waren auf Schlitten. Heute ein Heidenspaß.
Foto: Volk
Was wir bereits wissen
Der 8. Februar ist Jubiläumstag - denn vor genau 150 Jahren begann der Wintertourismus in Davos. Doch so manches Schneevergnügen ist noch älter.

Davos.. "Stirb langsam“ steht auf dem Schild, oder das lese ich zumindest im ersten Moment. Im zweiten sehe ich, dass es „Slow – langsam“ heißt, aber da ist es schon zu spät und ich bin mit meinem Schlitten in dem Schneedamm gelandet, der den Rand der Schlittenstrecke markiert.

Ich bin im Schweizer Kanton Graubünden, wo man dieses Jahr 150 Jahre Wintertourismus feiert. Am 8. Februar 1865 kamen die ersten Wintergäste nach Davos, allerdings nicht um sich alle Knochen zu brechen, sondern um gesund zu werden. Für Tuberkulosekranke galt die Höhenluft als heilsam, bekannt war Davos allerdings bislang nur als Sommer-Kurort. Erst mit Dr. Friedrich Unger und Hugo Richter aus Deutschland begann die Karriere als Wintersportort, denn die beiden Kranken erholten sich schnell und vergnügten sich bald beim Schlittschuhlaufen auf dem Davosersee. Heute ist der Ort, gemeinsam mit seinem Nachbarort Klosters, ein Mekka für Skifahrer. 307 Kilometer Skispass gibt es, in sechs Gebieten aufgeteilt in 110 Pisten. Doch was tun, wenn man skibegeisterte Freunde hat, selbst aber nicht Skifahren kann?

Eishockey wurde hier in den Bergen erfunden

Im Wintersportmuseum habe ich mich inspirieren lassen, denn lange bevor Menschen auf dünnen Brettern den Berg heruntergedonnert sind, haben die Bauern ihre Waren auf Schlitten über die Pässe geschleppt. Niemand weiß ganz genau, wann sich der Erste selbst ohne Heu und Salami drauf gesetzt hat und durch den Schnee gecruist ist. Aber als die Touristen ankamen, haben sich die Davoser Kinder nach ihrer wilden Raserei bereits per Pferdekutsche den Berg hinauf ziehen lassen.

Die Schlittenbahn am Rinerhorn ist 3,5 Kilometer lang, 600 Höhenmeter lässt man auf dem Weg hinter sich. Sie windet sich den Hang hinunter, enge Kurven enden in steilen Passagen, nach denen man von einer Reihe an Bodenwellen unsanft abgebremst wird, bevor man in die nächste Kurve schlittert. Ich lenke, indem ich wahlweise meine Füße vorne, oder meine Hände hinten im Schnee schleifen lasse. Für meine erste Fahrt hinunter brauche ich fast eine halbe Stunde, weil ich hinter jeder Kurve stehen bleiben muss, um nachzuzählen, ob alle Knochen noch an Ort und Stelle sind. 33 Kurven gibt es. Für die zweite Abfahrt brauche ich nur noch halb so viel Zeit, zur dritten wünsche ich mir einen Helm.

Nach Sonnenuntergang zum Après Ski

Skifahrer gehen nach Sonnenuntergang zum Après Ski, aber ich will mein Adrenalin lieber als Zuschauer beim Eishockey loswerden. Denn: Wo wurde das erfunden? Hier in den Bergen natürlich. Bis zur Erfindung der Kühlmaschine Mitte des 19.Jahrhunderts hatte man nur Seen zum Schlittschuhlaufen und in den Bergen waren diese besonders lange gefroren. Davos hat noch heute die größte Natureisbahn Europas. Sie ist so groß wie zehn Eishockeyfelder.

Der erste Eishockeyclub wurde 1918 in Davos gegründet. Den heutigen gibt es seit 1920. „Die Clubs wurden gegründet, um jungen Männer in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg Ablenkung und Freude zu bringen“, hatte mir die Frau im Wintersportmuseum erzählt. Vielleicht liegt es daran, dass so ein Spiel mehr nach professionellem Kleinkrieg aussieht: Fünf Jungs streiten sich um ein großes, rundes Stück Schweizer Schokolade, und wenn der Schiedsrichter nicht schaut, verteilt man ordentlich Schläge.

Davos spielt in der ersten Eishockeyliga und hat seit 1993 keine Playoffs mehr verpasst. Als ich das Stadion betrete liegen sie auf Platz zwei und spielen gegen Bern, die auf Platz eins stehen. Es ist das Duell Stadt gegen Bergregion. Das erste, was ich im Stadion lerne, ist Schwizerdütsch. Immer ein -i an jedes Wort hängen. Ich lerne „einsi – zweii – dreii“. Genau soviele Tore schießt Bern. Davos hingegen schafft nur „einsii“. Nur eine Durchsage macht der Stadionsprecher auf Hochdeutsch, als er die Zuschauerzahl durchgibt: 5956 Zuschauer. Das sind halb so viele Menschen, wie Davos Einwohner hat.

Zahlen und Ordnunggibt es auch im Stadion

Der größte Teil der Zuschauer sieht aus, als würde er tagsüber Anzüge tragen. Sie sitzen in Reih und Glied, nie springt einer auf, um die Gegner zu beschimpfen. Kein Bier wird verschüttet. Statt Bratwürstchen im Brötchen, aus denen Ketchup und Senf tropfen, essen die Menschen Pizzataschen in länglich. Ich lerne: Zahlen und Ordnung gibt es in der Schweiz sogar im Eishockeystadion.

Am nächsten Morgen schmerzt mein Körper, als hätte ich selbst Eishockey gespielt, dabei war ich nur die menschliche Bremse am Schlitten. Deshalb muss ich einen mehr oder weniger sportfreien Tag einlegen. Ganz normal, finden meine Skifahrerfreunde. Auch sie haben nach dem ersten Tag auf den Brettern meist solchen Muskelkater, dass der zweite mit wesentlich weniger Ehrgeiz auskommen muss. So lerne ich Eisstockschießen, ein Vorgänger des Curlings. Ein Eisstock ist ein Stock, an dem unten ein Gewicht dran hängt, er sieht ein wenig aus, wie ein großer Plömpel, wiegt nur viel mehr. Diesen Eisstock muss man in die Nähe eines Steins gleiten lassen. Die Regeln sind ähnlich wie beim Boccia. Wenn die Schweizer eisstockschießen, sieht es so grazil und gemächlich, ja fast meditativ aus.

Ihre Plömpel gleiten über das Eis wie eine weltmeisterliche Eisschnellläuferin. Ich hingegen komme mir vor wie Mr. Bean. Mein Eisstock will nicht auf dem Eis ruhig liegen. Vielmehr eiert er umher wie eine Münze, die man auf den Tisch wirft und die nicht zum Stillstand kommen mag. „Du musst früher loslassen“, sagt mein Trainer. „Mehr schieben, weniger werfen.“ Wie beim Bowling schwinge ich meinen Arm, gehe in die Knie und drücke den Eisstock-Plömpel in Richtung Stein. Einmal, zweimal, 183-Mal. Nach etwas mehr als einer Stunde habe ich das Gefühl, mein Arm wird steif und meine Füße frieren am Eis fest. Ich gebe auf und gehe in die Sauna – zählt das eigentlich auch als Wintersport?